Spätestens mit der gerade die post production durchlaufenden Stephen King-Verfilmung "Gerald's Game" (2017) – die neben Andrés Muschiettis kommendem "It" (2017) gegenwärtig zu den vielversprechendsten King-Adaptionen gezählt werden dürfte – erweist sich Mike Flanagan als Genrefilmer, der gewissermaßen den großen Sprung geschafft hat. Schon seit 2000 ist Flanagan als Filmregisseur aktiv, seit "Ghosts of Hamilton Street" (2003) und dem Kurzfilm "Oculus: Chapter 3 - The Man with the Plan" (2006) zunehmend auf dem Sektor des phantastischen Films. Mit "Absentia" (2011), einem insgesamt unaufregenden, aber originellen Genrebeitrag, erzielt er unter Genrefans einen kleinen Achtungserfolg; und mit der Langfilmversion "Oculus" (2013) seines früheren Kurzfilms verlässt er dann mit einem etwa siebzigfach höheren Budget von 5 Millionen Dollar die Ebene des Low Budget-Films. 2016 ist Flanagan dann mit drei größeren Filmen präsent, um seinen frisch erlangten Status zu untermauern: Während "Before I Wake" (2016) aber bloß eine reichlich sentimentale, unheimliche Gruselmär mit Fantasy-Elementen darstellt, deren Spannungsbogen so unbeeindruckend ausfällt wie die zahlreich ausgestellten Trickeffekt-Schauwerte, gehören "Still" (2016) – als effektivster home invasion-Thriller der letzten Jahre neben "You're Next" (2011) – und der Retro-Horrorfilm "Ouija: Origin of Evil" zu den kleinen Genre-Glanzlichtern des Jahres.
Gerade der Umstand, dass Stiles Whites "Ouija" (2014), dessen Prequel Flanagans Film ist, ein höchst mittelmäßiger – zwar erfolgreicher, aber insgesamt nicht sehr geschätzter! – Genre-Beitrag war, lässt Flanagans Talent besonders hervortreten, erschafft er doch aus denselben Versatzstücken (wenngleich mit einem etwa verdoppelten Budget) eine kleine Perle, die sich flugs zum renommiertesten Titel von Platinum Dunes mauserte.
"Ouija: Origin of Evil" ist zwar [Achtung: Spoiler!] ein Prequel, besitzt als solches allerdings eine Menge Eigenständigkeit und geht dabei sogar soweit, kleinere Anschlussfehler an das Original in Kauf zu nehmen – um als eigenständiges, für sich stehendes Werk dafür umso besser zu funktionieren: Die Übernahme grundlegender Handlungsstränge, thematischer Aspekte, inhaltlicher Elemente und visueller Motive aus Whites "Ouija" ist zwar gegeben, aber nicht bloß funktioniert das Prequel ohne Kenntnis des Originals, es funktioniert sogar besser und schlüssiger ohne ebendieses; zudem sind Einflüsse der Geisterhaus- und Besessenheits-Filme der 80er, 60er und vor allem der 70er Jahre enthalten, welchen sich Flanagan weit mehr verpflichtet fühlt als dem qualitativ mäßigen, weitgehend geächteten "Ouija".
"Ouija: Origin of Evil" spielt im Jahre 1967 – und nicht 1965, wie es fälschlicherweise häufig zu lesen ist – und schildert das unheimliche Familiendrama der Zanders, welches in "Ouija" nach und nach als Vorgeschichte enthüllt worden war. (Einzig eine postcredit scene hebt den direkten Bezug beider Film in aller Deutlichkeit hervor.)
