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Sichtlich angespornt von dem überwältigenden Erfolg von Johnny Tos Justice, My Foot ! [ 1992 ] legte Hong Kongs Überproduzent Wong Jing zwei Jahre später mit einer angleichenden Systematik nach und bediente sich dazu auch desselben Hauptdarstellers Stephen Chow, der sich mittlerweile zum uneingeschränkten King of Comedy stabilisiert hat. Diesmal greift das Drehbuch nicht auf ein spezielles Theaterstück bzw. eine ausgesonderte Verfilmung zurück, sondern orientiert sich grossflächig an der historisch verbürgten Figur des Judge Bao Zheng (999-1062), ein Magistrat von Gerechtigkeit, Furchtlosigkeit und Rechtschaffenheit, der zum mythischen Markenzeichen im Kampf gegen Korruption, Vetternwirtschaft und Diskriminierung wurde. Verbreitet in unzähligen Geschichten, Liedern, Opern, Fernsehserien und Filmen ist die - hierzulande nahezu unbekannte Figur und ihr Schaffen - auch heutzutage noch ein allgemeingütiger Begriff unter Chinesen.
[Wer Robert van Guliks mystery novels um Richter Dee kennt, bekommt in etwa ein Begriff von Subjekt und Setting. Oder um es noch pauschaler zu machen: Sherlock Holmes.]

Hail the Judge leiht sich die Legende ebenso aus wie zuvor ein Dutzend Verfilmungen ab den 50ern [ Judge Pao's Night Trial of the Wicked Kwok Wai, How Judge Pao Tested the Faked Emperor Kwong Sui, Judge Bao's Night Trial of Guo Huai etc. ].
Dabei spielt Stephen Chow diesmal einen Nachfahren des altwürdigen Juristen, der sich zwar als Kind ebenfalls der Ehre und Moral verschworen hat, dies als Erwachsener aber nicht allzu leicht ausführen kann. Ein Mordprozess soll ihn auf die richtige Bahn bringen:

Die gerade zur Witwe gewordene Chi Siu Lin [ Sharla Cheung ] soll ihre gesamte Familie sowie ihren kranken Ehemann kurz nach der Hochzeit vergiftet haben. Dabei war der Bekannte Shang Wai [ Ngai Sing ] der Täter, was auch so lange offensichtlich war, bis dieser seinen Vater, Naval Commander Shang Kwan [ Ku Feng ], ins Spiel brachte und man zusammen mit dem findigen Anwalt 'Mirror' Fong Tong-Kan [ Lawrence Ng ] die Muskeln von Rang und Beziehung spielen liess. Als der bisher eher durch Bestechung und Gesetzesbruch aufgefallene richterliche Beamte Pao Lung-Sing [ Stephen Chow ] sein Gewissen erkennt, wird er selbst mitangeklagt, kann aber fliehen und macht sich auf dem Weg in die Hauptstadt, um beim Kaiser persönlich für Fürspruch zu sorgen. Den früheren Konstabler Panther [ Elvis Tsui ] als angeheuerten Killer eng auf den Fersen.

Das Erstaunliche an Drehbuch und seiner Umsetzung ist, dass der für seine haarsträubenden, hanebüchenen Erzählungen und der freilaufenden Inszenierung geistloser Possen bekannte Wong Jing hierbei eindeutig einen gescheiten Fokus aufweist und drumherum wie bei einem dicken Mantel für Dämpfung und Geschlossenheit sorgen kann. So vermag man die Geschichte durchaus auch ernst zu nehmen und könnte sie mit wenig Änderungen auch wirklich als eine Mischung aus Justizdrama und historischem Thriller nebst Abenteuerkino präsentieren; die Zutaten sind alle vorhanden und deren Bedienung ist man sich offensichtlich auch bewusst.
Der Kriminalfall ist zwar klar, aber seine Umstände bzw. die Verdrehung - to change white to black, wie es Anwalt Fong ausdrückt - ergeben eine sichere Spannungskomponente, die mit der falschen Beschuldigung und anstehenden Todesstrafe einer untadeligen Frau sowie der drohend ablaufenden Zeit die Idealmaße für emotionalen Suspense schlechthin aufweisen.
Die Leitlinie besteht aus einem Motto, das Erinnerungen an die "they pull a knife, you pull a gun" Ansprache aus The Untouchables erweckt:
"A corrupted should be vicious. A decent official should be more vicious. Or, how can you cope with those bastards ?"

Durch die torsohafte Verlagerung abseits der Austragung in einem Gerichtssaal sorgt man für schnell erwecktes Interesse und einen indirekten Fortgang vervollkommnender Konflikttechnik: Zwar bewegt man sich schlussendlich wieder der Verhandlung zu, muss aber fortwährend noch weitere Hindernisse meistern, die dann reichlich Rohmaterial für Sketche ergeben. Anders als in Justice, My Foot fährt man die Verweise auf Politik und Geschichte zurück, aber klappert nicht nur drei Schauplätze ab, sondern reist mit dem Gefühl der Notwendigkeit durchs Land.
Trotz des ebenfalls vorhandenen Pragmatismus verhält man sich cleverer und flexibler; aufgefüllt mit Episoden und Personen im Plötzlichkeitscharakter gewinnt dabei vor allem der Abwechslungsreichtum, die Kurzweiligkeit des Schlagabtausches und folglich auch der Unterhaltungswert.

