Sorry, Spoiler sind nötig!
Hollywood kann Grausames veröffentlichen, aber das ist noch gar nichts im Gegensatz zu dem, was Deutschland seinen Filmen antun kann, vor allem, wenn man tatsächlich mal eine geradezu geniale Vorlage in der Hand hat, die international sogar die Kinos rulen könnte.
Andreas Eschbachs „Jesus Video“ ist so eine Vorlage, und wer sie gelesen hat, weiß, daß der Stoff hochbrisant ist und für einen SF-Mysterythriller mit reichlich Action geradezu prädestiniert ist.
Dann kam Pro7 und machte daraus einen TV-Film, einen Zweiteiler.
Und was die Zuschauer dann zu sehen bekamen, war nicht nur eine dahingeschlachtete Vorlage, sondern tatsächlich ein Film, der jegliches Potential und die besten Stellen des Buches einfach vermied. Ein Haufen Scheiße, wenn man es genau ausdrücken will.
Kennzeichen des Qualitätsverlustes war schon mal die Eindeutschung der ganzen Chose: aus dem Helden Stephen Foxx wurde mal flux ein Deutscher, und was für einer, nämlich Steffen Vogt. Ja supi, der kommt dann auch schön naiv als wirklich wasserstoffblonder Arier im heiligen Land rüber.
Story ist ja bekannt: ein Skelett wird gefunden, zweitausend Jahre alt und daneben die Bedienungsanleitung für eine Videokamera, die noch gar nicht auf dem Markt ist. Was könnte das bedeuten? Ergo: ein Zeitreisender, der ev. ein Video von Jesus gemacht hat und in der Vergangenheit gestorben ist. Die Jagd beginnt, der Vatikan wills verhindern und alle wollen den Heiland sehen, auf ins Gefecht.
Was Pro7 daraus gemacht ist, ist ein gelackt-sauberer Actionthriller Marke „Alarm für Cobra 11“, der seinen Helden von einer schweißtreibenden Situation in die nächste tappen läßt, hauptsache, es ist was los. Die Mystik und Ungeheuerlichkeit gehen in dem Dauerfeuer natürlich drauf. Und je länger es dauert, desto wunderlicher wird es, wenn etwa auch der fiese reiche Mann, der hinter Aufnahme her ist, ebenso wie der Vatikanvertreter im Superhellblond antreten. Gabs die im Dutzend billiger?
Zwischendurch kommen dann so Schoten wie die an Indy angelehnte Taucherei in den tiefen Ebenen der Klagemauer, die überflutet sind, aber so sauber, klar und durchsichtig wie der Swimmingpool im All-inclusive-Urlaub.
Knüppeldick auch, daß uns verkauft wird, daß Foxx seine eigene Handschrift auf dem alten Dokument nicht erkennt! Jaja, wir Deutschen sind alle doof.
Gänzlich gestrichen hat man neben dem eher handelnden Helden den auch im Roman vorkommenen Mathematiker Eisenhardt (man hatte ja schon genug Deutsche), der den Fall und die Möglichkeiten immer so wunderbar strukturiert.
Aber wer braucht das, wenn es ballert und kracht und die Jagd auf das Video unser Ein und Alles ist.
Der finale Schlag ins Gesicht (oder in die Genitalien) für die Buchfans ist jedoch das Ende, das zwar tatsächlich das Video präsentiert, aber dafür total verändert. Jesus liegt schon in der Grabkammer und siehe da, es ist Stephen selbst, der das Video aufnimmt.
Das ist nicht nur kompletter Mumpitz, sondern verschenkt den totalen Reiz der Vorlage.
Dort ist Jesus nämlich auf dem Video lebendig zu sehen (auf einer Hochzeit) und die Ansicht gibt den Zuschauern jeweils eine Art Zufriedenheit und ein neues Wertegefühl. Der Vatikan scheint zwar das Video zu zerstören, doch ein findiges Kerlchen hat schon Kopien gemacht und im Untergrund entsteht eine neue Kirche der Sehenden. Als Schlußgag treffen Foxx und Eisenhardt dann in Amerika den wahren Zeitreisenden, der natürlich noch nichts von seinem Schicksal weiß.
Vielleicht war das ja für einen Fernsehfilm zu kirchen- oder katholischfeindlich (der Vatikan kommt im Buch nicht gut weg) oder man traute sich dann doch nicht, einen ganz eigenen Jesus zu präsentieren oder die Chose mit der Kirche war zu wenig actionreich und zu religionsphilosophisch (was sie im Buch allerdings auch nicht ist).
Auf jeden Fall kam der Schreiber offenbar mit dieser Bombenidee an, für die man ihn prügeln könnte. Das darf man eh, denn Martin Ritzenhoff ist auch verantwortlich für Skripts von so niveauvollen Filmen wie "Der letzte Lude“, „Feuer, Eis und Dosenbier“, „Fußball ist unser Leben“ oder die hochintellektuellen Bademeisterfilme.
Begrabt bitte diese Version an der Biegung des Flusses oder laßt sie Ritzenhoff aufessen und steckt das Buch in einer englischen Fassung einem US-Produzenten. Die wissen schon, was man mit so was anfängt. Für uns Deutsche: willkommen in der Provinz. Aber wieder mal schweinegeile Action, oink, oink! (3/10)