Alice Zander, eine verwitwete Mutter zweier Kinder, führt mithilfe ihrer Töchter betrügerische Séancen durch, um verschiedenen Kund(inn)en über beruhigende, vorgetäuschte Kontaktaufnahmen mit deren Verstorbenen den ersehnten Seelenfrieden zu bescheren. Als Lina, die ältere, etwa 16jährige Tochter, im Freundeskreis mit einem Ouija-Brett spielt, schlägt sie ihrer Mutter vor, die zur Verfügung stehenden Mittel über ein solches Brett noch ein wenig auszubauen. Alice erwirbt besagtes Spielzeug und alsbald spricht alles dafür, dass die jüngere, etwa 10jährige Tochter Doris mithilfe des Brettes tatsächlich einen Kontakt mit dem Jenseits herzustellen vermag: Als der Familie die Zwangsräumung droht, schleppt Doris einige hundert Dollar an, die sie im Mauerwerk des Kellers gefunden hat, da ihr toter Vater ihr den Weg gewiesen habe. Während Alice ob dieser Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit dem toten Gatten verzückt ist (und Anstalten macht, mit Doris' Hilfe den Kund(inn)en nun eine echte Kommunikation mit den Toten zu ermöglichen), blickt Lina mit Argwohn auf diese Entwicklung. Zurecht; haben die Zanders doch gegen die drei Gebote des Spiels verstoßen, indem Doris das Ouija-Brett alleine genutzt hat, indem Alice sich nach dem Gebrauch nicht von den Toten verabschiedet hat und indem man unwissentlich auf einem Friedhof gespielt hat (birgt doch der Keller der Hauses finstere Geheimnisse). Tatsächlich kommunizierte Doris nicht mit dem verstorbenen Vater: Eine dämonische Präsenz ergreift stattdessen Besitz von ihrem Körper; und sowohl Tom Hogan, der Pater der Schule, welcher eine Freundschaft mit Alice Zander beginnt und sich besorgt für deren Beschäftigung mit dem Okkultismus und für Doris' Verhaltensänderungen interessiert, als auch der Zwölftklässler Mickey, der eine Freundschaft mit Lina eingeht, schweben alsbald wie die Zanders in Lebensgefahr.
Als Pater Hogan im Haus der Zanders nach seinen Nachforschungen Alice und Lina davon unterrichtet, dass eine unheilvolle Macht von Lina Besitz ergriffen hat und dass in einem geheimen Raum des Kellergeschosses ein in die USA geflohener Nazi-Arzt mit Interesse am Okkulten tödliche Menschenexperimente durchgeführt hat, und zudem verlauten lässt, dass er einen Exorzismus in die Wege geleitet habe, geht die besessene Doris zum Angriff über: Sie verursacht den Tod Mickeys, der zufällig zu Besuch kommt, und die dämonische Präsenz trachtet danach, auch von Alice & Lina Zander und Pater Tom Hogan Besitz zu ergreifen, sie zu morden oder die unheilvollen Experimente fortzusetzen. Zunächst verfällt Pater Hogan dem dämonischen Einfluss und fällt über Alice und Lina her; in einem klaren Augenblick lehnt er sich gegen den bösen Einfluss auf, wird aber von der besessenen Doris mit tödlichen Folgen attackiert. Auch Alice fällt der besessenen Tochter in die Hände: Im verborgenen (Folter-)Kellerraum droht sie das Opfer sadistischer Experimente zu werden, als Lina einigen Ratschlägen folgt, die tatsächlich vom Geist ihres Vaters stammen, und ihrer Schwester den Mund zunäht, um die dämonischen Stimmen zum Verstummen zu bringen. Sie hat zwar Erfolg, kann aber nicht verhindern, dass das Böse auch in sie eindringt: Vom Bösen übermannt, ermordet sie ihre Mutter – und findet sich kurz darauf in jener Irrenanstalt wieder, in der sie Jahre später (in "Oujia") Besuch von einer angeblichen Nichte erhalten wird (welcher in der postcredit scene auch noch angekündigt wird).