Wong hat dabei die Struktur untadelig im Griff, setzt auf eine betonende, aber nicht aufdringliche Regie und hält auch Pointen, twists und turns nicht zu deutlich oder gar aufdringlich aus dem Fenster. Die Erzählführung ist angenehm ansprechend, ohne sich zwanghaft hervorzuheben; man verliert nicht die Bodenhaftung zum narrativen Kern, aber verpasst auch nichts, wenn man sich auf nebensächliche Ereignisse und anderen Intermezzos einlässt. Die Zwischenspiele bar unbeirrbarer Geradlinigkeit erfassen das Gefängnis, die Flucht, einen Abstecher bei einer Zirkustruppe, den dramatischen Tiefpunkt als Bettler in der Hauptstadt sowie der Wendepunkt als Gigolo in einem Bordell, wo Pao die perfekte Methode für die Neuaufnahme der Verhandlung lernt. Da er mit seinem Verwandten Pao Yau Wai [ Ng Man Tat ] den perfekt kordialen Sidekick gestellt bekommt, kann man es sowohl als durchgängiges buddy picture betrachten als auch reiner Eastern mit gestählten Kämpfern, einem reichlich ausgestatteten period piece als auch eben der komischen Gestaltung bis hin zur Parodie. Anders als gewohnt und vor allem heutzutage vorherrschend gliedert Wong seine Figuren und ihre Geschehnisse in die Handlung ein und muss sich nicht auf gegenstandslose Drohgebärden und blanken Unanständigkeiten verlassen. Eine gewisse Ausdrucksradikalität ist natürlich vorhanden, besonders in einigen überraschend violenten punishment - Szenen, aber man weist eine weitgehend ausgeglichene, maßvoll beherrschte Grundatmosphäre auf, ist mit dem schon optisch recht düsteren Rahmen von Folklore, Forensik und Verbrechensaufklärung passend gestützt und ergeht sich weder im luftig - dünnen Allerlei noch im aufgesetzten Klamauk hysterischer Turbulenzen.

Materiell ist dies eine Neuinterpretation aus kriminalistischen, fernöstlich - exotischen und traditionalistischen Ressourcen, allesamt verbunden in einer aberwitzigen Behandlung aus Klassik, Moderne und Neuland; keine Brechung des ursprünglichen Szenarios, sondern eine Verbiegung ins Lustspiel oder auch dem Schelmenroman.
Dabei ergeben sich die Lacher aus den althergebrachten Slapstickszenen incl. Auflehnungen gegen den festgefügten Wertekanon, plus Maskeraden, Verkleidungen, Übertreibungen, Spitzfindigkeiten, Gemeinheiten, Wortwörtlichkeiten und skurrilen Anachronismen. Neben den neckend provokativen Eulenspiegeleien ist auch hier die Sprachkraft die entscheidende Fähigkeit, die die Personen im chinesischen Verwaltungsapparat des Mittelalters erst ins Leben ruft. Chow arbeitet neben der Clownrolle hier viel mehr mit Intonation und Interjektionen; holophrastischen Äusserungen, die eine bestimmte Empfindung oder Bewertung ausdrücken, ohne dies in einem vollständigen Satz auszusprechen. Das Gefallen oder eben Missfallen wird durch die phonologischen, prosodischen, morphologischen und syntaktischen Unterschiede seiner Verlegenheitslaute herausgearbeitet; die bei vorhandener Sympathie durchaus auch allein amüsant wirken können, aber zusätzlich noch mit Reaktionen der Umwelt sowie graphischen Attributen abgesichert werden.
Hinzu kommt auch noch eine gesunde Einfalt bis hin zur eselhaften Dummheit; plus global verständlichem Sarkasmus, Schalkhaftigkeit, Tollpatschigkeit und auch comigalem Berserkertum. Die wenigen Martial Arts Einlagen sind relativ robust, fast primatengleich gehalten, und abseits Grenzen sprengender Phantasien.

Der courtroom showdown - in Aufmarsch und Musik im Rockystil gehalten - liefert eine erneute Bestätigung dessen, dass Wong sicherlich kein feinsinniger Regisseur ist, aber zumindest weiss, wie er das Publikum erreicht. So muss man auf besondere Kameramätzchen und aparte Bildwinkel verzichten und bekommt relativ konservativ abfotographierte Szenen mit vorherrschender Dunkelheit geboten; dafür wird aber die Unverschämtheit der rhetorische Kaskaden ins richtige Scheinwerferlicht gerückt. Die Fluidität der schlagfertig ausmodellierten Wortwechsel entspricht wie der gesamte Film nicht der subtilen psychologischen Folgerichtigkeit, sondern bewegt sich im aufregenden Endstadium von Ingrimm und Angriffslust; wobei das klare Ziel der Rechtspflege verhindert, dass das vorherige Geschehen im Anekdotischen steckenbleibt.

Das Box Office sollte diesmal "nur" HK $30,177,208.00 betragen; die Devise wurde dennoch 1997 in Joe Mas Lawyer, Lawyer - der keinen wirklich guten Ruf hat - fortgeführt.
2006 folgte noch eine TV serial adaption: In diesem Hail the Judge spielen neben Cheung Mak in der Hauptrolle noch Dayo Wong, William So, Law Ka Ying, Wong Yat Fei, Zhang Mo, Han Xue und Eva Huang.

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