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Einer der positiven Nebeneffekte des sich in den letzten Jahren beständig erweiternden und noch nicht das Ende der Größenordnung erreichenden Chinesischen Kinomarktes ist, dass die ursprünglich mit kantonesischer Beteiligung und Herkunft ausgestatteten Produktionen nunmehr auch mehr Geld als zuvor gefördert und die Rendite gleichsam wesentlich höher als zuvor in der Beschränkung auf den einheimischen Markt gehalten sind. Zudem hatten gerade in letzter Zeit abseits des weiterhin beliebten und weiterhin vorherrschenden Marktes der (außerhalb Chinas weitgehend unpopulären) Fantasybebilderung auch so genante Modern Day Geschichten wie Cold War 2, Operation Mekong oder auch SPL II: A Time for Consequences überraschenden finanziellen Erfolg, was die Belange von derlei (zumeist) urbanen Cops VS Robbers Erzählungen, ursprünglich hervorgehend mit aus dem HK - Kino der frühen Achtziger Jahre de facto und mehr oder minder direkt am Leben hält. Line Walker selber hat auch seine 90 Mio. USD. an den Kinokassen eingespielt, und dies als eine Adaption einer ursprünglich lokal reduzierten Fernsehserie, die außerdem mit seiner Undercover-Behandlung rein typischem HK-Milieu und narrativ einer langen und guten Tradition entspricht:

Nach dem Auslöschen einer Datenbank von in die gegnerischen Reihen entsandten Undercover-Cops steht Inspector Q [ Francis Ng ] vom Criminal Intelligence Bureau vor dem Problem, gleichzeitig seine Freundin und Informantin Ding Siu-ka [ Charmaine Sheh ] vor angreifenden Horden von Gangstern beschützen zu müssen, als auch über sie an den ominösen 'BlackJack' heranzukommen, der ebenfalls in die von Kwok Ming [ Cheng Tai-shen ] geleitete Gangstervereinigung der Tak Mou Group eingeschleust ist. Die dort momentan auffälligsten Akteure sind die Freunde Lam [ Nick Cheung ] und Shiu [ Louis Koo ], die für den aufstrebenden und skrupellosen Tung Pak-ho [ Li Guang-jie ] einen überaus gefährlichen Drogendeal in Brasilien absolvieren sollen. Als auch noch der alteingesessene Triade Foon-hei Gor [ Hui Siu-hung ] in die Angelegenheit drängt, verwickelt sich das Geschehen zunehmend verwirrend, und das große Sterben beginnt.

Der Maulwurf in den eigenen Reihen, das Versteckspiel sein Leben lang und der Tausch von Identitäten, in dem jedes gesagte Wort verräterisch sein kann und jede Bewegung möglicherweise die letzte ist; ein Sujet, dass gerade schon in der New Wave Welle Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger seine ersten entscheidenden filmischen Beispiele erfahren hat und nicht umsonst seitdem und seit jeher überaus beliebt ist. Von Man on the Brink (1981) über City on Fire (1987) und To Live and Die in Tsimshatsui (1994) zur Infernal Affairs - Trilogie (2002/03) ist es nur ein logischer Schritt; ein stetes Versteckspiel der eigenen Wünsche und Gedanken an ein System, welches nur eine andere Gangart und ein gewisses Mitläufertum, eine Gleichmacherei, eine stete Akklimatisation und Assimilation zulässt.

Dabei streift die Kunst das wahre Leben; ab wann lohnt sich das Bewegen aus der Deckung heraus, bis wann ist das Mitschunkeln in der Masse als angenehmer für ein selber und die Umgebung zu sehen. Im Film selber ein Abwägen der Risiken mit dem erhofften, aber gefährlichen Gewinn, wie auch der Erfolg der Filme gleichzeitig mit Beigeschmack, ebenso wie die weiterhin fortschreitende Übernahme der (noch) Sonderverwaltungszone HK durch die Obrigkeit je nach Ansicht mit mehr Nach- als (finanziellen) Vorteilen verbunden ist. Line Walker dabei mit entsprechend zweischneidigen Schwert, dem Januskopf, der Kehrseite der Medaille, in dem die erste Hälfte fast eine Komödie im Wong Jing - Stil und dann ab Minute 45 plötzlich der Bruch der bisherigen Tonalität und beinahe das Gegenteil des Bisherigen, der Widerspruch in sich ist.

Mit der ursprünglichen gleichnamigen 31-teiligen Fernsehserie, die ab Ende August 2014 mit großen Einfluss und Zuschauertriumph in HK, China, Singapur und Malaysia auf TVB Jade ausgestrahlt wurde, hat dieses wilde Hochglanzprodukt trotz Übernahme des dortig unter dem Alias 'Jazz Boon' Hauptverantwortlichen Man Wai-hung in seinem Kinodebüt und einigen wenigen Darstellern und ihren Rollen als Ehrerweisung bzw. Anbiederung auch nicht mehr viel zu tun. Attestiert man sich als großflächiger Action-Blockbuster, der in Panoramen, in Reisestätten und viel Glanz und Pomp gerade zu Beginn richtiggehend suhlt und dort auch eher die oberflächliche Bombastunterhaltung mit leichtem Anstrich hin zum explosiven Event-Amüsement ist. Autobomben und Kugelhagel in Parkhäusern, in denen vor lauter Munitionsverbrauch kein Stein mehr auf dem anderen bleibt und kein Metall und kein Leib vor heftigen Einschlägen und Einschusslöchern verschont ist. Auseinandersetzungen zwischen Spezialeinheiten und Paramilitärs in den Favelas, wo sowieso jeder Straßenjunge und Obstverkäufer eine Waffe griffbereit hat und entsprechend im bleihaltigen Feuersturm mitmischt. Zweikämpfe auf Leben und Tod, bei dem man sich auch nicht durch Stürze in Glasscheiben hinein und die Deckenleuchter über den Schädel gezogen vom Weitermachen abhalten lässt. Und eine Ausgangslage, bei der man am Anfang noch nicht weiß, wer am Ende heile nach Hause geht.

Der Unterschied von der kleinen Mattscheibe zur breiten Projektionswand, von der Fernsehprominenz zu Starschauspielern, von der Dialoglastigkeit hin zu Postkartenaufnahmen von und ausgiebigen Detonationen und Destruktionen in Touristikzentren wie Shenzhen, Macao, Rio de Janeiro, und von dem 'Realismus' hin zur gänzlich mit Fantasie und Wunschdenken überzogenen Erzählwelt, die mit allerlei Gimmicks, Schießereien und Verfolgungsjagden ausgestattet ist und jeden verfügbaren Cent in die Ausschmückung und Verzierung steckt. Aussehen tut das Vorhaben hier also gut, wenn man denn Wert auf überaus Gelacktes und viel Rankenwerk allerorten und eine Unstimmigkeit neben der anderen legt. Ein wenig geerdet wird das Geschehen (später) durch die Veränderung der Ausdrucksweise, in dem man das bisschen Schabernack dann weg und eine bisherig dafür verantwortliche Figur dann auch das Zeitliche segnen lässt. Helfen tun bis dato noch das Vorhandensein der Schauspieler, die mit den Neuankömmlingen Koo, Cheung und Ng doch recht stadtbekannt und mittlerweile auch in China gefragt angelegt sind, auch wenn von darstellerischen Höchstleistungen hier Abstand genommen und eher solides Mittelmaß als Kleiderständer mit Funktion und nicht wirklich Identifikation geliefert wird.

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