Review

Season 1 - 3

Season 1
erstmals veröffentlicht: 11.09.2016

Mit seiner Comicherkunft hält "Preacher" nicht weit vor'm Berg – die unkontrollierten Panelexplosionen führen etwa drei bis vier Episoden lang zu dem Eindruck, dass die Auftaktstaffel sich ohne Sicherheitsleine und roten Faden einfach mal selbst auf die Menschheit loslässt und auch nicht so ganz genau weiß, wo sie dabei enden wird. Was nur insofern stimmt, als dass die Geschehnisse tatsächlich in Situationen münden, die man so nur schwer hätte kommen sehen. Ziellosigkeit ist deswegen aber noch lange nicht zu spüren.

Dominic Cooper hat mindestens in "The Devil's Double" schon ordentlich abgeliefert und ist einem größeren Publikum in den letzten Jahren möglicherweise in Filmen wie "Need For Speed", "Captain America" oder "Dracula Untold" am Rande aufgefallen; die Titelfigur macht er sich jedenfalls souverän zu eigen als nicht direkt sympathischer, aber doch angenehm kerniger Antiheld, der von etwas Unsichtbarem besessen ist. Joseph Gilgun hatte die abflauenden beiden Finalstaffeln der britischen Serie "Misfits" praktisch im Alleingang vor dem Untergang gerettet und bekommt hier völlig zu Recht eine weitere Chance, tiefer ins Rampenlicht zu rücken. Und Ruth Negga befindet sich auch gerade auf dem Durchmarsch, wenngleich man sich mit ihrer Figur womöglich am längsten anfreunden muss, bis es dann doch irgendwann klickt.

Ein Teufelstrio, das hier reichlich texanischen Staub aufwirbelt und eine Kleinstadt samt Kapelle ins Chaos stürzt. Die trashige Abfolge von schrägen Plotschichten erinnert ein wenig an die ersten drei "True Blood"-Staffeln, abzüglich deren Cheesyness, denn "Preacher" müht sich parallel um authentische Coolness ohne Geschmachte, Hausfrauenromantik und Edelkitsch. Gerne bedient man sich zusätzlich religiöser Motivik und vermengt sie mit Fantasy, die wiederum auf eine trockene Inszenierung an trockenen Drehorten trifft; "Legion" von 2010 hätte mit weniger Blockbuster-Lackierung genau so aussehen können.

Positiv fällt der Spannungsbogen auf: Mit jeder Episode multipliziert sich der Spannungsgrad praktisch, bis er in einen absoluten Antiklimax mündet, der sich einmal nicht zum Cliffhanger-Prinzip hinreissen lässt, sondern im geschlossenen Rahmen den Boden bereitet für weitere Schandtaten. Das muss nicht beinhalten, dass jeder Subplot zu einem sauberen Ende geführt wird; im Gegenteil, die meisten Charaktere schweben zum Ausklang der letzten Folge in einem Bett aus Fragezeichen und warten auf ihre persönliche Erfüllung, doch lässt gerade das auf weitere packende Konflikte hoffen.

Die zur Schau gestellte Art vogelfreier Inszenierungsweise muss man natürlich mögen, ebenso wie das hitzegeladene Setting. Die Comicseiten brennen aber lichterloh und es ist zu hoffen, dass schnell jemand weitere Hefte nachwirft, um das Feuer am Leben zu erhalten.
(7/10)

Season 2
erstmals veröffentlicht: 26.10.2017

Gott wird neuerdings oft an profanen Orten gesucht. So wie zuletzt in der Serialisierung von Neil Gaimans „American Gods“ das Weltliche mit dem Sakralen in einen Topf geworfen wurde, pflegte die erste Staffel der Comicverfilmung „Preacher“ bereits ein knappes Jahr vorher eine sehr unverbindliche Gangart bei der Erörterung existenzieller Dinge. Dass überhaupt ein geläuterter Priester, eine Gangsterbraut und ein Vampir als unheilige Trinität gemeinsame Serienabenteuer miteinander erleben dürfen, wäre noch zur Entstehungszeit der Vorlage (1995-2000) ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Heute ist es eher der gute Ton.

Wenn sich diese Serie also eine komplette Folge lang Zeit nimmt, einen Superkiller vorzustellen und dazu für diese Phase nicht nur den Main Plot verwaisen lässt, sondern gleich das komplette Genre gen Western verlässt, dann muss es sich dabei um gezielte Irritation handeln. Tief im Herzen ist „Preacher“ nämlich auch in seiner zweiten Staffel kein Kandidat für die Sorgfalt und den ausformulierten dramaturgischen Aufbau. Ganz im Gegenteil, es verbirgt seine Schlüsselmomente hinter dem Ordinären, das nicht selten hinter der Maske des Bizarren liegt, welches sich längst als Normalität in den Alltag eingebürgert hat.