Gewiss ist "Ouija: Origin of Evil" – trotz aller lobenswerter Sorgfalt bei der Charakterzeichnung, für welche er sich erfreulich viel Zeit lässt – ein durchaus eher vordergründiger Genrefilm, der von Klischees und sinnentleerter Willkür nicht ganz frei ist: Dass das Zunähen des Mundes der besessenen Doris, welches durch den 2014er "Ouija" vorgegeben worden ist, hier zugleich die hilfreiche Verteidigung gegen dämonische Einflüsse einerseits und andererseits Bestandteil der Menschenexperimente des finsteren Nazi-Doktors – der seinen Opfer die Zungen herausschnitt, die Stimmbänder durchtrennte und die Münder zunähte – ist, erweist sich zwar kurzzeitig als spannungsfördernde, falsche Fährte, ist in der willkürlich-zufälligen Überschneidung aber ein kleines Ärgernis; dass nicht bloß der ominöse Nazi-Doktor, sondern auch seine Opfer in den Räumlichkeiten ihr Unwesen treiben und das Unheil auslösen, scheint wenig sinnvoll zu sein, folgt aber Schablonen, wie sie vor allem seit "House on Haunted Hill" (1999) fest im jüngeren Horrorfilm verankert worden sind. (Mit dem unschönen Nebeneffekt, dass Flanagans Beitrag vermutlich der erste Nazi-Exploitation-Streifen ist, der nicht allein die nationalsozialistischen Täter, sondern zugleich auch die Opfer dämonisiert.) Der Spuk, die Besessenheit folgt keiner inneren Systematik – zumindest keiner explizit dargelegten –, derweil die hilfreichen Tipps des toten Vaters zur Gegenwehr so ungeschickt, stillos und direkt eingeführt werden, wie Hasbros Ouija-Brett-Spielanleitung ihre Gebote innerhalb des Films darlegt. Flanagans "Ouija: Origin of Evil" ist kein subtiler, durchdachter Geister(haus)film, kein zweiter "The Shining" (1980), sondern ein sehr effektiver Grusler, der versiert mit gängigen Klischees spielt, stilecht den Ton etlicher Vorbilder trifft und mit Haupt- und Nebenfiguren punkten kann, die etwas mehr Profil & Tiefe aufweisen können, als es gemeinhin üblich ist.
Wie schon James Wans "Conjuring" (2013) oder einige Genre-Arbeiten Ti Wests macht Flanagans "Ouija: Origin of Evil" keinen Hehl aus seiner Nähe zu altehrwürdigen Vorbildern, sondern kehrt diesen Bezug überdeutlich hervor: Neben dem 1967er Setting – welches mit "Ouija" bricht, in welchem die Vorgeschichte über einen Daily Herald-Artikel gegen Ende des Koreakrieges angesiedelt worden war[1] – und den gelben Titeleinblendunge, die wie bei Wan, West oder Tarantino immer bereits eine Retro-Ästhetik anzukündigen scheinen, wären natürlich die direkten und indirekten Zitate zu nennen...
Zu diesen Zitaten zählt erstaunlicherweise weniger das Horrorkino der späten 80er Jahre, in welchem mit "The Oracle" (1985) oder "Witchboard" (1986) samt Sequels das Interesse an der Planchette oder den Ouija-Brettern zum handlungstragenden Bezugspunkt gerät, sondern das Horrorkino der 70er Jahre. Wohl keinem Film huldigt "Ouija: Origin of Evil" so häufig, wie Friedkins "The Exorcist" (1973) (der übrigens zu Beginn des Films auch eine kurze, eher unbedeutende Ouija-Board-Szene enthält). Der Mutter aller Besessenheits-Horrorfilme huldigt Flanagan weniger mit so allgemein gehaltenen Elementen wie dem mit falscher Stimme sprechenden, besessenen Mädchen, sondern mit kleinen Details; neben einer Variation des berüchtigten spider walks wäre da der Pater zu nennen, der einen Exorzismus anpeilt: hier lässt er aber nicht freiwillig das Böse in sich eindringen, um sich im Moment der Übernahme eine Treppe hinab und in den Tod zu stürzen, sondern hier gelingt es ihm vielmehr, sich vom bösen Einfluss zu befreien, um dann allerdings mit Todesfolge eine Treppe hinabgestoßen zu werden. (Eine feine Ironie, die den ganzen Film zurückhaltend durchzieht, ohne seiner Horribilität zu schaden, steckt hier im Konzept des Zitats.) Auch bei seinem ersten Besuch bei den Zanders steht er vor dem Anwesen wie Pater Merrin es auf dem bekannten Plakatmotiv des Friedkin-Klassikers getan hatte. Und Doris sinkt – nachdem sich der böse Geist ihrer