Review

Scorpio (Bruce Bryon) poliert sein Motorrad während Ricky Nelson "Fools Rush In" schnarrt. Ein berohliches Rauschen nimmt überhand und die Kamera fährt am Rücken eines Halbstarken herunter: "Scorpio Rising" verkünden die Nieten auf dem Oberkörper, "Kenneth Anger" gleich darunter auf dem schwarzen Ledergürtel - zwischengeschnitten: ein Skorpion.

Kraftvoll, David Lynch (der diesen Film angeblich gar nicht gesehen haben will als er seine ersten wichtigsten Spielfilme drehte) vorwegnehmend, beginnt Angers Kurzfilm. Angertypisch wird es ohne Dialog und auch ohne wirkliche Dramaturgie weitergehen. Scorpio kleidet sich zu Vintons schnulzigem "Blue Velvet" in Jeans und Lederjacke, liegt in seinem Zimmer - umgeben von Comics, einem schwarz gekleideten Skelett (Totenschädel, Galgen und Bela-Lugosi-Dracula-Subliminalbilder erzielen eine gewisse Todesnähe), James Dean, der wie der zwischengeschnittene Marlon Brando (dank "The Wild One") eine Szene-Ikone war und fährt zu den Klängen von "Hit The Road Jack" und "He's A Rebel" zum Biker-Treffen. (Seinen Weg schneidet Anger in Parallelmontage mit diversen Bibelverfilmungen zusammen und macht aus Scorpio damit einen zweiten Jesus.)
Das Treffen selbst entpuppt sich als ungehemmt Halloweenparty mir orgienhaften Zügen (vor allem der in dieser Szene gezückte, Sekundebruchteile sichtbare Penis brachte dem Film schnell Ärger ein). Diverse Hakenkreuzfahnen und Hitler-Abbildungen schmücken den Ort des Geschehens (Anger erotisiert die Nazi-Symbolik ungewöhnlich früh), an dem sich eine sadomasochistische Schwulenphantasie aus Angers "Fireworks" (1947) wiederholt. Nach einem gemeinsamen Rennen endet der Film mit dem tödlichen Unfall eines Bikers (hier findet die bisher in Totenschädeln und Sensemännern abgezeichnete Todesnähe ihren konsequenten Höhepunkt).

Das Zusammenspiel von religiösem Kult, Nazismus und Homoerotik (bunt gemischt und mit 50er, 60er Jahre Rock unterlegt) scheint Angriffe von allen möglichen Seiten nur so heraufzubeschwören. Tatsächlich waren es jedoch nahezu ausschließlich die (kaum jemals direkten) sexuellen Aspekte, die man angegriffen hat - eine Ausnahme war der Versuch der American Nazi Party, Anger wegen "Entehrung des Hakenkreuzes" zu verklagen.

Anger drehte den Film nach einem längeren Europa-Aufenthalt, als er sich in Brooklyn mit einer Biker-Gang anfreundete (angeblich arbeitete Anger an dem halbstündigen, 7000 $ teuren Film fast zwei Jahre). Der Film lief nach Fertigstellung so erfolgreich im Underground-Programm dass sich ein Kinobesitzer entschloss, den Film als Vorfilm zu präsentieren.
Zu dieser Zeit griff man aber aufgrund der kurz bevorstehenden Weltausstellung voll durch und säuberte die Theater und Kinos von Unrat und Dreck. Mekas kam wegen Vorführungen von "Un Chant d'amour" (1950) und "Flaming Creatures" (1963) vor Gericht und kurzweilig auch hinter Gittern, als Susan Sontag sich öffentlich für "Flaming Creatures" einsetzte, wurde der verantwortliche Redakteur gefeuert. Und so erzielt auch "Scorpio Rising" - mit der winzig-kleinen Szenen in der ein Penis unscharf zu sehen war - einen Skandal und man beschlagnahmte die Kopie und zitierte den Kinobetreiber vor Gericht.
Das verhinderte allerdings nicht die Verbreitung von "Scorpio Rising" der so erfolgreich lief, dass er zusammen mit Warhols freizügigem "Chelsea Girls" und einigen "heißen" schwedischen Filmchen ein Umdenken Warhols einleitete, der sich wegen des Erfolgs der beiden Filme auf lukrative Nacktheiten konzentrierte (eine Entwicklung die die New York Times 1966 zutiefst verdammte).

Wichtiger als der Beitrag zur sexuellen Freizügigkeit im Film ist sicherlich der Einfluss auf den Einsatz von Filmmusik, der vor allem Dennis Hopper stark beeinflusste als er sich an "Easy Rider" machte. Auch der junge Martin Scorsese ließ sich von Angers Film beeinflussen, der als Mutter des Musikvideos gelten muss.
Anger selbst griff sein Werk wenig später nochmal in "KKK" aka "Kustom Kar Kommandos" auf, und noch ein bisschen später lehnte er sich mit "Lucifer Rising" daran an.

9/10

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