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Mit fast einjähriger Verspätung hat es Lisa Cholodenkos exzellentes Generationen Drama "Laurel Canyon" jetzt auch endlich in die deutschen Kinos geschafft. Nun, man muss wohl froh sein, das es der Film, der weit weg vom Mainstream Einheitsbrei angesiedelt ist, überhaupt zu uns geschafft hat.
Lisa Cholodenko, die nicht nur Regie führte sondern auch das Drehbuch schrieb, gelingt mit "Laurel Canyon" eine gelungene Mischung aus charmantem Humor und lebensnahem Drama.

Die Story klingt dabei nicht wirklich neu, wird aber auf großartige Weise erzählt und kann doch immer wieder überraschen. Die Geschichte spielt im Titelgebenden Laurel Canyon, der in den Hügeln von Los Angeles liegt, und seit der Hippie Bewegung Ende der 60er Jahre den Ruf einer großen Künstlerkolonie hat, in der noch immer die Anhänger der Love & Peace Bewegung leben.
Eine von ihnen ist die erfolgreiche Plattenproduzentin Jane (Frances McDormand), die in ihrem Haus und dem dazugehörigen Studio gerade dabei ist die Platte einer jungen Alternative Band aufzunehmen. Dumm nur das sie ihrem Sohn Sam (Christian Bale) nichts davon gesagt hat, denn der ist eigentlich davon ausgegangen, dass er das Haus leer vorfindet, wenn er mit seiner Verlobten Alex (Kate Beckinsale) dort für die Zeit seines Arztpraktikums lebt.
Sam ist das exakte Gegenteil von seiner Mutter. Er ist bodenständig, rational, spießig und steht fest im Leben. Auch seine Freundin Alex steht dem in nichts nach, sie hatte eigentlich geplant während des Aufenthalts im Laurel Canyon ihre Dissertation im Bereich Genforschung zu schreiben. Doch es kommt anders. Während Sam täglich zum Praktikum in einer psychiatrischen Klink aufbricht und dort die junge Assistenzärztin Sara (Natascha McElhone) kennen lernt, wird Alex immer mehr vom ihr fremden Lebensstil Janes angezogen und auch der Sänger der Band und Liebhaber von Jane hat eine gewisse Wirkung auf sie.

Lisa Cholodenko hat ein großartiges Drehbuch verfasst, das nicht nur faszinierende Charaktere präsentiert, sondern auch mit großartigen Dialogen aufwarten kann. Die Story schwebt dabei immer irgendwo zwischen Familien- und Generationendrama und Komödie, wobei der Humor durch die Dialoge, insbesondere zwischen Jane und Sam entwickelt. Doch dieser Humor ist nicht vorrangig, scheint manchmal nur leicht durch, und wirkt so nie erzwungen oder gar aufgesetzt. Vorrangig ist ganz klar, der Konflikt zwischen Jane und Sam. Er der Sohn, der seine Mutter nie verstanden hat, der immer wieder mit verschiedenen Lebensabschnittpartnern konfrontiert wurde, die seine Mutter anschleppte. Sie hingegen ist gerade zu enttäuscht davon wie ihr Sohn zu einem angepassten Spießer werden konnte. Dazwischen steht die junge Alex, die zunächst irritiert auf die fremde Lebensgewohnheit von Jane und dem lockeren Umgang mit Sex und Drogen reagiert, aber mit zunehmendem Aufenthalt im Laurel Canyon sich immer mehr mit dieser Lebensart anfreundet und letztlich auch dem Reiz des Neuen erliegt und so mit die unweigerliche Konfrontation mit Sam heraufbeschwört.
Doch auch Sam wird auf eine harte Probe gestellt, wenn er zum einen immer wieder vom gleichaltrigen Lebensgefährten seiner Mutter bloßgestellt wird und sich zugleich zu Sara der Assistenzärztin hingezogen fühlt, während sich seine Verlobte immer weiter von ihm entfernt.

Die Geschichte entwickelt sich langsam, lässt den Charakteren viel Zeit sich zu entwickeln, wirkt teilweise mehr Episodenhaft und endet schließlich mit einem offenen Schluss, der aber absolut passend ist, da es wie im Leben auch, keinen Weg gibt alle Probleme mit einem für alle befriedigenden Ende zusammen zuführen.
Neben der Story kann insbesondere die großartig aufgelegte Darstellerriege überzeugen. Christian Bale zeigt das er mehr kann als er zuletzt im eher mäßigen "Reign of Fire" zeigte und spielt, auch wenn der Vergleich sicherlich schwer fällt, ähnlich überzeugend wie in American Psycho. Kate Beckinsale ist die Schwächste im Ensemble, irgendwie nimmt man ihr den Wandel den Alex durchmacht nicht richtig ab, sie wirkt dabei oft zu verloren und spielt die Rolle fast schon zu naiv.
Ganz anders verhält es sich da bei Frances McDormand. Sie sieht in „Laurel Canyon“ nicht nur so gut aus, wie selten zuvor in einem Film, nein sie liefert hier auch ihre beste Leistung seit ihrem Oscar für Fargo ab. Erotisch, wild, frech und mit einer unglaublichen Spielfreude geht sie ans Werk und sorgt dafür, dass die Rolle der Jane alles und jeden in diesem Film überragt. Allein schon wegen ihr lohnt es sich diesen Film anzuschauen, zudem bietet sie hiermit den idealen Gegenpart zu ihrer Rolle in „Almost Famous“.
Auch die restlichen Parts sind gut besetzt, Alessandro Nivola (Der kleine Bruder von Nicolas Cage in "Face/off) spielt den Bandleader und unwiderstehlichen Rockstar überzeugend und auch Natascha McElhone kann ihre kleine Rolle mit einigem Leben füllen, auch wenn ihr seltsamer Akzent in der Deutschen Synchronisation doch nervt.

Ein weiteres Highlight ist der Soundtrack. Er bietet eine gelungene Mischung aus Songs aus den 70ern und aktuellen alternativ Perlen wie Mercury Rev, Butthole Surfers, Elivs Costello und Sparklehouse. Auch die Songs der Band im Film sind toll arrangierte Stücke und werden von Sparklehouse gespielt, die auch als Band von Sänger Ian (Alessandro Nivola) im Film auftreten.
Die Kameraarbeit von Wally Pfister (Memento) ist dem Erzählstil entsprechend gewählt. Die Kamera fährt oft langsam durch das als Set gewählte Anwesen und wirkt dabei nie aufdringlich oder gehetzt.

"Laurel Canyon" ist einer der Filme, wie sie, insbesondere in Zeiten des Effektgelandenen Mainstream Kinos, selten geworden sind. Toll erzähltes Charakterkino, das trotz aller Konflikte und unterschwelligen Melancholie nicht vergisst mit charmanten und liebenswerten Figuren aufzuwarten. Dabei wird sicherlich keine neue Geschichte erzählt, aber wie sie erzählt wird, das ist doch in letzter Zeit eher selten geworden. Zudem darf man mit Francis McDormand eine großartige Schauspielerin in ihrer besten Rolle seit Jahren sehen, die den Film zusammen mit dem vorzügliche Drehbuch zu einem "must see"- Film für jeden Fan von Dialogstarken, lebensnahen Geschichten macht. Für mich ein erster, ganz großer Geheimtipp im Jahr 2004. 8 von 10 Punkten.

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