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Ein wenig PR war noch nie verkehrt und so kam es dem Erstling von Julia Ducournau wahrscheinlich entgegen, dass während einiger Premierenvorführungen Zuschauer aus dem Saal liefen und andere gar in Ohnmacht gefallen sein sollen. Weshalb erschließt sich dem halbwegs erfahrenen Betrachter nicht, denn das Coming-of-Age-Drama hält sich mit expliziten Darstellungen weitgehend zurück.

Streberin Justine (Garance Marillier) beginnt einen neuen Lebensabschnitt und studiert, wie ihre ältere Schwester Alex (Ella Rumpf) Tiermedizin. Speziell in der ersten Woche wird es den Neuankömmlingen schwer gemacht und dann wird Vegetarierin Justine auch noch dazu genötigt, eine Kaninchenniere zu essen, was mit einem Hautausschlag quittiert wird. Doch ab da ist in der jungen Frau die Fleischeslust geweckt…

Eine Parodie auf Kannibalen? Ein zynischer Seitenhieb gegen Vegetarier oder ein Statement für die Tierwelt? Von allem etwas, doch eigentlich nichts von dem. Denn primär geht es um das sexuelle Erwachen der wenig erfahrenen Justine, die sich nach körperlicher Nähe sehnt, welche immer derbere Züge annimmt und in reinster Wollust mündet, in dem sie ihren schwulen Zimmergenossen unverhohlen zu verführen versucht. Die kannibalistischen Züge sind eine Art Metapher, was einerseits dem Horrorfan Tribut zollt und andererseits als ein Ventil für teils makaberen Humor dient.

Es wird ein durchaus interessanter Reifeprozess in Gang gesetzt, der phasenweise mit erotischer Atmosphäre zu fesseln vermag. Denn Justine in Ekstase ist in jeder Bewegung unberechenbar wie ein Werwolf an Vollmond. Sie könnte jederzeit zubeißen, enttäuscht von ihrem Opfer ablassen oder ihm schlichtweg den Todesstoß versetzen. Das sieht phasenweise sogar recht ästhetisch aus, wenn zwei von Farbe bedeckte Figuren sich aneinander schmiegen oder wenn sich zwei wie Kampfhunde ineinander verbeißen, um zu sehen, wer als erstes nachgibt.

Aufgrund der eher ruhigen Erzählweise und den geringen Horroranteilen dürfte die Chose nichts für ungeduldige Betrachter sein, die zugleich ein Minimum an Bewegung oder gar Action benötigen. Ducournau lässt sich und ihren Figuren viel Zeit, was im Mittelteil zu kleineren Längen führt und nicht immer spannend anmutet. Zudem ist der vermeintliche Twist meilenweit gegen den Wind zu riechen, wobei die letzten Szenen eher versöhnlich stimmen und sich von der leicht melancholischen Grundstimmung abheben.

Der oftmals schmerzliche Prozess des Erwachsenwerdens erinnert minimal an „Carrie“, ein wenig an „Ginger Snaps“, aber auch an „So finster die Nacht“. Darstellerisch wird solide geliefert, speziell Marillier wird in der Rolle der Justine einiges abverlangt. Der passende Score wird eher zurückhaltend eingesetzt, während die handwerkliche Ebene mit ästhetischen Bildern zu überzeugen weiß.
Ein ordentliches Debüt mit nicht allzu innovativem Stoff, jedoch ansprechenden Szenen mit einigen stimmungsvollen Momentaufnahmen.
6,5 von 10

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