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Jack Huston spielt Judah Ben Hur, einen Juden aus der Oberschicht Jerusalems, der gemeinsam mit dem von seiner Familie adoptierten Römer Messala, gespielt von Toby Kebbell, aufwuchs. Die beiden waren unzertrennlich, bis sich Messala dem römischen Heer anschloss und nach langer Zeit als hochdekorierter Soldat und Günstling von Pontius Pilatus zurückkehrte. Als Judah und seine Familie nach einem Anschlag auf den Statthalter unverschuldet bei den Römern in Ungnade fallen, lässt Messala diesen persönlich als Sklaven auf eine Galeere verbannen, seine Mutter und seine Schwester gefangen nehmen. Nach einer Sehschlacht, bei der sein Schiff sinkt, kann Judah jedoch entkommen und fordert seinen einstigen Bruder von Rache getrieben beim großen Wagenrennen in Jerusalem heraus.

In großer Regelmäßigkeit treiben Remakes die Fangemeinde auf die Barrikaden, gelten die großen Originale doch stets als unerreichbar. Die üblichen Abwehrreflexe waren zuletzt etwa bei „Ghostbusters“ zu beobachten, sind aber keine Erscheinungen allein der jüngeren Kinogeschichte, in der die Hollywood-Studios fast nur noch auf die großen und bekannten Franchises und Geschichten setzen: Bereits William Wyler hatte 1959 bei der Verfilmung des 1880 erschienenen Romans „Ben Hur“ mit großer Skepsis zu kämpfen, galt der Stummfilm von 1925 doch immer noch als großer Meilenstein (obwohl auch diese Verfilmung nicht die erste war). Der Rest ist Kinogeschichte: Wylers Film, mit Ton und in Farbe gedreht, gewann elf Oscars, spülte Unsummen in die Kinokassen und avancierte zum zeitlosen Klassiker. Von daher war der Gedanke, den Stoff nach über fünf Dekaden für jüngere Generationen neu aufzulegen, diesmal mit CGI und in 3D, durchaus nachvollziehbar - aber nicht so: Action-Regisseur Timur Bekmambetow, der mit „Wanted“ und „Abraham Lincoln Vampirjäger“ allenfalls seine visuellen Fertigkeiten unter Beweis stellen konnte, war von Anfang an eine schlechte Wahl, was sich ebenso von seinen Autoren behaupten lässt. „Ben Hur (2016)“ ist aber auch der filmische Beweis dafür, dass die zeitlose Geschichte über Schuld, Rache, Vergeltung und Vergebung auch von den größten Stümpern nicht gänzlich entzaubert werden kann.

Bekmambetow hat aus dem monumentalen Stoff einen Actionfilm gemacht, der von Anfang an gradlinig auf das finale Wagenrennen zusteuert, das bereits in der ersten Einstellung angedeutet wird. Daher wird der komplette Handlungsabschnitt des Romans, der in Rom spielt, ausgelassen, während das weitere Schicksal der Familie Judah Ben Hurs zur Anekdote verkommt. Das erklärt dann auch die mit zwei Stunden vergleichsweise kurze Laufzeit, die gleichzeitig aber auch der größte Vorteil dieses Films ist, dessen Regisseur nicht gerade als begnadeter Geschichtenerzähler gelten kann: Es wird zumindest nicht langweilig, es entsteht kaum Leerlauf und die epische Geschichte mit ihren interessanten historischen und religiösen Bezügen packt auch in dieser stark verkürzten Version noch. Alles in allem ist Bekmambetows Film nämlich trotz seiner Auslassungen recht vorlagengetreu, auch wenn Messala hier nicht ein ehemaliger Schulfreund des wohlhabenden Juden ist, sondern dessen Adoptivbruder.

