Review

Eine Gebrauchsanweisung für Soderberghs „Solaris“ muß vermutlich erst noch geschrieben werden. Oder es gibt gar keine. Film als reine Interpretationsfläche. Wie es im Film so schön heißt: es gibt keine Antworten, nur Alternativen.
Heißt unter dem Strich: hinterläßt große Fragezeichen!

Oder die meisten Zuschauer machen es sich noch einfacher, werten den Film Schwulst, Murks oder Schrott und ab damit in den Konverter.
Kann man machen, fällt wohl kaum auf.

Aber für ein Review doch lieber die Auseinandersetzung mit der Materie.
Substanziell gesehen nicht gerade gehaltvoll, was schlußendlich dabei rüberkommt. Soderbergh hat sowohl Lems Roman als auch Tarkowski Film-Original genommen und sich nur die Teile herausgebrochen, die für ihn relevant waren.

Heißt effektiv: der Besuch auf der Raumstation, die den geheimnisvollen „Planeten“ Solaris umkreist, läßt aus dem Unterbewußtsein der Raumfahrer Personen erstehen, die es nicht geben dürfte, weil sie auf der Erde weilen oder bereits tot sind.
Clooney gibt hier den Arzt, der die seltsamen Vorgänge untersuchen soll und auf viele Leichen, zwei gestörte Wissenschaftler und nach einer durchträumten Nacht seine verstorbene Frau wiedertrifft, was jedoch die tragischen Ereignisse der Vergangenheit wieder wachruft.

Was als passable und gefühlvolle SF-Mystery-Romanze hätte funktionieren können, kommt dann aber daher als meist zentnerschwere Tragödie rund um Schuld und Unverständnis, um Einsamkeit und Kommunikationsschwierigkeiten.
Das ist für die einen großes Gefühlskino, für andere mit teilweise wackeliger Handkamera eingefangene Filmkunst und für wieder andere ein Drama so emotional, als hätte man Schaufensterpuppen animiert.

Da hakt es manchmal in Soderberghs Inszenierungsstil, wenn der nämlich mittendrin mal umschwenkt. Da zeigt man uns manchmal so trefflich-typische rote Heringe der üblichen Machart, wenn Clooneys Kelvin überall auf der Raumstation Blutspuren findet oder am Ende ein Notstart vonstatten geht, dann wieder versinkt der Film im Anspruch, so etwas wie Tiefe in Form langer, stummer Einstellungen zu entwickeln.

Das vielleicht Entscheidende für den Mißerfolg des Films ist, daß zwar große Emotionen dargestellt werden, es aber auf dieser Ebene dabei bleibt. Keiner der beiden Protagonisten interessiert uns wirklich, denn beide verhalten sich so abstrakt, so beherrscht, souverän und kontrolliert, daß man sich fragt, was sie eigentlich aneinander gefunden haben. Angesichts des jeweils anderen gerät dabei Kelvins Verhalten zunehmend unlogisch oder wenigstens unmotiviert.

Clooney müht sich sichtlich, so viel Gefühl und Nachdenklichkeit in die Rolle wie möglich zu legen, doch letztendlich bleibt dieser Arzt Kelvin ein komplettes Chiffre, in das auch zahlreiche Rückblenden kein Licht bringen können. Er ist ruhig und unaufgeregt und hätte gern ein Kind gehabt, mehr werden wir nicht über ihn erfahren. Clooney kämpft und hat dennoch längst verloren, denn es ist schlicht und ergreifend fehlbesetzt, wo jemand mit anderer Herangehensweise wie z.B. William Hurt oder Alan Alda nötig gewesen wäre.

Da hat es Natascha McElhone schon leichter, da ihre Künstlichkeit durchaus Programm ist, da sie eh nur aus den Erinnerungen und Sichtweisen Kelvins entstanden ist und deswegen keine eigenständige Figur darstellt. Das gilt auch für die Rückblenden und insofern erfüllt sie das Rätsel der unverstandenen Frau recht gut. Das macht die mangelnde Aufklärung darüber, was nun wirklich in ihr vorging, aber nicht wett.

Aber vielleicht sind wir alle so auf das erklärende Kino gepolt, daß uns das Rätsel um Schuld und Unverständnis gleich zu abstößt.
Dennoch, der definitive Funke fehlt. Soderbergh hatte offensichtlich mehr Interesse an dem Verhältnis zweier Menschen als an dem Solaris-Mysterium an sich oder an der Erörterung der Philosophie. Während er seine zwei Protagonisten nämlich zentriert, so daß die Einschübe mit den anderen Astronauten mit ihrer (film-)realistischen Mysterystyle mehr irritiert, als unterhält, interessiert er sich nur in kurzen Ansätzen für den philosophischen Hintergrund. Ergebnis: seine Figuren schweigen sich öfter an, als das sie etwas für den Zuschauer Brauchbares (und sei es auch nur nachdenklich) produzieren.

Ebenso unverständlich die Existenz des Planeten, der bei Lem und Tarkowski noch mit einer Art vermuteten bzw. rudimentären Intelligenz visualisiert oder beschrieben wurde, die auf unser tiefstes Unterbewußtsein reagiert. Bei Soderbergh löst der Planet zwar offenbar das Erscheinen aus, aber weder interessiert sich jemand für die Ursachen noch für den Planeten an sich. Das Finale gerät dann auch zu einem ziemlichen Wirrwarr, aber das ist insofern entschuldbar, daß der Film vorwegnimmt, dass es keine Antworten gibt.

Damit weicht Soderbergh Tarkowskis überdimensionalem Konstrukt aus und präsentiert stattdessen ein Bilderdrama, das zwar in der Komposition ansprechend rüberkommt, aber inhaltlich Projektionsfläche für alles und nichts sein kann.
Was zu den Schluß führt: wer das tiefe Drama für sich hier erschließen konnte, kann sich gut fühlen. Wer ihn als hohle Nuß umschreibt, hat durchaus recht. Nennt man ihn souverän, ist das berechtigt. Nennt man ihn unvollkommen und halbgar, sieht es genauso aus.

Bleibt die Frage: war das so beabsichtigt?
Für mich heißt es: wenn alle Türen offen sind, dann zieht es meistens. Und damit erkläre ich für mich das Experiment „Solaris“ zwar als gescheitert an, weil ich dann doch dahin tendiere, sich als Regisseur am besten eine spezielle Richtung zu entscheiden, verweigere aber den Kurzschluß, es hier mit einem dämlichen Scheißfilm zu tun zu haben. (5/10)

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