„Abschied durch Ankunft und umgekehrt"
Und noch ein Alien-Invasionsfilm. Nur wenige Wochen nach Roland Emmerichs lauwarmem Aufguss seines Überhits `Independence Day´ bekommen wir es erneut mit einer außerirdischen Ankunft zu tun, diesmal der Einfachheit halber gleich im Titel. Und tatsächlich weist `Arrival´ frappierende Parallelen zum schwäbischen Schlachtplatten-Nachschlag auf. Urplötzlich positionieren sich ein dutzend monströser Flugkörper an verschiedenen Punkten der Erde und verharren dort in monolitischer Gelassenheit. Die anfängliche Verblüffung weicht schnell nervöser Besorgnis von der aus der Weg zur Massenpanik nicht weit ist, zumal das Militär allerorts in Alarmbereitschaft versetzt wird. Denn keiner weiß, was die außerirdischen Besucher im Schilde führen, ob ihre Absichten friedlich sind.
Und was kommt dann? Ein waffenstarrender Schlagabtausch, bei dem David über den extraterrestrischen Goliath wider jeglicher Wahrscheinlichkeit glorios obsiegt und dabei den halben Planeten in Schutt und Asche legt? Mitnichten. Abgesehen von der praktisch identischen Ausgangslage bewegen sich `Arrival´ und `Independence Day´ in unterschiedlichen Film-Galaxien. Was aber für keinen der beiden abwertend gemeint ist.
Das Science Fiction-Kino hatte immer schon ganz verschiedene Facetten zu bieten und war wie kaum ein Genre zeitgeistigen Strömungen unterworfen bzw. nahm auf sie Bezug. Ob Paranoia, Weltuntergangsstimmung, Fortschrittsglaube und Technikbegeisterung, oder deren kritische Kehrseite, stets manifestierten sich gesellschaftspolitische Strömungen und Ansichten in den Zukunftsvisionen der Filmemacher. Während viele Genrebeiträge der 1980er und 1990er Jahre stark vom Primat gewaltsamer Lösungen bestimmt waren (u.a. `Robocop ´,`The Terminator´,`Matrix´) hat sich das Blatt vor dem Hintergrund von Globalisierungsängsten und -problemen wieder mehr in Richtung philosophischer und intellektueller Ansätze gewendet.
Der Kanadier Denis Villeneuve scheint dafür prädestiniert. Schon sein Kindesentführungs-Thriller `Prisoners´ und auch der Kartell-Krimi `Sicario´ waren gleichermaßen kluge wie unbequeme Gedankenspiele im konsumfreundlichen Genrefilm-Gewand. `Arrival´ setzt dieses Modell nun konsequent fort. Soll heißen Villeneuve generiert genug Spannung (Was wollen die Außerirdischen? Sind sie bösartig?) und Identifikationsangebote (ein gleichermaßen sympathisches wie neugieriges Forscherduo), um auch den Mainstream-affinen Zuschauer mit zu nehmen. Der Grundplot um die Versuche der militärisch geführten US-Delegation mit den Gelandeten in Kontakt zu treten, wird stringent und ohne große Abschweifungen in surreale Untiefen erzählt. Dazu gibt es eine Vielzahl beeindruckender Panoramashots der riesigen UFO-Muscheln sowie eine generell an Hollywoodsche Großproduktionen erinnernde Hochglanz-Optik.
Unterhalb der glänzenden Oberfläche dieses scheinbar konventionellen Science-Fiction-Spektakles nach einer Kurzgeschichte von Ted Chiang zieht Villeneuve allerdings ebenso unbeirrt eine mystische und philosophische Ebene ein, die zunächst vor den Kopf stößt und für Verwirrung sorgt. Denn die von Colonel Berger (Forest Whitaker) rekrutierte Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) hat von Beginn an immer wieder Visionen von ihrer früh verstorbenen Tochter, die ganz offenbar im Zusammenhang mit ihrer Kommunikations-Aufgabe stehen. Und da macht sie nach anfänglichen Schwierigkeiten enorme Fortschritte. Gestützt auf die Sapir-Whorf-Hypothese nach der Sprache des Denken beeinflusst, beginnt sie die Zeichensprache der Aliens zunehmend zu verstehen und sogar mit ihr zu kommunizieren. Auf diesem gleichermaßen faszinierenden wie verwirrenden Weg kann ihr bald nur noch der Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) folgen, mit dem sie eine mysteriöse innere Verbundenheit teilt.
Zu diesem Zeitpunkt poppen die Fragen beim aufmerksamen Zuschauer praktisch im Minutentakt auf. Wesentliche Grundmuster menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns stehen plötzlich zur Disposition. Vor allem ganz allgemein im Hinblick auf die Bedeutung von Sprache für das Menschsein an sich sowie ganz speziell auf den Zusammenhang zwischen Sprache und Denkprozessen. Villeneuve schafft es auch hier, sein Publikum nicht aus den Augen zu verlieren und nimmt dieses hervorbrechende Mindfuck-Szenario mit einer begleitenden, klassischen Spannungsdramaturgie (vielerorts wird zunehmend auf eine militärisches Vorgehen gegen die Invasoren gedrängt, was den Druck auf Louise spürbar erhöht) gewissermaßen an die Leine.
Am Ende löst Villeneuve dann wesentliche Fragen mit einem nicht vorhersehbaren Twist elegant auf, ohne allerdings sein zentrales Anliegen der tiefergehenden gedanklichen Auseinandersetzung opfern zu müssen. So gesehen ist auch die Enthüllung der Gesinnung der Besucher im Prinzip nebensächlich und dient nur der runden Oberflächengestaltung. Ähnlich verhält es sich mit der Botschaft an die Menschheit, die man - sofern man sie als Hauptanliegen des Films dechiffriert - als ein wenig platt und stromlinienförmig kritisieren kann. Einer fairen Bewertung von Villeneuves Leistung kommt man damit aber nicht näher.
Diese ist immerhin ein trotz sperriger Themen geschickt benutzerfreundlich arrangierter und photographierter Science-Fiction-Film für gehobene Ansprüche. Klar strukturiert, logisch aufgebaut und trotz seines philosophischen Unterbaus auch emotional verankert. Dass all dies keine Selbstverständlichkeit ist, bewies unlängst Christopher Nolans in vielerlei Hinsicht ähnlich angelegter `Interstellar´, dem es nicht nur an inhärenter Logik, sondern vor allem an einem emotionalen Zentrum mangelt, das für ein Eintauchen in solch komplexe Gedankenspiele essentiell ist. Villeneuve dagegen ist von dieser symbiotischen Beziehung nicht nur überzeugt, sondern schließt auch dementsprechend. Am Ende trifft Louise Banks eine Entscheidung, die trotz ihres von allen Fesseln befreit scheinenden Geistes eine zuvorderst und zutiefst emotionale ist.