bemächtigt hat – ebenso zittrig in ungewöhnlicher Aufsicht auf den Teppichboden nieder, wie es der von Regan attackierte Psychiater im Mittelteil von "The Exorcist" getan hatte. Und vermutlich schaut Doris bei Flanagan deshalb Cape Canaveral-Raumfahrtprogramm-Sendungen an jenem Abend, an welchem sie Mickey den Strangulationstod prophezeit, welchen dieser später auch erleiden muss, weil auch Regans erste große Auffälligkeit in "The Exorcist" darin bestand, dass sie einem Astronauten (!) verkündete, er werde 'da oben sterben' (woraufhin er dann auch alsbald verstirbt). (Freilich nutzt Flanagan diese Meldungen auch, um für passendes Zeitkolorit zu sorgen.) Etwas mehr steht "Ouija: Origin of Evil" allerdings in der Tradition von John Houghs "The Legend of Hell House" (1973): Weit stärker noch (aber wesentlich unbeholfener) als der bereits maßgebliche "The Haunting" (1963) konzentrierte sich Houghs Geisterhaus-Film damals auf das parapsychologische Erforschen und etablierte gleich eine ganze Gruppe an Parapsychologen als Hauptfiguren. Flanagan macht davon etwas weniger Gebrauch als Wan in "Conjuring" – oder in "Insidious" (2010), wo aber auch eher die Parapsychologen aus "The Entity" (1982) und "Poltergeist" (1982) Pate stehen –, stützt sich aber explizit auf parapsychologische Thesen, wenn er z.B. Pater Hogan erklären lässt, dass die besessene Doris Zander nicht mit Verstorbenen kommuniziert, sondern bloß auf gleichsam telepathische Weise die Gedanken ihrer Partner bei einer Séance zu lesen versteht. Das Übernatürliche wird hier rationalisiert und differenziert – "The Legend of Hell House" hatte damals als einer der ersten Filme im großen Stil damit begonnen. Und wie bei Hough wird auch bei Flanagan ein geheimer, verborgener Raum eine Erklärung des Treibens liefern.
John Hough ist aber auch noch mit einem weiteren Horrorfilm unterschwellig präsent in "Ouija: Origin of Evil": mit der Disney-Produktion "The Watcher in the Woods" (1980), deren Remake sich derzeit in der postproduction befindet. Diesen Film führt Flanagan neben "The Exorcist", "Jaws" (1975), "The Changeling" (1980) und "Poltergeist" höchstselbst als Inspirationsquelle an, verweist auf dieses Vorbild allerdings bloß sehr vage, insofern er den erhellenden Blick in den Spiegel (durch die Planchette) aufgreift, diesen aber gänzlich anders inszeniert und in einen anderen Kontext stellt. (Ähnlich vage bleibt die Nähe zu "The Changeling", die im Grunde bloß in der Verquickung des Horrorfilms mit dem tragischen, vom Verlust gezeichneten Familiendrama begründet liegt. An den thematisch weit entfernten "Jaws" lehnt sich Flanagan eher inszenatorisch und mit der Schockszene eines überraschend gefundenen Schädels an.)
Großen Einfluss haben vor allem zwei Sparten des Horrorfilms, die in den 70er Jahren ihre große Blütezeit erlebt hatten: zum einen die Sparte der mordenden Kinder, zum anderen die Sparte der sadistisch folternden Nazis. Die mordenen Kinder, die schon seit "The Bad Seed" (1956) gelegentlich im Kino zu sehen waren, häuften sich ab "Night of the Living Dead" (1968) in "It's Alive" (1974), "Peopletoys" (1974), "The Omen" (1976), "¿Quién puede matar a un niño?" (1976), "Damien: Omen II" (1978), "Dawn of the Dead" (1978), "Halloween" (1978) oder "The Brood" (1979)... Die Omen-Reihe steht dabei besonders Pate, vermag Doris doch tätig zu werden, ohne einen Finger zu rühren: auch "Village of the Damned" (1960) steht (samt Sequels) Pate, wenn Doris über ihren bloßen, manipulativen Blick einen Klassenkameraden dazu bringt, sich mit einer Zwille ins eigene Gesicht zu schießen. Den folternden Nazis des Exploitation-Kinos der 70er Jahre nähert sich Flanagan mit der nicht ganz geschmackssicheren Auflösung um den Death Doctor getauften Nazi-Arzt an, wobei "Ouija: Origin of Evil" vor allem Alvin Rakoff spätem Beitrag "Death Ship" (1980) nahesteht, welcher folternde Nazis ebenfalls mit einer eindeutig phantastischen Geister(schiff)-Handlung vermengte.
