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Ein fesselndes Spiel mit doppelten Böden

Die 1930er-Jahre. Korea steht unter japanischer Herrschaft. Der Gauner Fujiwara schmiedet ein Komplott, um an das Erbe der japanischen Lady Hideko zu kommen. Sein Plan: Die Lady soll sich in ihn verlieben. Nach der Heirat will er sie flugs ins Irrenhaus stecken und gross absahnen. Dabei helfen soll ihm die Taschendiebin Sook-hee, die er als Dienerin in Hidekos Anwesen schleust. Doch in diesem Anwesen ist nichts so, wie es scheint. Fujiwara, Hideko und Sook-hee verheddern sich in einem knisternden Gewirr von Liebschaften und Intrigen …

The Handmaiden (Ah-ga-ssi, 2016) erzählt von einer fesselnden Dreiecksbeziehung, in der sich die Hauptfiguren konstant gegeneinander ausspielen. Mastermind hinter diesem Spiel ist der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook, der sich seit seinem internationalen Durchbruch Oldboy (2003) intensiv mit den Themen Gewalt, Perversion und Wahnsinn beschäftigt hat. In The Handmaiden fügen sich diese Aspekte erstmals seit dreizehn Jahren wieder zu einem meisterlichen Ganzen: Der Film ist aufwühlend, erotisch, spannend und hintersinnig.

Die Geschichte teilt sich in drei Akte: in Einleitung, Wendepunkt und Auflösung. Dabei schreitet Park nicht immer chronologisch voran, sondern streut immer wieder Rückblenden ein. Im Wendepunkt werden die Geschehnisse des ersten Aktes noch einmal aufgegriffen, dieses Mal aber aus einer anderen Perspektive. Aus dieser Umdeutung scheinbar klarer Ereignisse schöpft The Handmaiden seine stärkste ästhetische Kraft. Nie ist sich das Publikum ganz darüber im Klaren, wie bestimmte Szenen zu deuten sind. Dass es um mehr geht, als um die sexuelle Spannung zwischen Herrin und Magd, ist schnell klar. Dieses Spiel mit dem Zweideutigen ist hier noch ausgeklügelter, als in Oldboy.

The Handmaiden ist ein erotischer Film und als solcher vergleichbar mit Todd Haynes’ Carol (2015). Haynes und Park portraitieren beide eine lesbische Beziehung, die sich gegen eine männerdominierte Welt abzugrenzen versucht. Während Haynes schlafwandlerisch effektiv dem gewohnten Muster der Romanze folgt, agiert Park wesentlich subversiver und reflektierter. Er lässt Lady Hideko schmuddelige Texte vorlesen, während notgeile Männer ihren Worten lauschen. Er visualisiert gewalttätige SM-Fetische und zitiert die pornographischen Holzschnitte japanischer Meister. Die Männer in Parks Geschichte scheinen die gewalttätige, perverse Sexualität zu verkörpern, während der Geschlechtsakt zweier Frauen zum Gipfel der zarten, reinen Erotik stilisiert wird – ähnlich wie bei Haynes. Aber das Ende unterläuft diese klare Trennung: Es macht deutlich, dass die Frauen der pervertierten Phantasie der Männer niemals zur Gänze entfliehen können.

Park verunsichert die Zuschauer gezielt: Szenen, die auf den ersten Blick lustvoll scheinen, erhalten plötzlich einen ambivalent düsteren Charakter. Das ist vor allem beim Wendepunkt des Filmes der Fall, bei dem Hideko und Sook-hee miteinander schlafen – eine Sexszene, die an Sinnlichkeit und Schönheit kaum mehr zu überbieten ist. (Mal ganz abgesehen davon, dass sie wahnsinnig heiss ist.) Überhaupt ist der gesamte Film ein Augenschmaus: Die Kamera ist stilvoll verspielt, macht aus Hidekos Anwesen ein veritables Gruselschloss. Das Schauspiel ist ausdrucksstark, besonders Min-hee Kim als Hideko und Tae-ri Kim als Sook-hee sind einnehmend. Gewöhnungsbedürftig sind einige comichaft übersteigerte Szenen, die wir aber schon aus Oldboy und insbesondere aus I’m A Cyborg, But That’s OK (2006) kennen. Sie zeugen von einem verqueren Humor, der unerwartet oft ins Schwarze trifft.

Was man Park vorwerfen kann (aber nicht muss), ist seine Vorliebe für theatralische Plot Twists. Diese sind zwar auf den ersten Blick beeindruckend, können sich aber schnell abnutzen, ähnlich wie bei David Finchers Fight Club (1999). Jedoch verfügt The Handmaiden über genug Subtext, um die Twists mit Bedeutung zu füllen. So ist Parks neuester Film nicht nur ein Fest für die Sinne, sondern auch für den Verstand: eine so unterhaltsame wie kluge Reflexion über die Sexualität.

Mit The Handmaiden beweist Park Chan-wook, dass er noch immer zu den spannendsten Regisseuren des zeitgenössischen Kinos gezählt werden muss. Seine Vision ist kunstvoll und gewagt, humorvoll und sexy, spannend und wunderschön. Brutaler Thriller, gefühlvolles Drama und erotische Romanze zugleich – ein einzigartiger Film, den man nicht verpassen darf.

10/10

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