Den meisten dürfte Regisseur Lucio Fulci eher als berüchtigter Splatterfilmer bekannt sein. Das der Italiener seinem Artgenossen Dario Argento, Meister suggestiver Giallos, in nichts nachstehen muß, stellt er mit seinem Frühwerk "Lizard in a womans skin" eindrucksvoll unter Beweis. Unter massivem Einsatz eindrucksvoller Fiebertraum-Sequenzen schuf Fulci einen etwas anderen Giallo mit - für Fulci und das Genre eher untypisch - wenigen (harten) F/X.
Vielmehr wird das Psychogramm eines verwirrten Geistes einer jungen Frau namens Carol (Florinda Bolkan), die in einen Mordfall gerät, Thema des wohl besten Films Fulcis. In einem ihrer zahlreichen (surreal anmutenden) Alpträume träumt sie quasi den Mord an ihrer Nachbarin vor, wenige Tage später in der Realität muß sie sich ihrem Therapeuten und der Polizei erklären - denn aus dem Traum wurde Realität. Die verstörte Frau gerät immer mehr in einen Strudel aus Schlaflosigkeit, Vermischung von Traum & Realität, mysteriösen Gestalten; ist sie letztendlich gar die Mörderin? Und was haben ihre Träume, sexuelle Obezessionen mit der Nachbarin - in der Realität im Drogenrausch bizarre Orgien abhaltend - mit allem zu tun?
Schon die ersten Minuten sind grandios und sollen nur ein erster Einblick auf die in famosen Bildern erzählte Geschichte. Selber am Drehbuch beteiligt kann man Fulci nur loben, sein bester Film neben "The Beyond". Noch surrealer, noch tiefergründiger. Kein Meisterwerk, aber eines der wichtigsten Werke seines Schaffens.
Besagte Carol wandert durch einen Zug, Verzweifelung setzt ein als sie in kein Abteil kommt, gefüllt mit Menschen; auch der Zug wird immer voller. Panik überkommt sie, ein Winden durch Menschenmassen, welche immer hysterischer werden, dann plötzlich nackt sind...Schwärze...eine Blondine taucht auf - die Nachbarin - gehüllt in ein Nichts aus Schwarze, die Lippen sinnlich, verführerisch. Ein Akt der Liebe, lasziv, erotisch. Die den Film auch sehr tragende phantastische Musik von Ennio Morricone (Spiel mir das Lied vom Tod) gibt allem eine schier unglaubliche Atmosphäre.
Durchweg durch, auch wenn der Film viel vielschichtiger und später immer undurchschaubarer wird - vielleicht auch gerade deshalb. So etwas ist man von Fulci gar nicht gewohnt, überrascht sehr angenehm. Für ihn typisch ist die Liebe von Zooms auf die Augen, dieses Stilmittel wendet er schon vereinzelt an, ist jedoch experimentierfreudiger, nimmt schon Einstellungen vor die von einem Argento stammen könnten. Bild in Bild Folgen um die schizophrene Gedankenwelt darzustellen ist nur eine davon. Mit eine der eindrucksvollsten Szenen dürfte neben den Träumen Carols Verfolgungsjagd in den Spitzen einer Kathedrale sein, hier - ich verweise immer wieder gerne auf Argento - gibt es eine sehr schöne Kamerafahrt. Auch sonstige Ideen sind surreal-bizarr wie ich sonst nie so sah.
Carol wird sehr intensiv und phantastisch von Florinda Bolkan gespielt, die schon in "Flavia" - einem der besseren Hexploitationfilme - für ihre Darbietung herausstach. Auch hier wieder verkörpert sie einen ungewohnten Frauentyp, nervös, zerbrechlich, fragend - keine Kämpferin wie Flavia. Auch wenn sie einen Mord begangen haben soll. Die ermittelnden Polizisten sind auch gut, wenn auch die Giallo Atmosphäre sich von der üblichen eben etwas unterscheidet. Trotzdem wird dem Film viel "Krimi" eingeräumt, vielleicht zum Ende hin hätte ich mir die intensiveren Momente wie am Anfang mehr gewünscht.
Es gibt wie gesagt nur ein paar Effekte die wirklich als "hart", zumindest in ihrem Kontext eingebettet, bezeichnet werden können. Da wäre zum einen ein dichter Fledermausangriff der meilenweit von der billigen Mache eines "Haus an der Friedhofsmauer" ist, stimmig, bizarr. Wie die halben, sezierten Hunde, die in einer der Alptraumszenen auftauchen. Fulci wurde deswegen wegen Tierquälerei beschuldigt, doch handelt es sich nur um einen guten Effekt. Mancher Effekt wie der blutige Messermord an der Nachbarin deutet auf die Härte in späteren Fulcis hin, doch es gibt mehr anderes "anrüchiges", nämlich viele erotische Momente, die sehr schön in Szene gesetzt sind.
Auch wenn der typische Fulci-Gucker ob der geringen Anzahl der F/X anfangs überrascht sein mag, die wunderbar stimmige Inszenierung mit vielen halluzinogenen Bildern macht im Grunde doch viel mehr Spaß als sinnloses Gemetzel. Für Splatterfreunde uninteressant, wer jedoch Fulci nur wegen seiner "schlechten" Filme mied, sollte mal reinschauen!