So wird man Zeuge abstruser Bekanntschaften, schicksalhafter Zufallsbegegnungen und blutiger Gewaltentladungen en masse, gefüllt mit Charakteren, die Comic pur sind (Lakonie zur Meisterschaft erhoben: Pip Torrens als „Herr Starr“). Mit vereinfachender Logik wird das Metaphysische der Religion zu einem festen Bestandteil der Welt gemacht, bis hinein in die Hölle, wo Pechvogel Arseface (Ian Colletti) ziemlich reale Bekanntschaften an einem ziemlich realen Ort macht. Was man jedoch als ausbuchstabierte Blasphemie auffassen könnte, folgt keinem zynischen Gedankengang oder einer sonstigen Art abfälligen Denkens über das ausgewählte Sujet. Im Gegenteil, der augenzwinkernde Humor zeugt stets von Respekt gegenüber dem Glauben und Nichtglauben, er hält sogar Momente erstaunlicher Poesie bereit. Die daraus gewonnene Tiefe bedeutet gegenüber der ersten Staffel sogar noch einmal einen gewissen Zugewinn.
(8/10)

Season 3
erstmals veröffentlicht: 02.11.2018

Wenn es im Moment einen Comic in Serienform gibt, der den Druck der Farbe in der Luft und die Haptik der Seiten als Erinnerung auf den Fingerspitzen hinterlässt... man suche ihn bitte nicht bei einem von Marvels TV-Ablegern. Wahrscheinlicher findet man ihn in diesem unscheinbaren kleinen AMC-Groschenheft namens „Preacher“, das es gerade in seine dritte Ausgabe geschafft hat – und spätestens jetzt nicht mehr wegzudenken ist aus der Spitzenliga der aktuell laufenden TV-Serien.

Goldgelber Weizen, ein von weißen Wattewolken geflockter Azurhimmel, ein paar Blutspritzer auf dem staubigen Pfad und ein Dalmatiner auf zwei Beinen, so in etwa gestaltet sich das Cover-Artwork, respektive die Grundstimmung der dritten Staffel. Das Trio Infernale nimmt angesichts der einschneidenden Ereignisse aus Staffel 2 inzwischen getrennte Wege, das Skript verfolgt in den zehn neuen Folgen dementsprechend drei miteinander verwobene Main Plots, die öfter als bisher gewohnt auch den Zug in die Vergangenheit nehmen. Sepiafarbene Rückblenden machen einen beachtlichen Teil der Handlung aus, ohne jedoch den Weg auf das aktuelle Tagesgeschehen zu versperren; denn mehr über Jesse, Tulip und Cassidy zu erfahren, ist der entscheidende Schlüssel, will man die einmal mehr abgefahrenen Ereignisse der Gegenwart nachvollziehen können.

Ruth Negga (im Dauerkonflikt mit dem Saint of Killers und Satans Abgesandter Sidney) und Joseph Gilgun (mit einer Vampirsekte an der Backe, deren Anführer frappierende Ähnlichkeit mit Antonio Banders in „Interview mit einem Vampir“ hat) bekommen in ihren Plots wieder ihre Highlights, aber es ist erneut Dominic Cooper, der in der Titelrolle das klare Zentrum bildet. In seinem Handlungsstrang tauchen die ganzen coolen Figuren auf und machen die coolen Dinge. Speziell die beiden Hillbilly-Handlanger einer Voodoo-Hexe (Jeremy Childs und Colin Cunningham) halten den Priester schwer auf Trab, aber auch das schmierige Treiben des Allvaters (Jonny Coyne) legt nahe, dass nun endlich die richtig abgefahrenen Charaktere von der Leine gelassen werden. Es ist jedenfalls ein Genuss, den feinen Herr Starr (Pip Torrens) in der Pose des Duckmäusertums verharren zu sehen, wann immer sich díe geistliche Fettkugel mit Klecker-Robe im gleichen Raum befindet. Etwas ungewöhnlich dass Arseface (Ian Coletti) und Hitler aka „Hilter“ (Noah Taylor) nun doch wieder kleinere Nebenrollen einnehmen, nachdem es Ende der zweiten Staffel so aussah, als würden sie künftig eine gewichtige Rolle spielen.

Die Charakterzeichnung dieser und anderer Figuren führt bei Interaktion zu einer herb-zynischen Humor-Ausschüttung, die längst zum Markenzeichen dieser schwer unterhaltsamen Serie geworden ist, die glücklicherweise nie zu ernst wird und dennoch in den Bergen von Comic-Pulp (alleine dieser Teufel...) haufenweise Nachdenkenswertes vergräbt. Das Warten auf die vierte Staffel fällt nun schwerer denn je.
(8/10)

weitere Staffelbesprechungen können folgen.

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