Dem Jazz verfallen sein und deshalb den Traum von der Karriere als Schlagersängerin hegen – dieses Geständnis der klassischen Gesangslehrerin Britta Johnsen (Bibi Johns) gegenüber dem aus Geldnot als Konzertmeister agierenden Jazzmusiker Peter Hagen (Peter Alexander) ist interessantes Zeugnis von der Wandlung des Schlager-Begriffes, den man später lange Zeit mit einer schmalzigen Scheinwelt in Verbindung brachte und aktuell vorsichtig in das gemeine Popgeschehen zurückholt. Liebe, Jazz und Übermut stammt aus dem Programm von Artur Brauners CCC-Film und entstand unter der Regie des späteren Kommissar-Darstellers Erik Ode und der Herstellungsleitung von Horst Wendlandt, der Brauner nach seinem bald folgenden Wechsel zur Rialto mit populären Stoffen von Edgar Wallace und Karl May überflügeln sollte.
Augenscheinlich gehört Liebe, Jazz und Übermut zu den Schlager- und Revuefilmen, von denen Publikum und Kinobetreiber zum Ende der 50er Jahre gar nicht genug bekommen konnten. Generell war 1957 ein sehr ausstoßstarkes Filmjahr, so daß es kaum verwundert, wenn der am 17.10. uraufgeführte Film gerade erst in der Zeit von August bis September 1957 gedreht worden ist.
Die Eröffnung wirkt hierbei noch am stärksten, entsteht doch durch Archivaufnahmen vom Broadway trotz minimalen Innendekors der Eindruck einer größeren Jazz-Veranstaltung, bei der June Richmond in der Rolle der Jane Richards “Singing the Blues” trällert. Die dralle und im Alter von 47 Jahren früh verstorbene Jazzsängerin befand sich wie im Film angedeutet tatsächlich auf anhaltender Europareise. In den USA hatte sie beim Jimmy Dorseys Orchestra und Cab Calloway mitgewirkt, um dann später über Frankreich nach Skandinavien zu ziehen, wo sie mit Svend Asmussen einige Titel aufgenommen hat. Neben ihrem Auftritt in Liebe, Jazz und Übermut nahm sie 1957 außerdem einige Titel mit dem Orchester von Quincy Jones in Frankreich auf.
Die musikalischen Zugpferde waren für das deutsche Kinopublikum zweifelsfrei das Unterhaltungstalent Peter Alexander und die Schwedin Bibi Johns, die nach internationalen Gehversuchen in ihrem Heimatland und den USA als Schlagerstar zum Dauergast in den deutschen Hitparaden und mehrfache Duettpartnerin für Alexander wurde. Im Sommer 1957 feierte sie gerade mit “Mal Regen und mal Sonnenschein” Erfolge.
In der Einleitung, die in den USA spielt, bekommt der Anwalt Dr. Parker (Hans Olden) Wind von den Machenschaften eines Internats für musikbegabte Waisenkinder auf dem deutschen Schloss Tiefenstein, welches er als Treuhänder einer Stiftung fördert. Parker will mit einem Besuch der Tatsache auf den Grund gehen, daß die Anstaltsleiterin Clothilde Himmelreich (Grethe Weiser) ihm die Bandaufnahme einer Schallplatte als Beleg für die Fortschritte der betreuten Kinder zukommen ließ.
Die Erzählung vermittelt hierauf einen Einblick in die Sorgen und Nöte des Jazzmusikers Peter Hagen und seiner Combo, die vom Manager um ihre Tantiemen betrogen in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. Hier schlägt Liebe, Jazz und Übermut nun den Bogen zum Internat, wo die großherzige Frau Himmelreich dreimal so viele Kinder wie erlaubt beherbergt und zu deren Ernährung fast den gesamten Lehrkörper gekündigt hat. Für die Jazzer ergibt sich hieraus nun die Gelegenheit, das wahnwitzige Angebot von Kost und Logis ohne klare Entlohnung zum Lebenserhalt anzunehmen.
Auf dem Wege dorthin scheinen in Liebe, Jazz und Übermut unterschwellig Bilder der deutschen Lebenssituation durch. So sind die Nutznießer des Wirtschaftswunders die fettgefressenen Liebhaber deutscher Volksmusik, die ihre Wurstplatte lieber mit dem Hund teilen, als sie den Erzeugern der wilden Musik noch weiter auf Pump anzubieten.
Die mit einem Wanderlied auf den Lippen durch die Landschaft ziehenden Kinder finden dem zum Trotze jedoch auch den Jazz ganz besonders schick, weshalb sich Peter nicht nur mit gewahrter Fassung gegen die Streiche der Lausejungen durchsetzt, sondern mit Respekt vor den musikalischen Gehversuchen der Jugend die Sympathien als Konzertmeister auf sich zieht.
Ein improvisiertes Duett zwischen Peter und Britta, die dem wilden Treiben auf die Schliche gekommen ist, bringt die beiden näher und verhindert eine Eskalation.
Derart alibihaft bleiben die Motive des Films oftmals Anstoß einer Musiknummer, so daß die eigentliche Geschichte wenig vertieft oder vorangebracht wird. Liebe, Jazz und Übermut wird diesbezüglich besonders von der Glaubwürdigkeit Grethe Weisers getragen, die hanebüchene und eigentlich irrealistische Ideen der verzweifelten Internatsleiterin immer verkaufen kann. So profitiert der Film ferner nicht nur von dem fraglos vorhandenen Können Peter Alexanders, der bei vollem Körpereinsatz Nummern wie “Das ganze Haus ist schief” einbringt. Nebenfiguren wie der Kinderstar Roland Kaiser, der nach Emil und die Detektive in den 50ern immer gern eingesetzt wurde, runden mit kecken, aber eigentlich sinnfreien Einlagen die Gesamtwirkung eines Films ab, der einfach nur auf ein abschließendes Konzert zusteuern kann. Somit wird Liebe, Jazz und Übermut einerseits einem Mindestanspruch des Stammpublikums gerecht, kann aber keinesfalls die Versöhnlichkeit einer Geschichte wie Die große Chance bieten.
