Review
von Leimbacher-Mario
Mann, Mythos, Metaebene
Nachdem mich Regisseur Pablo Larrain vor ein paar Wochen mit "Jackie" nachhaltig beeindrucken konnte, musste ich seinen kurz vorher entstandenen "Neruda" natürlich schnellstmöglich nachholen. Zwei solche wuchtige, stylische & sehr spezielle "Biopics" gleichzeitig am Start zu haben, lässt Larrain mehr als gut dastehen. Dieser Mann zeigt Mut, eigene Handschrift, Kreativität & einen Blick für sehr schöne Bilder. Zwei der wichtigeren Filme der letzten Jahre über noch wichtigere & umstrittene Persönlichkeiten sind nun seine - sowohl "Jackie" als auch "Neruda" sind auf ihre Art sehenswert & bieten ganz besondere Blickwinkel auf ebenso besondere Menschen. Leider hat mir "Neruda" dann doch nicht so gut gefallen wie der Film über die ehemalige First Lady. Erzählt wird die Geschichte der Verfolgung des legendären chilenischen Poeten, Senator & Kommunisten Pablo Neruda durch einen jungen, hartnäckigen Polizistenspürhund...
"Neruda" ist ein Kritikerliebling. Ein Film für Mitdenker & Künstler, Poeten & Chilenen, Träumer & Cineasten, Kommunisten & Romantiker. Doch für die meisten wird er unzugänglich & verfahren bleiben. Mich eingeschlossen. An der Aufgabe mir eine völlig fremde & (auf den ersten Blick) recht uninteressante Figur aus einem fernen Land & einer vergangenen Zeit näher zu bringen, scheitert er prachtvoll. Allerdings gefühlt fast so gewollt, da sich "Neruda", ebenso wie der Jackie Kennedy-Geniestreich, stark mit Legendenbildung beschäftigt. Nicht wirklich dem Mensch hinter der Fassade. Noch dazu kommt ein ganz spezieller Blickwinkel & eine Erzählweise, die einem früh spanisch statt chilenisch vorkommt.
Das hebt den Film zwar metaphorisch auf eine andere Ebene, öffnet Gedanken & addiert eine exquisite Noir-Stimmung - hält die Figuren aber kilometerweit auf Abstand. Alles wirkt eher wie eine unfreiwillig komische Farce & ein Hirnspagat, der selten Wirkung entfaltet. Daran ändern sogar durchgehend schussfeste & beeindruckende Darstellerleistungen oder ein letztes Drittel in unfassbar schicker Westernpatina nichts. Wer mehr über Pablo Neruda erfahren will, ist hier falsch. Hilft eher seinem Mythos als uns Zuschauern. Hätte ich mir anders gewünscht, für Neruda-Profis aber sicher ein klasse neuer Ansatz & eine faszinierende Interpretation.
Fazit: interessanter Ansatz, interessanter Mann, interessanter Regisseur - verdammt zäher Film. Eine Schönheit, die mich kalt ließ. Eher Metakommentar als Biographie. Kreativ immerhin.