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Tom Hanks spielt den Piloten Chelsey „Sully“ Sullenberger, der als amerikanischer Held gefeiert wird, nachdem er ein Passagierflugzeug auf dem Hudson River gelandet hat. Nach dem Start zwang ein heftiger Vogelschlag den erfahrenen Piloten zur Notlandung, womit dieser 155 Flugzeuginsassen das Leben retten konnte. Dennoch muss er sich nun einer Untersuchung stellen, die ermitteln soll, ob er es nach dem beidseitigen Triebwerksausfall nicht doch zu einem der nahe gelegenen Flughäfen hätte schaffen können.

Es sieht alles so einfach aus: Nach dem Vogelschlag und dem Ausfall der Triebwerke entscheidet sich der Pilot schnell für die Landung auf dem Hudson River zwischen Jersey City und Manhattan und steuert das Gewässer an. Mit ruhiger Stimme gibt er seinem Co-Piloten Anweisungen, während das Flugzeug vom Radar des verzweifelten Fluglotsen verschwindet. Nach der Notlandung, als er schon als amerikanischer Held gefeiert wird, beteuert er weiter ganz bescheiden, nur seinen Job gemacht zu haben und dankt den Kollegen, seinem loyalen Co-Piloten und den Flugbegleitern, für ihren Beitrag. Wahrscheinlich würde Clint Eastwood, inzwischen eine der großen Hollywood-Legenden, von sich das gleiche behaupten, dass er bei „Million Dollar Baby“, bei „Erbarmungslos“ oder „Gran Torino“ einfach nur seinen Job gemacht hat. Und auch bei seinen Regie-Arbeiten sieht, ähnlich wie bei „Sully“, alles ganz einfach aus: gradlinig und schnörkellos - aber doch absolut virtuos.

Nach dem biederen Biopic „Jersey Boys“ und dem zu Recht nicht unumstrittenen Kriegsfilm „American Sniper“ meldet sich Clint Eastwood mit „Sully“ gewissermaßen zurück. Er erzählt seinen Film, wie es bei biographischen Filmen in Hollywood mittlerweile gang und gäbe ist, auf zwei Zeitebenen, jedoch ohne, dass Spannung und Dramatik davon Schaden nehmen würden. Er thematisiert mit der Aufarbeitung der Notlandung die technischen und vor allem die menschlichen Aspekte des Ereignisses pointiert, interessant und verständlich, während er immer wieder in Rückblenden auf den 15. Januar 2009 zurückkommt und den nur wenige Minuten andauernden Flug in allen Einzelheiten aufrollt. Wegen der Authentizität und der hervorragenden technischen Umsetzung überzeugen diese sich mitunter wiederholenden Sequenzen an Bord der Maschine auch beim zweiten oder dritten Ansehen. Wenn Eastwood die Notlandung in der zweiten Filmhälfte dann in voller Länge zeigt, braucht es weder einen aufpeitschenden Score noch hektische Wackelkamerasequenzen, da die realistische und schnörkellose Machart in Kombination mit den realen Hintergründen auch so kaum intensiver und bewegender sein könnte. Wer die Bezeichnung „Das Wunder vom Hudson“ bisher allzu pathetisch fand, dürfte hier eines Besseren belehrt werden.

Und wer könnte diesen gleichermaßen fähigen wie in sich ruhenden Piloten, den Helden des Alltags, überzeugender verkörpern als Tom Hanks, der große Jedermann Hollywoods? Vermutlich niemand. Hanks spielt den Piloten glaubhaft, dem der Rummel um seine Person ein wenig suspekt ist und der während der laufenden Untersuchung immer wieder von Selbstzweifeln geplagt wird, ob er mit der Notlandung nicht doch das Leben seiner Passagiere gefährdet hat, ob er es nicht vielleicht doch noch zu einem Flughafen geschafft hätte. Und er löst diese Aufgabe ausgezeichnet. Vor allem schafft er es, wie zuletzt auch bei „Captain Phillips“, einen nach außen im Angesicht der Katastrophe ruhigen Eindruck zu vermitteln, aber doch die innere Anspannung, das Bemühen um Beherrschung zu transportieren. Das gelingt Aaron Eckhart, der den Co-Piloten verkörpert, ebenfalls ausgezeichnet. Als kleine Schwachstellen des Films sind allenfalls die etwas zu glorifizierende Darstellung des Protagonisten und der äußerst kritische Blick auf das Untersuchungsgremium zu nennen, das als Haufen ignoranter Bürokraten darstellt wird und krampfhaft darum bemüht zu sein scheint, den neuen Volkshelden zu entzaubern.

Fazit:
Clint Eastwood lässt mit seiner schnörkellosen, nüchternen und unaufgeregten Machart einmal mehr ganz einfach aussehen, woran viele andere Filmemacher krachend scheitern: Ihm ist ein erzählerisch wie inszenatorisch durchweg überzeugendes Drama nach wahren Begebenheiten gelungen, das gleichermaßen interessant und bewegend, spannend und dramatisch geworden ist und auch auf darstellerischer Ebene voll und ganz überzeugt.

88 %

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