Aufklärung bietet hier der Blick in das 14-seitige Exposé von Curth Flatow und Eckart Hachfeld, welches Liebe, Jazz und Übermut zugrunde liegt. Ist es oftmals so, daß literarische Vorlagen für einen Film verändert werden müssen, so haben es letztlich nur Einzelheiten aus dem Entwurf in den fertigen Film geschafft. Ursprünglich ging es um den Antritt eines Nachlasses, für den die Erben ein völkerverbindendes Musikprojekt mit Waisenkindern ins Leben rufen müssen. Hierbei fahren die unfreiwilligen Wohltäter zunächst durch die Lande, um sich ähnlich den Bremer Stadtmusikanten ihr Orchester zusammenzusuchen. Schwierigkeiten entstehen später durch den Vermieter, ein Autohersteller, der bei wachsenden Umsätzen gern Eigenbedarf für die Räumlichkeiten anmelden würde. Auch die Schichtarbeiter würden sich liebend gern des Trubels entledigen. Im Ursprung kommt die Musikschule in Liebe, Jazz und Übermut ebenfalls in finanzielle Schwierigkeiten. Hierbei spielen die Waisenkinder beim Verdienst jedoch eine größere Rolle und anstelle des Treuhänders wirft das Jugendamt einen Blick auf die Geschehnisse. Die großherzige Jazzsängerin aus Amerika war hier in leicht anderer Form bereits vorhanden.
Potential hätten grundsätzlich beide Ansätze geboten. Dabei geht das Exposé doch deutlich moderner vor, als es die teils doch sehr biederen Szenen des vorgelegten Films am Ende tun. Auch hier sorgt das Artur-Brauner Archiv für Aufklärung. In einem Schreiben vom 21.08.1957 an Horst Wendlandt bittet Fritz Klotzsch um Anerkennung für die Arbeit mit Kindern, die unter anderem auch mit einem unfertigen Drehbuch aufgenommen worden wäre. Er verweist hier nebst der Bestleistung der Beteiligten außerdem darauf, daß er Rücksprache mit Regisseur Erik Ode geführt habe und es keinen Rückstand im Drehplan gebe.
Bereits am 19.08.1957 hatte sich Ode an Artur Brauner selbst gewandt und wies deutlich auf die Länge des Films hin, den er um 11 Minuten kürzen wolle. Interessant ist hierbei der Verweis auf das sonst verschwendete Geld, da Brauner als Geizkragen berüchtigt war. Eine ähnliche Dokumentation ist zum Beispiel aus der Produktion Ein Mann muss nicht immer schön sein erhalten und stützt damit die Behauptung.
Erik Ode sah ferner eine Einigung mit dem Star Peter Alexander für möglich an, während er sich wegen eines Vertragspassus nicht in der Lage sah, selbst Verhandlungen mit Grethe Weiser zu führen.
Abgesehen davon, daß aus der Herstellung von Liebe, Jazz und Übermut auf diese Weise auch technische Probleme überliefert sind, die zu Drehpausen geführt haben, zeugen auch Notizen über zahlreiche Änderungswünsche und -vorschläge von einer unsteten Produktion. Auf diese Art erklärt sich der Eindruck, daß die Szenen doch teils fast willkürlich zusammengewürfelt sind. Insbesondere bei einer Kinolaufzeit von etwa 102 Minuten fällt auf, daß die optimale Länge für einen derartigen Musikfilm im Verhältnis zum Stoff nur bedingt erreicht worden ist.
Dabei ist es erstaunlich, wie wenig man von Unstimmigkeiten im Spiel wiederfindet. Die Darsteller agieren professionell und geleiten den Zuschauer so durch einen Vorläufer des Musikfernsehens, bei dem das Spielen eines Instruments für kundige Augen vielmals schnell als reine Schau entlarvbar ist. Als Gag am Rande findet sich die Produktionsatmosphäre im Grunde in der Figur der Internatsleiterin wieder, die – wie Artur Brauner möglichst viele Filme aus Budget und Verträgen herauszupressen versuchte – auf Lehrer verzichtet und täglich Spinat serviert, um noch mehr Kinder in ihrer Anstalt unterzubringen.
Ungeachtet dessen, ob das Produkt dem Titel Liebe, Jazz und Übermut nun im Ansatz gerecht wird, so handelt es sich um ein improvisiertes Fließbandprodukt nach Schema F, bei dem ein Massengeschmack bedient werden sollte. Mit den einigermaßen flotten Schlagern aus der Feder von Heinz Gietz mit Texten von Kurt Feltz geht die Nummer am Ende relativ glimpflich aus, was auch mit der erwähnten Versiertheit in der Darbietung zusammenhängt.
Auch wenn Helge Schneider Liebe, Jazz und Übermut für die Carte Blanche Reihe im Deutschen Filmmuseum Frankfurt verschmitzt mit dem Verweis darauf ankündigte, “was die Leute mal gutfanden“, so läßt sich auch für das zeitgenössische Interesse ein Unterschied zu qualitativ ausgereifteren Stoffen nicht unter den Teppich kehren.
Eine Berechtigung für Universum Film, Liebe, Jazz und Übermut innerhalb der Wirtschaftswunderkino-Kollektion auf DVD zu veröffentlichen besteht dennoch. Schließlich wird so der Beweis dafür angetreten, welch Blüten anschwellender Wohlstand und kommerzieller Eifer in dieser Ära getrieben haben.