Review

kurz angerissen*

Auch wenn "Psycho Raman" nicht ganz das ist, was er sich zu sein erhofft, so erweist sich der indische Thriller doch als ein hochgradig spannendes Untersuchungsobjekt im Spannungsfeld zwischen dem amerikanischen und indischen Kino. Letzteres wird im Westen breitflächig nur als Katalysator zum Ausleben positiver Gefühle über das klassische „Bollywood“ wahrgenommen. Niemand, so heißt es, feiert das Leben so sehr wie die Inder mit ihren bunten Kleidern und dem schwungvollen Tanz zu orientalischer Folklore. Drängt nun also stattdessen das Portrait eines Psychopathen auf den internationalen Markt, steht die Annahme im Raum, die Artenvielfalt des indischen Kinos solle unter Beweis gestellt werden. 2.0, das bezieht sich inhaltlich auf den Umstand, dass "Psycho Raman" nicht die wahre Geschichte eines Serienkillers im Bombay der 60er Jahre erzählt, sondern die fiktionale Geschichte eines Nachahmers in der Gegenwart. Es steht aber auch für die angepeilte Neuwahrnehmung einer Branche, die ihre alten Markenzeichen nun mit modernen Zutaten anreichert, um sein Publikum zu vergrößern.

Anstatt schwereloser Paarungstänze gibt es ergo zum Einstieg Hard Trance in einer Disco auf die Nuss, und man fühlt sich sogleich an überstilisierte amerikanische Milieustreifen von "Scarface" bis "Collateral" erinnert. Die audiovisuellen Eindrücke nehmen unter Anurag Kashyaps Regie einen großen Raum ein; speziell der Soundtrack pendelt zwischen den Extremen und versucht sich an einer neuen (digitalen) Interpretation des Begriffs "Weltmusik"; auch optisch werden die überladenen Handels- und Wohnstraßen der Großstadt nicht in dem erdig-lehmigen Ton präsentiert, den man aus Dokumentationen über das Land kennt, sondern mit den harten Farbkontrasten und dem Grit des Neo(n)-Noir. Die Kapitelstrukturierung mit comicartiger Typografie tut ihr Übriges, um dem internationalen Markt zu gefallen.

Doch auch die Charakterzeichnung gesellt sich zu dieser nach Offenheit strebenden Ausrichtung, erinnert bei der Annäherung der beiden Hauptfiguren, die auf entgegengesetzten Seiten stehen und sich doch so ähnlich sind, frappierend an "Heat". Ohne blutrünstig zu sein, wird mit Gewaltdarstellungen oder deren Andeutungen nicht gegeizt. Gerade Nawazuddin Siddiqui spielt sich als empathieloser Killer in einen regelrechten Rausch der Emotionslosigkeit, ähnelt tatsächlich zunehmend eher einem Monster als einem Menschen. Doch auch auf der anderen Seite mit Vicky Kaushal häufen sich tragische Entwicklungen, mit jenen des Monsters verknüpft durch das unsichtbare Band der Parallelmontage, die beide Entwicklungen in eine direkte Abhängigkeit zueinander setzt.

Zwischen den Zeilen erzählt "Psycho Raman", oft womöglich unterbewusst, von seinem Land und der Gesellschaft. Eine gegenüber westlichen Gesellschaften immer noch passivere Rolle der Frau ist nach wie vor erkennbar; thematisiert wird sie kaum oder jedenfalls unzureichend direkt. Gleiches ließe sich über die illustrierte Armut behaupten. Der auf Hochglanz polierten Oberfläche treiben diese unbehandelten Zustände Risse in den Lack. Sie lassen den Style-Over-Substance-Thriller vordergründig betrachtet unvollkommen erscheinen. In Wirklichkeit machen sie ihn erst gerade interessant.

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