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»Du Alien, ich Linguistin.«

Dr. Louise Banks (Amy Adams) ist eine der besten Übersetzerinnen der Welt. Als eines Tages zwölf seltsame Raumschiffe auf der Erde landen, sind ihre Künste gefragt. Colonel Weber (Forest Whitaker) vom US-amerikanischen Militär gibt ihr den Auftrag, die Sprache der Aliens zu interpretieren. Banks soll herausfinden, warum sie auf der Erde gelandet sind. Und was sie hier wollen. Schritt für Schritt entschlüsselt Dr. Banks die ihr unbekannte Sprache. Aber bald schlittert sie in einen Konflikt: Gemeinsam mit dem Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) muss sie die Regierung vor gefährlichen Fehlinterpretationen abhalten.

Denis Villeneuves Arrival (2016) ist ein Fest für Auge, Gefühl und Verstand. Von der ersten düsteren Einstellung an, begleitet von Max Richters würdevoll traurigem Stück On the Nature of Daylight, fesselt dieser Film – und lässt bis zur letzten Sekunde nicht los. Der Regisseur charakterisiert seine Hauptfigur mit einfachen und effektiven Kunstgriffen. Etwa, wenn er Dr. Banks in der leeren Mensa der Universität zeigt, scheinbar unberührt vom Besuch der Aliens. Der Film schreitet gemächlich, aber konsequent voran.

Die erste halbe Stunde ist ein Meisterstück des Spannungskinos. Mit langen, schwebenden Einstellungen bereitet uns Villeneuve auf die fremdartigen Aliens vor. So lange lässt er uns zappeln, bis wir am Schluss beinahe mit der Nasenspitze den Bildschirm berühren. In diesen Momenten ist Arrival subtiler Psycho-Horror, tausendfach verstärkt durch Jóhann Jóhannssons experimentellen und atmosphärischen Soundtrack. Nach unserer Bekanntschaft mit den Aliens wird überdeutlich, dass wir es hier nicht mit simpel gestricktem »Alien Invasion«-Trash zu tun haben. Das Drehbuch zeigt seine intellektuellen Seiten und fordert vom Zuschauer aktives Mitdenken. Man merkt: Das Skript will sich ernsthaft mit linguistischen Fragen beschäftigen, tut dies aber, ohne die Figuren ausser Acht zu lassen. Und er tut es ohne Besserwisserei. Das ist eine echte Wohltat.

Zugegeben: Manchmal überstrapaziert Villeneuve das Klischee der hübschen unschuldigen Auserwählten, die sich auf die Seite einer missverstandenen Spezies schlägt und das Militär eines Besseren belehrt. Aber das steht dem Sehgenuss kaum im Wege, was vor allem der herausragenden Amy Adams zu verdanken ist. Sie verleiht der Hauptfigur wahnsinnig viel Tiefe und Würde. Schwerer wiegt das eigentliche Finale, das auf der Handlungsebene arg konstruiert und naiv scheint. Die emotionale Schlusspointe ist indes derart durchschlagskräftig, dass sie eine ganze Taschentuchbox zu verschlingen droht.

Wer sich an wirklich intelligenter Science-Fiction erfreuen will, tut sich mit Arrival einen grossen Gefallen. Endlich mal wieder ein kunstvoller und kluger Genrevertreter, der sich nicht mit pseudophilosophischer Augenwischerei zufrieden gibt! Nach der Sichtung dieses Streifens ist sonnenklar, weshalb man Denis Villeneuve für Blade Runner 2049 verpflichtet hat.

9/10

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