Sie kommen! Zwölf Raumschiffe landen an verschiedenen Orten auf der Erde, vermutlich, um Kontakt mit der Menschheit aufzunehmen, eines davon in Montana. In einem festen zeitlichen Intervall öffnen die Raumschiffe eine Luke, sodass Menschen eintreten und durch eine Art Fensterscheibe mit den Außerirdischen kommunizieren können. Das gestaltet sich jedoch ausgesprochen schwierig, weil die Sprache der Außerirdischen schlicht unverständlich ist. An dieser Stelle kommt eine Linguistin, gespielt von Amy Adams, ins Spiel, die gemeinsam mit einem Naturwissenschaftler, gespielt von Jeremy Renner, nach und nach die Sprache der Außerirdischen entschlüsselt, während sie von Erinnerungen an ihre verstorbene Tochter geplagt wird. Doch die Zeit läuft ihr, trotz beträchtlicher Fortschritte bei der Kommunikation, davon, weil u.a. die Chinesen für einen Erstschlag aufrüsten. Ist ein Krieg noch zu verhindern?
Denis Villeneuve sind mit dem düsteren Entführungs-Thriller „Prisoners“ und dem knallharten Actionfilm „Sicario“ bereits zwei eindrückliche wie spannende Hollywood-Produktionen gelungen, nachdem er bereits in seiner kanadischen Heimat auf sich aufmerksam machen konnte. Nicht wenige zählen den gleichermaßen aufstrebenden wie aufregenden Regisseur bereits jetzt zu den besten seines Fachs. Und so waren die Erwartungen an seinen ersten Sci-fi-Film „Arrival“, basierend auf der Kurzgeschichte „Story of Your Life“ von Ted Chiang, entsprechend hoch, zumal Villeneuve zwar kein Monster-Budget, aber doch immerhin 50 Millionen Dollar und ein viel versprechendes Darstellerensemble zur Verfügung standen. Villeneuve, dessen Film seine Ambitionen von Anfang an selbstbewusst unterstreicht, erfüllt diese Erwartungen mit seiner dritten US-Produktion voll und ganz.
Dabei funktioniert „Arrival“ auf mehreren Ebenen ausgezeichnet, bedient unterschiedliche Geschmäcker und vereint verschiedene Genres, hinterläuft oft die Erwartungen seiner Zuschauer und sprudelt vor Ideen nur so über. Es beginnt mit der Ankunft der Extraterrestrischen und der Frage, die nicht nur dem US-Militär unter den Nägeln brennt: Was verschlägt die Besucher auf die Erde? Wo kommen sie her? Sind ihre Absichten friedlich? Es ist das aus „Independence Day“ und anderen Sci-fi-Filmen geläufige Szenario. Doch die politisch-gesellschaftlichen Folgen wie Massenpanik und Plünderungen, diplomatische und militärische Optionen, Fragen von Krieg und Frieden und der Zusammenarbeit der Regierungen der Menschheit, die am Anfang für Spannung sorgen, werden immer mehr zum Hintergrundrauschen. Stattdessen entschlüsseln die US-Wissenschaftler die Sprache der Außerirdischen unter immensem Zeitdruck, weil ein Krieg immer näher rückt, obwohl nicht einmal mit Sicherheit feststeht, dass die Außerirdischen in kriegerischer Absicht kommen. Villeneuve beweist dabei, wie schon bei „Prisoners“ und „Sicario“, ein Händchen für Spannung und Atmosphäre, wenngleich „Arrival“ im Mittelteil punktuell auch mal ein wenig die Luft ausgeht, wenn sich das prinzipiell durchaus interessante Entschlüsseln der Alien-Sprache etwas langwierig gestaltet.
Doch hinter der Invasionsgeschichte und dem Dechiffriermarathon gibt es weitere Ebenen, in die Villeneuve in der durchaus philosophisch angehauchten zweiten Filmhälfte eintaucht. Dabei sind es insbesondere die Überlegungen zum Zusammenhang von Sprache und Denken (Sapir-Whorf-Hypothese), die „Arrival“ zu etwas Besonderem machen und den Film in nachhaltiger Erinnerung halten werden. Die dahingehende Auflösung, die weder vorhersehbar ist, noch aufgesetzt wirkt, stellt schließlich auch die Erinnerungen der Linguistin an ihre verstorbene Tochter, die im Film immer wieder eingeblendet werden, in einen Zusammenhang mit dem vordergründigen Geschehen und führt zugleich zu einem Showdown, der eine gewaltige emotionale Wucht entfaltet. Außerdem eröffnen sich schlussendlich weitere interessante Fragen, etwa die, ob man an seinem Leben etwas ändern würde, wenn man könnte und das ohne, dass der Film in Andrei Tarkowski-Manier allzu sperrig werden würde. Der dramatische Abgang entschädigt jedenfalls vollends für einen bis dahin etwas distanzierten und kühlen Verlauf und lässt auch über die finalen Allgemeinplätze hinwegsehen, wenn die Utopie einer geeinten Menschheit beschworen wird.
Letztlich ist „Arrival“ aber nicht nur gleichermaßen spannend wie tiefgründig, sondern auch auf inszenatorischer Ebene überzeugend. Visuell sind nicht nur die bildgewaltigen Außenaufnahmen der Raumschiffe von atemberaubender Schönheit, sondern auch die Kamerafahrten durch das Innere der Schiffe, die vor allem mit eindrucksvollen Perspektivwechseln punkten. Die vorwiegend von dumpfen Klängen dominierte Geräuschkulisse ist dagegen etwas gewöhnungsbedürftig. Noch mehr als Villeneuves Inszenierung, ragt jedoch die Hauptdarstellerin hervor. Amy Adams, die zu den besten Schauspielerinnen ihrer Generation gezählt werden kann, obwohl ihr der überfällige Oscar bislang verwehrt geblieben ist, beeindruckt als intelligente und neugierige Wissenschaftlerin, die am Ende allen Mut aufbringt, um eine globale Katastrophe zu verhindern. Sie ist der emotionale Dreh- und Angelpunkt des über weite Strecken eher kühlen Films und hält den Zuschauer auch dann bei der Stange, wenn sich die Deschiffrierarbeiten etwas in die Länge ziehen. Aber auch der restliche Cast weiß durchaus zu gefallen, zumal er mit Jeremy Renner und Forest Whitaker zwei weitere Darsteller vom Charakterfach aufweist, die aus ihren Figuren mehr machen, als bloße Stichwortgeber für Adams.
Fazit:
Der Kanadier Denis Villeneuve komplettiert mit „Arrival“ nach „Prisoners“ und „Sicario“ seinen Hollywood-Hattrick und liefert einen spannenden wie atmosphärischen Sci-fi-Film mit philosophischem Unterbau und grandiosem wie hochdramatischem Showdown. Was dem unterkühlten Film dabei im Mittelteil an Emotionalität abgeht und was er an Tempo vermissen lässt, kompensiert die großartige Amy Adams.
83 %