Während Flanagan den Nazi-Exploitation-Anteil auf eigene Initiative in den Film einbaut (und zu diesem Zweck auch den vorgegebenen Zeitrahmen ignoriert), ist das Motiv des besessenen Kindes bereits durch "Ouija" vorgegeben; das gilt auch für die Motive der erblindeten, weißen Augen und der zuwachsenden Münder, die Flanagan dann aber doch nutzt, um explizit auf ältere Klassiker zu verweisen: Dadurch, dass auch der Pater vorübergehend von den erblindeten Augen betroffen ist, ruft der Film assoziativ Winners "The Sentinel" (1977) ins Gedächtnis (welcher sich zum Ende hin ebenfalls einige Geschmacklosigkeiten genehmigt). Und das Zuwachsen von Linas Mund innerhalb ihres Alptraums (aus welchem sie zu dieser Zeit bereits erwacht zu sein glaubt) inszeniert Flanagan in Anlehnung an "Poltergeist" als ungleich mildere, PG13-taugliche Körperhorror-Szene vor dem Badezimmer-Spiegel.
Zu solchen Verweisen gesellt sich eine Inszenierung, die sich an die Ästhetik der 60er und 70er Jahre anlehnt: da wären die seit Greg Toland in die Filmsprache eingegangenen großen Gesichter im Vordergrund und die kleinen Gestalten (oder Objekte) im Hintergrund, wie sie in den 60er Jahren recht stilisiert bei Kramer, Penn, Frankenheimer oder Lumet vermehrt wahrzunehmen sind, die bei Flanagan aber über die deutlichen Spuren des split diopter-Einsatzes, über eine verschwommene Trennlinie eher auf "Jaws", "All the President's Men" (1976) oder "Carrie" (1976) zurückgehen. Zur zeitgenössischen Ästhetik gesellt sich auch noch ein fast schon exzessiv gehäufter, gleichzeitig aber sehr unmerklicher Gebrauch von Zooms, welche gerade auch in Verbindung mit zahlreichen Schwenks eine komplexe mise en image in vergleichsweise langen Einstellungen ermöglichen, die für die 70er Jahre recht charakteristisch sind. Selbst cue marks ließ Flanagan in den Film einfügen. (Bloß rauchen darf niemand in diesem Film, nicht einmal in dem völlig verrauchten Lokal: In diesem Punkt ist Flanagan mit seinen Produzenten so gesundheitsbewusst wie geschichtsverfälschend.) Auch die Filmmusik der Newton Brothers, mit denen Flanagan seit "Oculus" durchgängig arbeitet, lässt vor allem einen Einfluss Jerry Goldsmiths erkennen, an dessen "Poltergeist"-Soundtrack einige der musikalischen Momente in "Ouija: Origin of Evil" ganz besonders erinnern.
Die perfekte Illusion ist aber keinesfalls das endgültige Ziel des Films, der das Altmodische gezielt mit dem Neumodischen verknüpft und dabei dem Retro-Horrorfilm James Wans gleicht: die bisweilen zwischen Sepia-, Beige- und Brauntönen oszillierende, warme, gedämpfte Farbdramaturgie entspricht in ihrer Intensität eher einer modernen Retro-Ästhetik als der Farbdramaturgie tatsächlicher 70er Jahre-Klassiker. Auch die – wie stets bei Flanagan recht unbefriedigenden, wenig überzeugenden und schrecklich effekthascherischen – CGI-Effekte fügen sich nicht stimmig ein: Nicht bloß brechen sie mit dem ausgesprochen materiellen Charakter dieses Films – was bei einer Geister-Thematik vielleicht auch als angebracht betrachtet werden kann –, sondern sie dienen einer etwas pompösen Effekthascherei, die dem Retro-Geisterfilm wesentlich stärker zukommt, als dem oldschool-Geisterfilm. Auch die inszenatorische Brillanz der ersten Ouija-Szene, bei der das in Blautöne getauchte Zimmer von reflektierender Wasseroberfläche beleuchtet wird, oder der Kamerafahrt durch beide Wagenfenster und das Wageninnere unterwirft sich nicht dem perfekten Retro-Look, sondern strebt eine Melange aus Nostalgie und aktueller Mode an.
