Review

kurz angerissen*

Um jemandem etwas richtig zu vergrämen, muss man ihm erst einmal zeigen, wie schön es ist. Und so eröffnet Jaume Collet-Serra mit traumhaften Überkopf-Aufnahmen australischer Gewässer (die einen mexikanischen Strand doublen sollen), bald gefolgt von Surfszenen, die selbst bei Wassermuffeln eine tiefste Sehnsucht danach wecken, Wellen mit dem Surfbrett zu teilen. So gesehen handelt es sich wohl um den Sommerfilm der Saison.

Schon die Ankunft der Protagonistin am Strand kolportiert eine (in diesem Fall noch gewünschte) Einsamkeit; an dieser Schraube wird das Einpersonenstück auf beengtem Raum nicht mehr drehen. Weitere Darsteller stellen daraufhin lediglich Möglichkeiten aus der misslichen Lage. Ein erstes Zusammentreffen mit zwei einheimischen Surfern noch vor dem ersten Haiauftritt trüge in einem Film über menschliche Bestien bereits eine Menge Suspense in sich, insbesondere wenn man die anfängliche Überinszenierung von Blake Livelys Körper in Betracht zieht, doch diese kleine Finte verfolgt Collet-Serra nur kurz, bevor er einen packenden Zyklus aus Attacken, Beobachtungen und Chancennutzungen in Gang setzt.

Nicht zuletzt, da sich ein Großteil der Handlung auf einem flachen Felsen abspielt, der bei drohender Flut im Wasser versinkt, verweilt die Perspektive konsequent auf der Linie des Wasserpegels, ist weder deutlich darüber noch (wie beim unbekannteren Mitschwimmerprodukt "In The Deep" aus dem gleichen Jahr) darunter. Die Gefahr bleibt dadurch omnipräsent. "The Shallows" gehört zweifellos zu den packendsten Vertretern seiner Gattung seit einigen Jahren.

Der hohe Intensitätsfaktor hat aber auch seinen Preis. Die Darstellung des Großen Weißen, seines Verhaltens und der Wege, die sich das Skript mit der Zeit bahnt, pendelt zwischen gut belegtem Realismus und klaren B-Movie-Bekenntnissen. Ist seine Animation in den meisten Szenen als beklemmend realistisch zu bezeichnen, mag der Regisseur dennoch nicht auf manch prägnantes Schlüsselbild verzichten, etwa die Silhouette des Fisches in einer anrollenden Welle. Wird das aggressive und überaus hartnäckige Verhalten gleich über mehrere Aspekte begründet, die sich in der Handlung nach und nach ergeben, so werden spätestens zum Finale anthropomorphe Züge des Hais und eine auf Action ausgerichtete Inszenierung nicht mehr so konsequent vermieden wie zuvor. Mag es auch lange keinen derart packenden Haiauftritt im Kino gegeben haben, authentischere gab es zumindest mit "Open Water" und "The Reef" in jedem Fall.

Lively muss als alleinige Kraft natürlich liefern und diese Herausforderung nimmt sie an. Der Lage angemessen verwandelt sie sich vom Surferbabe in eine Überlebenskämpferin, ohne dazu den bis zum Überdruss angebotenen Hollywood-Heroismus bemühen zu müssen. Den familiären Ballast als Hintergrund hätte es allerdings gar nicht gebraucht, denn ein gewisses Maß an Rätselhaftigkeit hätte die Figur sogar noch weiter vorangebracht. Gemeinsam mit einer verletzten Möwe füllt sie die Leinwand jedenfalls ohne spürbare Längen aus.

Drückt man in einigen Szenen und insbesondere zum Schluss beide Augen zu, ist "The Shallows" jedenfalls der beste Hai-Horrorfilm seit vielen Jahren.

*weitere Informationen: siehe Profil

Details
Ähnliche Filme