Review

Eine Gruppe von Leuten, an einem Ort gefangen.
Eine Stimme vom Band kündigt zahlreiche Todesfälle an.
Einer von ihnen könnte der Täter sein.

Wem das jetzt irgendwie bekannt vorkommt, hat bestimmt einmal „Ten Little Indians“ von Agatha Christie gelesen (oder die deutsche Fassung, die vor der Optimierung „10 Kleine Negerlein“ hieß) oder hat „Das letzte Wochenende“ von 1945 oder „Ein Unbekannter rechnet ab“ von 1973 oder sogar die späteren TV-Fassungen oder die russische Version.
Unwahrscheinlicher ist, dass er – als Deutscher – „The Ninth Guest“ von 1934 gesehen hat, ein kleiner Mysteryfilm, der auf einem wenig erfolgreichen Bühnenstück namens „The Invisible Guest“ basiert und gewisse Ähnlichkeiten mit dem Christie-Roman aufweist. Das ist um so interessanter, weil das Stück und der Film einige Jahre vor der Veröffentlichung von Christies berühmtem Roman herauskamen – insofern kann davon ausgegangen werden, dass sich auch die Meisterin des Kriminalromans mal von anderen inspirieren ließ.

Es handelt sich jedoch nicht um direkte Kopie, wie manchmal erwähnt wird, sondern es geht lediglich um den Grundaufbau der Geschichte, die Konstellation – die Ausführung ist bei Christie ungemein geschickter und sogar in den mit Happy End versehenen Verfilmungen hat man bessere Verwendungen für die „romantic leads“ gefunden, aber als Mystery-Kuriosität ist „The Ninth Guest“ durchaus erwähnenswert.

Anstelle einer einsamen Insel dient in diesem Stück das Penthouse eines Hochhauses als Schauplatz und für Architekturfans soll noch anerkennend erwähnt werden, dass die Ausstatter dieses bestimmt nicht teuren Films für ihre Kulisse einen todschicken Art-Deco-Ansatz gewählt haben, der den Räumen und Ecken, den Schatten- und Lichtinseln besondere Blickwinkel verleiht.

Ganz so originell fällt der Plot – natürlich im Wesentlichen bekannt – nicht aus.
Acht Personen werden auch hier per Telegramm auf eine Party eingeladen – acht Personen, die voneinander wissen und sich zum Teil auch recht gut kennen. Es gibt verschiedene Abhängigkeiten, Prozesse und Animositäten, speziell zwischen zwei recht harten und korrupten Wirtschaftsbossen und irgendwo dazwischen gibt es auch einen jungen Journalisten und eine etwas oberflächliche Schauspielerin.

Was die mit der ganzen Rachegeschichte zu tun haben, bleibt übrigens die ganze Spielzeit relativ ungeklärt, außer dass der Täter wohl heimlich in die Actrice verliebt war. Dennoch offenbart das die Schwächen des Stücks, denn während die ersten fünf Opfer miteinander vernetzt waren, wirkt der Aufwand (es gibt acht Särge auf dem Dach des Hochhauses) für die restlichen drei ziemlich übertrieben.
Wie überhaupt die Härte der Bestrafung fragwürdig ist, denn auch wenn zahlreiche Beteiligte korrupt sind oder heuchlerisch oder sich schädigend verhalten haben, ist die Todesstrafe hier nicht ansatzweise so angemessen wie für die Mörder bei Christie.

Auch die Todesfälle selbst sind in ihrer Ausführung ein wenig...schwer nachvollziehbar, denn der Täter verlässt sich auf seine Kenntnisse über die Opfer und berechnet vor, wie sie wohl reagieren werden. Spätestens in Runde 4 gerät der Todesfall dann aber komplett zum Zufall.
Wie das alles zwingend zusammenhängt, erfährt man dann in den letzten Minuten durch eine Zusammenfassung des Täter – Deduktion hilft dem Zuschauer hier nicht weiter.

Ein wenig stiefmütterlich geht das Skript auch mit ein paar Nebenfiguren um, ein Toter in einem Kleinraum, dessen Identität erst sehr spät erklärt wird; ein Butler und ein Koch, die man vorsichtshalber niederschlägt und fesselt und die dann später seltsamerweise in einem Geheimraum liegen und – am bizarrsten – der Vaudevillekomiker Vince Barnett als tölpelhafter Hilfskellner, der ein paar mal unpassend mit ein paar Albereien in die Handlung gepresst wird.

Woran es dem Film stark mangelt – er ist auf Youtube zu begutachten – ist ein atmosphärischer Music-Score, der die Bedrohung rauf- und runterregeln würde, so läuft der Film immer wieder unpointiert leer und springt ständig auf den Zeitpunkt einer Viertelstunde vor dem nächsten erwarteten Mord. Womit ich betonen möchte, dass es nicht schlecht Musik gibt, sondern so gut wie gar keine.

Bei den Darstellern sind zwar ein paar ganz ordentliche Auftritte dabei (vor allem Edward Ellis wirkt nur mühsam gebremst und enorm gefährlich), leider aber sind die Hauptdarsteller vergleichsweise blass. Donald Cook müht sich zwar, wirkt aber viel zu brav, um später handfest überzeugen zu können und Genevieve Tobins seltener Auftritt in einer Hauptrolle gerät so arg theatralisch, dass man schon ahnt, warum sie öfter in Nebenrollen strandete – es mangelt an Ausstrahlung und Gefühl.

Dennoch hat der Film vor allem in Sachen Kamera, Optik und Ausstattung/Bühnenbild so seine Reize, kann aber eben im Spannungsaufbau mangels Charaktertiefe nicht wirklich Tempo machen. Insgesamt bleibt der Eindruck so eher mittelprächtig.
(5/10)

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