Diese Melange betrifft nicht bloß die Inszenierung (und die Intensität der Effekthascherei), sondern auch die Haltung des Films zu den dargebotenen Ereignissen: Das Horrorkino der 70er Jahre war zuallererst ein Kino des Terrors und des Schocks, wenngleich es auch für humorvolle Einfälle offen war, wohingegen das – nicht immer auch gleich postmoderne! – Horrorkino der 80er Jahre vor allem ein Kino des Klischees oder der Ironie war. Flanagan verwendet durchaus die Ironie und spielt auch sehr bewusst mit den Klischees; er nimmt aber seine Klischees sehr ernst, kaschiert sie dabei regelrecht und erwählt sich eine sehr zurückhaltende Form der Ironie, die sich weniger an die Oberfläche drängt, sondern sich vielmehr versteckt und bloß für den kundigen Genrefan sichtbar wird.[2] "Ouija: Origin of Evil" will vor allem als packender Horrorfilm funktionieren und setzt daher auf eine für heutige Verhältnisse fast schon gemächliche Einführung der Charaktere, deren Schicksal er mit den Mitteln des Dramas aufbereitet, um den Einbruch des Horrors umso beklemmender ausfallen zu lassen. Erst an zweiter Stelle stehen die ironischen Bezüge zum Genre: Linas Feststellung im Finale, dass "splitting up sounds like the stupidest idea in the world", ist noch eine vergleichsweise vordergründige Ironie, die aber in der dargebotenen Form nicht bloß von genreunkundigen Zuschauer(inne)n schnell übersehen wird; gleiches gilt für die laufende "Goodbye Little Girl, Goodbye"-Schallplatte, die sowohl einen inhaltlichen Kommentar darstellt, als auch eine Kontrastierung der beklemmenden Stimmung bewirkt.[3] Hintersinniger fallen dagegen die ironischen Bezüge auf andere Filme aus, die nur noch für das genrehistorisch versierte Publikum wahrnehmbar sind, welches diese Bezüge zu lesen versteht: aber selbst dann benötigt man bisweilen noch eine Weile, um zu erkennen, dass etwa "The Exorcist" nicht bloß einfach zitiert wird, sondern mit kleinen, aber entscheidenden Veränderungen zitiert wird: Pater Hogans Ende entspricht Pater Merrins Ende nur als eine Art Umkehrung; und nicht ein von der besessenen Regan attackiertes Opfer sinkt in einer eindrücklichen Einstellung zu Boden, sondern die frisch besessene Doris. Auf das Wiedererkennen, welches immer schon eine ironische Distanz ermöglicht, folgt nach kurzer Zeit nochmals das Erkennen feiner Unterschiede. Diese recht zurückhaltende Ironie ist eine feinere Ironie, die das Horrorkino der 80er Jahre und den selbstreflexiv-postmodernen Horrorfilm hinter sich gelassen hat, und trotz aller Bezüge wieder affizierende, involvierende, emotional berührende Erzählungen abliefert, die es dabei durchaus ernst meinen: es ist eine Form der Ironie, die auch für Wans Conjuring-Reihe und deren Ableger ("Annabelle" (2014)), für Wests "House of the Devil" (2009), Pogues "The Quiet Ones" (2014), für den modischen, auf die 70er Jahre schielenden Retro-Besessenheits-/Geisterfilm insgesamt charakteristisch ist.[4]
Aufgrund einiger oberflächlicher Effekthaschereien und der schwerer wiegenden mangelnden Tiefgründigkeit des unheimlichen Spuks, der in sich nicht ganz schlüssig erscheint und Opfer und Täter von Verbrechen gleichermaßen stigmatisiert bzw. dämonisiert, bleiben "Ouija: Origin of Evil" die ganz großen Weihen eines wahren Genreklassikers sicherlich verwehrt; aber in seiner einfühlsamen Figurenzeichnung, die ein psychologisch stimmig entwickeltes Verlust-Thema verfolgt, um die Motivation für das verhängnisvolle Interesse am Okkulten glaubhaft zu begründen und eine emotionale Bindung an die Figuren zu gewährleisten, punktet der Film enorm. Eine so ambitionierte wie saubere Inszenierung, effektive Schock- und Gruseleffekte – die bisweilen auch subtil eingesetzt werden – und eine hervorragende Ausstattung sorgen aber für ausreichend Qualitäten, um das Werk weit über das Gros üblicher Genrefilme zu erheben.
