Joseph Gordon-Levitt spielt Edward Snowden, der 2013 in Honkong in Anwesenheit des Guardian-Reporters Glenn Greenwald, gespielt von Zachary Quinto, und der von Melissa Leo gespielten Dokumentarfilmerin Laura Poitras eine Bombe zum Platzen brachte. Der Ex-Geheimdienstmitarbeiter legte offen, dass die NSA unter dem Vorwand des Anti-Terror-Kampfes weltweit alles und jeden beobachtete, Telefonate und Emails von US-Bürgern sowie auch von Bürgern befreundeter Staaten bespitzelte. Snowden, der nach den Anschlägen vom 11. September seinen Beitrag dazu leisten wollte, die USA sicherer zu machen, sah in den Veröffentlichungen den einzigen Weg, die auch unter US-Präsident Barack Obama weiterhin grassierende Massenüberwachung zu beenden.
Die Parallelen zwischen Oliver Stone und seinem in diesem Film vermittelten Bild von Edward Snowden sind zu offensichtlich, um sie nicht direkt anzusprechen. Vom jungen Patrioten, der sich freiwillig am Krieg in Vietnam beteiligte, um den Kommunismus zu bekämpfen, wandelte sich der heute 70jährige Regisseur zum kritischen Geist, der filmisch nicht nur mit dem Krieg abrechnete, in dem er und seine Altersgenossen sinnlos verheizt wurden. Mit „JFK“, „Nixon“ oder „Wall Street“ arbeitete sich Stone an der jüngeren amerikanischen Geschichte, den Verfehlungen der US-Regierungen oder der Gier der Kapitalmärkte ab, war dabei nie um Kontroversen oder steile Thesen verlegen. Das brachte ihm neben dem Ruf des großen, politisch ambitionierten und linksliberalen Regisseurs gleich drei Oscars ein. Doch seit der Jahrtausendwende war es ruhig um Stone geworden, der nach dem Monumental-Debakel „Alexander“ mit „World Trade Center“ oder „W.“ kaum noch an alte Form anknüpfen konnte. Vielleicht brauchte es aber auch nur das richtige Thema, das aus Stones Sicht mal wieder belegen dürfte, dass die US-Regierung ihre Bürger hinters Licht führt und die hehren westlichen Ideale verrät, die es doch eigentlich zu schützen und verteidigen gilt. Dazu die Geschichte eines Mannes, der, wie Stone vor knapp 50 Jahren, eigentlich nur seinem Land dienen wollte, bis er schließlich feststellen musste, dass etwas nicht stimmte.
Stone startet seine Erzählung zwar im Jahr 2013 in Hong Kong, wo Snowden seine Informationen dem britischen Guardian übergab, beginnt dann aber schnell, in Rückblenden die Geschichte seines titelgebenden Helden zu erzählen - in einer dramatisierten Form der wahren Ereignisse, wie es im Vorspann heißt. Snowden, Autodidakt und Computercrack mit einem Hauch von Wunderkind, ist ein Patriot wie er im Buche steht, kann seinem Land aber nicht im direkten Kampfeinsatz dienen, weil seine Knochen das nicht zulassen. Also geht er zur CIA und nutzt seine Computerfähigkeiten, um Terroristen zu bekämpfen und um Cyber-Angriffen vorzubeugen. Bei seinen geheimdienstlichen Aktivitäten in den USA, in Japan und auf Hawaii stellt er jedoch zunehmend fest, dass nicht nur Millionen unbescholtener Menschen auf dem ganzen Globus überwacht werden, dass dabei geltendes Recht gebrochen wird, sondern, dass die digitale Sammelwut der Sicherheitsbehörden neben dem Anti-Terror-Kampf auch wirtschaftlichen Interessen dient. Außerdem werden Handydaten genutzt, um den Standort von Terroristen zu ermitteln, die anschließend per Knopfdruck via Drohnenangriff ausgeschaltet werden. Sogenannte Kollateralschäden inklusive. Derlei Praktiken erklären das spätere Handeln Snowdens und verdeutlichen auch dessen Enttäuschung über Barack Obama, unter dessen Präsidentschaft die Missstände nicht beseitigt wurden. Vom Vorgänger Bush hätte man dagegen ohnehin nichts anderes erwartet.
