Review

Trotz diverser unübersehbarer Qualitäten, auf die alle anderen Reviews gründlich eingehen (ich kann sie also überspringen), ging er mir immer wieder extrem auf die Nerven. Gerade trotz dieser Qualitäten, die mich oft hoffen ließen. Warum mein Ärger? Hier eine Liste:

- Wie ging das Übersetzen eigentlich vor sich? Es schien Louise superleicht zu fallen. Das Ausziehen des Raumanzuges war ja wirklich zu naheliegend, das hätte sie, ihren eigenen Aussagen konsequent folgend, schon viel eher machen müssen. Der tiefschürfendste Satz zum Thema "Übersetzen", Missverständnisse und zum Problem unterschiedlicher Bedeutungen in unterschiedlichen Sprachen fiel bereits, bevor der Film die erste Muschel zeigte (warum übrigens war in den zahllosen TV-Dokumentationen, durch die sich Louise zappte, nie ein Raumschiff zu sehen? - Der Film wollte halt Spannung halten und warf dafür jegliche Wahrscheinlichkeit über Bord): Colonel Weber: [answering a previous question about the Sanskrit word for war and it's meaning] "Gravisti". He says it means "an argument." What do you say it means?
Dr. Louise Banks: "A desire for more cows." [Fazit: Das Sanskrit-Wort für 'Krieg' lässt sich sowohl mit 'Streit' als auch mit 'Ein Wunsch nach mehr Kühen' übersetzen.]


- Die Überfrachtung mit Sounddesign: ständige störten irgendwelche musikartigen Soundeffekte die Begegnungen mit den Aliens, schlimmer noch: sie überlagerten die Laute der Aliens, bzw. Louises Gespräche mit ihnen. Sie zerstörten die akustische Ebene der Begegnungen. Damit illustrierten sie unfreiwillig die menschliche Hybris, von der auch die Filmemacher befallen sind: "Wir wissen besser als die Realität, welcher Ton zu einer Szene passt. Die Schöpfung (die der Film konstruiert) ist uns nicht genug, wir lassen sie nicht genug sein, nein, wir setzen eins drauf und legen noch einen Soundtrack drüber."


- Das Thema, das im Making Of lautstark betont wurde: "Was würdest Du tun, wenn Du in die Zukunft sehen könntest?" ging unter. Statt dessen räumte der Film dem schon 100mal gesehenen Bühnenzauber breiten Raum ein: Wieder einmal musste sich die einzige vernunftbegabte Hauptfigur in einem Rennen gegen die Zeit und gegen beschränkte Militärs, Regierungen und aggressive Schlitzaugen durchsetzen. Hier mal wieder die "gelbe Gefahr" - kein Wunder, in 2016 konkurrieren China und die USA massiv um Rohstoffe und die Gestaltung der Globalisierung (siehe "TPP"). Da muss auch Hollywood Position beziehen.


- Apropos beschränkte Militärs: Sie evakuieren das Lager bereits, schleppen die Ausstattung in Kisten raus, haben aber noch nicht mal die Stecker gezogen, lassen dennoch einen Computer und auch das Wundertelefon am Netz, damit die Heldin noch rechtzeitig die Lösung zu Allem recherchieren und nach China telefonieren kann.


- Apropos Telefonat nach China: der Film lässt die pazifistische Botschaft des auf Mandarin geführten Gesprächs "In war, there are no winners, only widows" unter den Tisch fallen (siehe Wikipedia auf Englisch). Pazifismus war den Machern offenbar nicht wichtig genug, um dafür einen Untertitel zu verschwenden.