Kurzum: Ein sauberer, effektiver oldschool-Geisterfilm, der – in 1967er Kulissen angesiedelt – dem Horrorkino zwischen 1973 und 1982 huldigt, um vor allem der modischen James Wan-Schule mit ihrer Retro-Vorliebe anzugehören.[5] Sanft ironisch, angenehm unheimlich; mit souveräner Figurenzeichnung und sorgfältig eingesetzten Geschmacklosigkeiten in 70er-Jahre-Tradition... 7/10
1.) Der in "Ouija" vorgegebene Zeitraum hätte die Einbindung einer WK2-Thematik in der gewählten Form freilich gar nicht zugelassen. Flanagan wählt das Setting der späten 60er Jahre also nicht bloß deshalb, um dem Horrorfilm der 70er Jahre visuell, ausstattungsmäßig näherzustehen, sondern auch deshalb, um die für jene Dekade typische und – nach Vorläufern wie "La Vergine di Norimberga" (1963) – von "La plus longue nuit du diable" (1971) über "Ilsa: She Wolf of the SS" (1975) bis "Death Ship" (1980) reichende Vorliebe für Nazi-Exploitation einbinden zu können, die seit "Grindhouse" (2007) wieder als 70er Jahre-Phänomen ins kollektive Bewusstsein der Cineasten zurückgerufen worden ist.
2.) Dort, wo sich die Ironie ganz direkt zeigt, besitzt sie ein geringes Ausmaß, welches auch im Horrorkino der 70er Jahre schon anzutreffen war: Dass das Öffnen der Haustür durch die besessene Doris an das Öffnen einer Haustür auf dem Bildschirm des Fernsehers anschließt, wäre ein solcher Gag, der aber die durchaus ernste Haltung zum Schockierenden, Unheimlichen nicht berührt.
3.) Hierin kann man – wie in einigen besonders dämonisch lachenden Fratzen der besessenen Doris – einen Einfluss von "The Evil Dead" (1981) vermuten, der aber bereits mit seiner Oberflächlichkeit und Komik den entscheidenden Trend des Horrorfilms der 80er Jahre einleitete, welchem Flanagan hier nicht folgt.
4.) Wenngleich sich der Einfluss der Filmlandschaft zwischen 1973 und 1982 besonders stark niederschlägt, heißt das nicht, dass Flanagan nicht auch andere Dekaden berücksichtigen würde. Neben "Village of the Damned", "Rear Window" (1954) und der jungen Wan-Schule wird auch Flanagans eigenes Schaffen eingebaut: Im Keller der Zanders steht etwa der Spiegel aus Flanagans "Oculus". Und dass Mickey sich und Lina mit Romeo & Julia vergleicht, mag nicht bloß am legendären Status von Shakespeares Stück liegen, sondern auch daran, dass das Stück eine zentrale Position in Flanagans "Makebelieve" (2000) einnimmt. (Und wenn Lina sich und Mickey kurz darauf mit Bonnie und Clyde vergleicht, dann mag man darin auch einen Verweis auf Penns "Bonnie and Clyde" (1967) sehen, was die häufig anzutreffende Einordnung der Handlungszeit im Jahre 1965 vollends ad absurdum führt.) Kein direktes Eigenzitat, aber doch charakteristisch für Flanagans Schaffen ist zudem der Einsatz der Planchette: Zwar wurde dieser schon durch den ersten Teil vorgegeben und "Ouija: Origin of Evil" ist trotz aller Ambitionen letztlich eine an Flanagan herangetragene Auftragsarbeit, aber das Element fügt sich harmonisch in die Thematisierung visueller Hilfsmittel ein, die Flanagan in "Oculus" und "Still Life" (2001) über den Spiegel bzw. über die Fotografie verfolgt. Ob Flanagan solche Ansätze einer psychologisch ausgerichteten Medientheorie der Schauakte weiter ausbauen und systematisieren wird, muss die Zukunft zeigen.
5.) Selbst die Wan-Produktion "Lights Out" (2016), die wenige Monate zuvor uraufgeführt worden war, weist Parallelen auf: Das lauernde Wesen im Dunkel des Flures – das etwa in der 25. Minute zu sehen ist, als Lina sich ihre weggezogene Bettdecke zurückholt – gleicht in Haltung & Reglosigkeit dem Wesen aus David Sandbergs "Lights Out"; zudem verfügen beide Filme über dieselbe Location (die Innenansicht des Hauses der Zanders).