Review

Frauenpower zur Flowerhour

"20th Century Women" ist ein simpler Film über komplizierte Figuren. Und sind wir Menschen nicht alle kompliziert? Widersprüchlich manchmal? Anstrengend und gerade deswegen liebenswert? Ich habe jedenfalls diesen Film lieben gelernt und halte ihn für einen der ganz großen kleinen Filme des Jahres. Feel-Good, 70s, feministisch aber nie zu einseitig oder predigend. Sogar teilweise anti-feministisch und immer offen, vielseitig und natürlich. Kein reines Retro-Fest, kein esoterischer New Age-Nerver, kein plumper Pussy-Power-Schlachtruf. Sondern viel mehr als das und vielleicht gerade für Männer interessant. Mike Mills liefert für mich hier seinen bisher besten Film - und "Beginners" war alles andere als leicht zu toppen! Erzählt wird die Geschichte eines fünfzehnjährigen Jungen Ende der Siebziger, dessen alleinerziehende Mutter mit Mitte 50 Angst hat, dass sie ihren Sohn vielleicht nicht zu einem vernünftigen Mann erziehen kann. Daher bittet sie ihre Untermieterin und die beste Freundin ihres Sohnes um Mithilfe... ist das nun die coole Erziehung die sich ein Teenager wünscht? Eher nicht. Schlechtere gibt es aber sicher auch. Welcher angehende Mann würde nicht gerne von diesem traumhaften Trio erzogen? ;)

Zuerst muss man in dieser erfrischenden und sehr ansehnlichen Coming-Of-Dramödie die Darsteller loben. Alle durch die Bank, könnte man es sich leicht machen. Doch zumindest die drei Damen und der Junge benötigen Extraerwähnungen. Annette Benning erreicht nochmal einen späten Karrierehöhepunkt mit der manchmal widersprüchlichen, manchmal nervigen doch im Endeffekt unheimlich liebenswerten Mutter. Dazu Elle Fanning und Greta Gerwig, zwei der ambitioniertesten und talentiertesten Jungdarstellerinnen der Gegenwart, die sich hervorragend ergänzen. Und nicht zu vergessen der kleine Lucas Jade Zumann, der den wachsenden Teenager herausragend und zugleich zurückhaltend verkörpert. Ein bockstarkes Ensemble, in das man sich nur verknallen kann. Erst recht wenn ihre Charakter ihnen so viel Abwechslung, Tiefe und Entwicklung geben. Manchmal meint man zwar, Film und Figuren widersprechen sich etwas zu oft, doch dieses vielseitige Beleuchten ist für mich eher Stärke als Schwäche. Wenn man zu dem sensiblen und lehrreichen Script dann noch einen exquisiten Soundtrack und ein paar sehenswert psychedelische 70s-Effekte addiert, dann findet sich diese Patchwork-Freundilie irgendwo zwischen Realismus, Lebenslehre und witziger Story mitten aus dem Leben. Nicht auszurechnen, nicht immer logisch, vollkommen menschlich. Mit Fehlern, mit Ecken, mit Herz. Den Zeitgeist treffend - nicht nur der 70er.

Fazit: eine einfühlsame und ehrliche Ode ans Frau sein und Mann werden. Einer der besten des Jahres! Nicht nur für Feministen und Kinder der 70er.

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