Snowden, durch all das in seinen Grundfesten erschüttert, will etwas dagegen unternehmen, muss jedoch schnell feststellen, dass interne Kritiker, wie etwa Thomas Drake, bei der NSA diskreditiert werden, weil niemand daran denkt, die illegalen Praktiken zu beenden. Snowden bleibt nur der Weg an die Öffentlichkeit. Er riskiert Leib und Leben, gibt seinen Job, seine Lebensgefährtin, seine Heimat, sein gesamtes bisheriges Leben auf, um den Menschen die Augen zu öffnen. Er wird staatenlos, sitzt heute in Russland fest, weil seine Ausreise nach Lateinamerika verhindert wurde. So wird es sehr eindringlich in Stones Film dargestellt, der ein gelungenes Portrait von Snowden zeichnet, seine Hauptfigur aber doch eine Spur zu makel- und selbstlos erscheinen lässt. Nichtsdestotrotz gewinnt Snowden in Stones Film an Tiefe und Profil, was nicht zuletzt auch der eindrucksvollen Darstellung durch Joseph Gordon-Levitt zu verdanken ist, der sowohl als bleicher Computernerd, wie schließlich auch als von seiner Entscheidung überzeugter Whistleblower ein starkes Bild abgibt. Er schafft es, den im Film etwas zu offensichtlich herausgearbeiteten Wandel seiner Figur glaubhaft darzustellen, was zum Teil aber auch der Frau an seiner Seite geschuldet ist. Die im Film erheblich extrovertierte Shailene Woodley gibt mit einer starken Performanz nicht nur in der ausgiebig thematisierten Liebesbeziehung zu Snowden den perfekten Gegenpart zum verschwiegenen Geheimdienst-Mitarbeiter, ihre Figur funktioniert auch als das personifizierte liberale Gewissen des Protagonisten, das ihn letztlich zum Schritt an die Öffentlichkeit bewegt.
Was Stone noch besser als seine etwas glorifizierende Darstellung von Snowden gelingt, ist die Aufarbeitung des komplexen Themas der Massenüberwachung in gleichermaßen eindrücklicher wie auch verständlicher Weise. Wer vor drei Jahren die Artikel der großen deutschen Zeitungen und Nachrichtenmagazine zum NSA-Skandal gelesen hat, dürfte zunächst seine Probleme mit der komplexen Thematik gehabt haben. Es ging um Programme und Codenamen wie Prism, Tempora oder XKeyscore, um Behörden wie GCHQ, NSA, CIA und schließlich auch den BND, um juristische Fragen und technische Details, die zwar auch bei Oliver Stone allesamt anklingen, aber auch den weniger informierten Zuschauer nicht überfordern dürften. Stattdessen arbeitet Stone anhand seines hervorragend konstruierten Figurenensembles die wesentlichen Standpunkte und Sichtweisen heraus, lässt den charismatischen Rhys Ifans in der Rolle von Snowdens Förderer als Verfechter des Überwachungsstaates auftreten, den in einer kleineren Nebenrolle besetzten Nicolas Cage als Querdenker innerhalb des Systems, Scott Eastwood als NSA-Mitarbeiter, der auf moralische Fragen stets entgegnet, nur Befehle auszuführen. Im Streitgespräch mit seiner Freundin entkräftet Snowden im Film außerdem die weit verbreiteten Beschwichtigungen, die Überwachung sei kein Problem, weil man ja nichts zu verbergen habe.
Stone gelingt es mit seinen Kameraschwenks auf die zahllosen Überwachungskameras im Film, auch dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln, er stehe permanent unter Beobachtung. Wenn Snowden beim Sex mit seiner Freundin in die abgeschaltete Webcam ihres Laptops blickt, die möglicherweise gar nicht abgeschaltet sein könnte, dürfte wirklich jedem klar werden, wie tief die NSA in die Privatsphäre unbescholtener Bürger eindringen kann und wie beunruhigend dieser Gedanke ist. In der vielleicht besten Szene des Films, in welcher der auf einem überdimensionierten Bildschirm erscheinende Rhys Ifans auf den immer kleiner erscheinenden Snowden einredet und intimste Kenntnisse aus dessen Privatleben offenbart, wird zudem deutlich, dass die NSA auch vor den eigenen Leuten nicht Halt machte. Zwischen diesen eindrücklichen Szenen produziert Stone zwar immer mal wieder etwas Leerlauf, etwa dann, wenn es allzu technisch wird, unterhaltsam ist sein Film dennoch geworden. Dazu tragen auch die Szenen aus Hong Kong bei, die zum einen sehr viel Authentizität vermitteln, weil die realen Geschehnisse in Snowdens Hotelzimmer von der dafür mit dem Oscar prämierten Dokumentarfilmerin Laura Poitras festgehalten worden waren. Zum anderen ist das Geschehen in Asien ein guter Rahmen für die Rückblenden auf Snowdens Leben. Spannend sind die Szenen auch, weil jederzeit die CIA hereinplatzen und die Veröffentlichung von Snowdens Informationen im letzten Moment verhindern könnte.
Fazit:
Mit „Snowden“ ist Oliver Stone sein erstes Glanzstück seit der Jahrtausendwende gelungen. Er findet eindrückliche Bilder für die Massenüberwachung der NSA, macht deren Ausmaß und Konsequenzen deutlich, ohne seine Zuschauer mit der komplexen, technischen Materie zu überfordern. Dabei zeichnet er ein eindrückliches, wenngleich allzu bewunderndes Bild des Protagonisten, dessen Wandel vom Patrioten zum Whistleblower nicht zuletzt dank des überzeugenden Joseph Gordon-Levitt sehr eindrücklich geschildert wird. Inszenatorisch wie darstellerisch rundum gelungen, ist „Snowden“ trotz kleinerer Längen absolut sehenswert.
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