Störungen im Betriebsablauf
„Es gab nur ein winziges Leck dort in der Biotech-Firma – kein Grund zur Sorge.“
Mit „Train to Busan“ erschuf der südkoreanische Regisseur Yeon Sang-ho im Jahre 2016 den ersten Teil einer modernen, in seinem Heimatland überaus erfolgreichen Zombiefilm-Trilogie, der kurz darauf das Prequel „Seoul Station“ folgte. Im Gegensatz zu „Seoul Station“ und allen vorausgegangenen Filmen Sang-hos ist „Train to Busan“ kein Animations-, sondern ein Realfilm. Mit „Train to Busan“ lief nicht nur erstmals ein Zombiefilm bei den Filmfestspielen in Cannes, sondern wurde dem Subgenre auch mit Nachdruck neues Leben eingehaucht. Im Jahre 2020 folgte die Fortsetzung „Peninsula“, erneut als Realfilm.
„Das ist ja wieder mal ein echter Scheißtag!“
Nachdem ein Leck in einer Chemiefabrik aufgetreten ist, werden zigfach Menschen mit einem Erreger infiziert, der aus ihnen tollwütige Bestien macht, deren Bisse die Infektion übertragen. Für so eine Zombie-Epidemie hat Fondsmanager Seok-woo (Gong Yoo, „The Suspect“) eigentlich keine Zeit, denn für gewöhnlich hat sein Beruf Vorrang vor allem anderen. Ausgerechnet jetzt aber hat seine Tochter Soo-an (Kim Su-an, „Hide and Seek – Kein Entkommen“) Geburtstag, weshalb er mit ihr im Zug nach Busan sitzt, um der Kleinen den Wunsch zu erfüllen, ihre Mutter zu besuchen, von der er getrennt lebt. Soo-an wirft ihm vor, sich immer nur um sich selbst zu kümmern, statt für sie da zu sein, und tatsächlich hat er eigentlich so gar keine Lust auf diese Bahnfahrt. Diese wird jedoch zu einer ganz besonderen, denn nachdem ein Infizierter zugestiegen ist, breitet sich die Epidemie mit rasender Geschwindigkeit aus und beginnt ein verzweifelter Überlebenskampf…
Für die Zuschauerinnen und Zuschauer fängt alles mit einem überfahrenen Reh an, das unbemerkt wieder zum Leben erwacht – Zombi statt Bambi, der bereits ein Stück weit vorwegnimmt, was der schöne Spannungsaufbau mit zunächst nur kurzen, flüchtigen Eindrücken und rätselhaften Ereignissen andeutet. Regisseur Sang-ho erhöht das Tempo jedoch bald exponentiell, plötzlich geht alles ganz schnell: Was sich angebahnt hatte, bricht sich im Zug bahn (man verzeihe mir diese Wortspiele). Untermalt, ergänzt und eingeordnet werden die Ereignisse von immer mal wieder eingeblendeten TV-Nachrichten und Nachrichtensprechern aus dem Off. Ein Beispiel für die narrative Rasanz, mit der sich nicht nur die Protagonistinnen und Protagonisten, sondern auch das Publikum auf Änderungen einstellen müssen: Die Ansteuerung einer Bahnstation wird erst lautstark gefordert, doch als man feststellt, dass auch diese bereits fest in Zombiehand ist, gilt der noch saubere Teil des Zugs plötzlich als sicher. Sukzessive, aber in schöner Regelmäßigkeit werden Hoffnungen beschnitten, Lösungsmöglichkeiten entkernt und schwinden die Überlebenschancen. Dass sich lange Zeit alle Geschehnisse in einem fahrenden Zug abspielen, erhöht das gefühlte Tempo noch einmal – zumal die Zombies hier eindeutig der modernen Variante zuzurechnen sind, die sehr gut zu Fuß ist, statt unter der Leichenstarre zu ächzen.
Ist der Zug nun eine Falle oder doch eher letztes Refugium? Außerhalb des Zugs zerlegt sich Südkorea jedenfalls gerade amtlich und als statt rettender Militärs eine zombifizierte Armee auf die Reisenden wartet, ist das ein echter Schock. Generell wurde „Train to Busan“, ohne großartig in Gesplatter und Gekröse auszuarten, mit einiger herber Action und ebensolchen Schreckmomenten angereichert, die die in manch Horrorfilmen üblichen Jumpscares auf die Plätze verweisen. Die Ereignisse überschlagen sich und die wenigen Überlebenden müssen lernen, die Zombies auszutricksen – u.a. mittels moderner Kommunikationsmittel, was „Train to Busan“ endgültig in der Gegenwart verankert. Dumm nur, dass die Überlebenden auch zusammenarbeiten müssen, aber den Mikrokosmos eines Sozialgefüges mit allen Vor-, aber eben auch Nachteilen abbilden, was für einen kräftigen sozialkritischen Unterbau des Films sorgt, der wohl ganz in Romeros Sinne gewesen wäre. Zudem sieht sich der parasitäre Fondsmanager Seok-woo gezwungen, sich im Zuge der Apokalypse charakterlich weiterzuentwickeln, womit der Film seine persönliche Ebene erhält – die jedoch dazu beiträgt, dass es zuweilen etwas arg melodramatisch und rührselig (verstärkt durch sentimentalisierende Zeitlupen) zugeht.
Nichtsdestotrotz ist „Train to Busan“ eine intensive, nervenaufreibende Zombiefilmerfahrung und ein hervorragender Horroractioner, der mitreißend geschauspielert und toll bebildert wurde und im Subtext neben den Gefahren durch chemische Umweltverschmutzung vor allem Lebenseinstellungen zwischen Altru- und Egoismus verhandelt.