Wirklich problematisch ist dagegen zweierlei: Die religiösen Bezüge, die im Film von 1959 nicht allzu stark ausgeprägt waren, spielen hier zwar eine etwas dominantere Rolle, da auch Jesus Christus höchstpersönlich häufiger in Erscheinung tritt, doch es gibt keine schlüssige Verbindung zu Ben Hur. Vielmehr wirkt es, als würden hier zufällig zwei Geschichten zur gleichen Zeit am gleichen historischen Schauplatz spielen. Außerdem hat Bekmambetow einen entscheidenden Punkt, der das Wagenrennen im Original so packend gestaltete, außer Acht gelassen: Das Rennen von 1959 reißt seine Zuschauer nicht allein wegen seiner technischen Brillanz oder opulenten Bilder mit, so beeindruckend diese auch waren. Es ging dabei auch um die Figuren, vor allem natürlich um den titelgebenden Hauptcharakter, dem man den Sieg wünschte und um Messala, dessen Tod in der Arena man kaum erwarten konnte. In der Neuverfilmung dagegen mangelt es der Hauptfigur etwas an Profil und Hauptdarsteller Jack Huston, dem die Fußstapfen von Charlton Heston definitiv zu groß sind, kann sein mangelndes Charisma mit seiner ordentlichen schauspielerischen Darbietung letztendlich nur unzureichend kompensieren. Interessanter hätte Messala sein können, der diesmal nicht der eindimensionale Bösewicht ist, der hier zwischen seinen Loyalitäten zur jüdischen Adoptivfamilie bzw. zum römischen Imperium hin- und hergerissen ist. Nur leider fehlt es dem Drehbuch an Inspiration und Dialogen und Bekmambetow an Willen, diesen interessanten Konflikt stärker in den Fokus zu rücken.

Trotzdem ist das Wagenrennen natürlich das Highlight des Films. Bekmambetow setzt auf Wackelkamera und schnelle Schnitte, was dem Rennen einen Hauch von Formel 1 verleiht, er verliert dabei aber nicht die Übersicht. Er inszeniert spektakuläre Crahs, die 1959 noch nicht im Bereich des technisch Möglichen lagen und zeigt auch, wie die schwerverletzten Fahrer von einigen Helfern vom Boden der Arena gekratzt werden, während sich das Publikum am großen Drama und am Blutvergießen berauscht. Damit dürfte zumindest dieser Teil des Films mittelfristig im Gedächtnis bleiben und auch die Seeschlacht in der ersten Filmhälfte weiß durchaus zu gefallen. Bekmambetow verschenkt zwar mit dem Verzicht auf Bilder aus der Totalen die Möglichkeit, das gewaltige Gemetzel in monumentale Bilder zu bannen, er erzeugt mit der Fokussierung auf das Innere der Galeere aber eine dichte, klaustrophobische Atmosphäre. Denn hier sind die Sklaven an ihre Ruder gekettet, und damit ihrem Kommandanten und dem Schlachtgeschehen hilflos ausgeliefert. Ansonsten ist der Film trotz der sehenswerten Ausstattung und einiger brauchbarer Bilder vom alten Jerusalem abseits der Action-Sequenzen kein visueller Leckerbissen geworden. Nicht nur der Erzählung fehlt hier das Epische, das gilt auch für die Bilder, die oft etwas künstlich wirken und den 3D-Aufpreis definitiv nicht wert sind.

Fazit:
Der Idee einer Neuverfilmung von „Ben Hur“ konnte man 57 Jahre nach dem letzten Kinofilm durchaus aufgeschlossen gegenüberstehen. Am Ende ist es jedoch ein Film geworden, dessen Figuren kaum entwickelt werden, der inhaltlich nicht mehr als eine deutlich abgespeckte Version der Verfilmung von 1959 bietet. Kurzum: Niemand hätte diesen Film gebraucht - aber jetzt ist er nun einmal da. Mit den gelungenen Action-Sequenzen und dem zügigen Tempo unterhält er auf passablem Niveau, wenngleich er den Kinobesuch nicht wert ist. Selbst Bekmambetow und seinen Autoren ist es nicht gelungen, eine großartige Geschichte komplett zu verhunzen.

48 %

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