- Wie bescheuert ist das denn: eine einzige Übersetzerin (von 12 Standorten auf der Erde) murmelt vor sich hin, was sie spontan übersetzt hat, bzw. was sie glaubt verstanden zu haben: "offer weapon". Ohne irgendwelche weiteren Überlegungen oder Übersetzungen oder Beratungen (vielleicht mal im Team!?), z.B. zum Thema: "Was könnte denn eine außerirdische Spezies mit diesem Satz gemeint haben, den ich allein, vorschnell als 'offer weapon' interpretiert habe? Ich selbst meinte ja schon vorher im Film, 'Waffe' könne auch als 'Werkzeug' übersetzt werden. Und 'Krieg' als 'Wunsch nach Kühen'. Wer weiß, welchen Subtext Außerirdische eigentlich haben, wenn sie irgendetwas 'sagen', was bei mir, und nur bei mir, und das im ersten Moment, ohne weitere Überlegung, als 'offer weapon' ankommt? Sollte ich vielleicht andere ExpertInnen zu Rate ziehen? Oder gar bei den Außerirdischen vielleicht mal NACHFRAGEN?" Na, diese Vieldeutigkeit als Problem zu behandeln ist dem Film jedenfalls viel zu kompliziert. Er verkauft uns als wahrscheinlicher, dass China daraufhin sofort einen Krieg (der ganzen Welt!) gegen die Außerirdischen entfesseln will - und das, statt sich mit den anderen 11 Standorten, oder - besser noch - der ganzen WELT (!!!) zu beraten. Und sogar, sich nicht nur NICHT ZU BERATEN, bricht China gleich gänzlich die Kommunikation zur anderen Welt ab.

Klar, das ist ja so viel wahrscheinlicher, als dass DIE MENSCHHEIT erstmal über die Bedeutung des Satzes nachdenkt. [Naja, PS: vielleicht habe ich Unrecht. Wenn man sich den Kampf der Weltgemeinschaft gegen Klimawandel, Ressourcenkrise und Artensterben ansieht, ist es natürlich leider tatsächlich wahrscheinlich, dass Affekte, Dummheit und Ignoranz statt Kooperation, Kommunikation und Gemeinschaft regieren werden.]


- Der Film verkauft nicht nur seine Leute, sondern auch uns für dumm, schafft durch unnötige Überkonstruktion Verständnishemmnisse, indem er, für den Zuschauer unkenntlich, die Zeitebenen verwirbelt: Louise hockt allein in ihrem Haus und monologisiert rätselhaft. Sie erinnert sich an ihre Tochter. Dann hockt sie allein im Haus und wird vom Militär abgeholt. Alle folgenden Erinnerungen sind nun plötzlich nicht mehr Erinnerungen, sondern unerklärte Vorausschauen auf das ein zukünftiges Leben mit ihrer Tochter. Denn wir springen durch die Zeit, ohne, dass es dazu irgendeinen Anhaltspunkt gibt. Plötzlich liegt das "allein im Haus" sowohl lang zurück als auch lang in der Zukunft. Das Gelaber im Off ist nur irreführend, es ist isoliertes Gelaber, zunächst ohne irgendeine Verbindung zum Film anzuhängen/einzuklinken.

Im Weiteren fehlt jeglicher Anhaltspunkt, dass Louises Vorausschauen mit dem Erlernen der Sprache zusammen hängen; denn der Prozess des Erlernens wird einfach übersprungen und ausgelassen. Plötzlich kann sie die Sprache. Und irgendwie erscheinen Vorausschauen, die uns aber noch als Rückblenden erscheinen.


- Noch ein weiterer, im Making Of deutlich artikulierter Anspruch: "Wir schaffen etwas Neues!". Trotzdem ähneln die Aliens deutlich Gareth Edwards' "Monsters" (2010). Sie sind eine Mischung aus Edwards oktopus-artigen Wesen (*), auf die in "Arrival" verschwommene menschliche Silhouetten gepfropft sind, geben sich aber (anders als dort) die Blöße, mit den Menschen auf Kumpel-Ebene zu schwätzen und ihre Hilfe zu erbitten. Auch schon "Der Tag, an dem die Erde stillstand" versuchte 1951 einen Appell zu Frieden und Verständigung mit Außerirdischen in das SF-Genre einzuführen. Die behandschuhten Hände an dem monolithschen Raumschiff waren bereits 1968 zu sehen, natürlich in "2001: Odyssee im Weltraum", dessen unerreichbare Klasse "Arrival" erneut bestätigt. Weder sind dort Außerirdische sichtbar, noch gelingt die Kommunikation so simpel wie in "Arrival".

(*) Edwards Kraken waren wenigstens low-budget, also wurde weniger Geld verplempert...

Details
Ähnliche Filme