Mit dem Neuaufguss von „I Spit on Your Grave“ wurde das Exploitationskino teilweise neu entdeckt, ähnlich explizit und voyeuristisch gingen weiter Entführungsthriller zuwerke.
Spielfilmdebütant Ben Young beschreitet demgegenüber weniger bluttriefende Gefilde, in dem er über weite Teile Kopfkino abspielen lässt.
Perth im Dezember 1987: Die siebzehnjährige Vikki (Ashleigh Cummings) will sich heimlich zu einer Party schleichen, landet im Auto des freundlichen Paares Evelyn (Emma Booth) und John (Stephen Curry) und schließlich in deren Haus, in dem Vikki rasch zur Gefangenen und ans Bett gekettet wird. Schon bald bekommt Vikki mit, dass Evelyn ihrem Mann hörig ist und versucht die Frau auf ihre Seite zu ziehen…
Der in nur 20 Tagen abgedrehte Streifen kommt mit einfachen Stilmitteln, einer überschaubaren Zahl von Figuren und Schauplätzen und einer simplen Prämisse aus: Eine Entführung, einschließlich Missbrauch und Vergewaltigung. Was ihn jedoch von gängigen Genrebeiträgen unterscheidet, ist die differenzierte Figurenzeichnung der vermeintlichen Täterin, welche selbst Opfer von Machtausübung und Manipulation ist. Man erfährt nebenbei, dass zwei Kinder aus einer vorherigen Beziehung nicht bei ihr leben und dass die Nähe nach Wärme, Liebe und Anerkennung deutlich offenbart wird. Die ans Bett fixierte Vikki macht sich das zunutze, in dem sie bei offen stehenden Zimmertüren genau zuhört und beobachtet.
Ben Youngs Herangehensweise ist über weite Teile sehr stilsicher, denn er versteht es Gewalttaten lediglich anzudeuten, hinter verschlossenen Türen Schreie ertönen oder den Score kurzfristig anschwellen zu lassen. Bis auf ein paar Messerstiche kommt das Geschehen gänzlich ohne explizite Gewaltdarstellungen aus, doch wenn menschliche Bestien zur Tat schreiten, spielen sich die Extreme ohnehin in der individuellen Phantasie des Betrachters ab.
Die beinahe nüchterne, fast schon dokumentarische Form des Psychothrillers lässt im Mittelteil ein paar Längen entstehen, da in dieser Phase keine Charakterentwicklung auszumachen ist. Dass Evelyn nicht mit ihrer Situation glücklich ist, wird anhand mehrerer Situationen manifestiert, doch irgendwann wiederholen sich Abläufe, es kommen keine neuen Facetten hinzu, sondern es werden vielmehr Klischees typischer Entführungsfilme bemüht, -
Auslassen potenzieller Fluchtmöglichkeiten und ein zeitlich arg konstruierter Zufall vorm Showdown inklusive.
Dennoch gebührt Ben Young ein großes Lob für einen durchaus intensiven Streifen mit ebenso intensiven Performances. Emma Booth liefert eine absolute Glanzleistung ab und lebt die Gefühle ihres Charakters in vollen Zügen aus, ohne jemals drüber zu sein. Weniger nuanciert, doch ebenfalls mit vollem Einsatz überzeugt Ashleigh Cummings als Opfer Vikki, während Stephen Curry beinahe ein wenig zu routiniert abliefert, in den entscheidenden Momenten jedoch genau auf den Punkt kommt.
Trotz der etwas zu langen Laufzeit von 108 Minuten und der simplen Ausgangssituation, die verlaufstechnisch nur wenige Möglichkeiten offen lässt, verbreitet der Stoff Unbehagen und eine latent depressive Note, die von den starken Mimen hervorragend transportiert wird.
In Sachen Manipulation hätte Young gut und gerne noch eins draufsetzen können, doch am Ende langt es für einen grundsoliden Thriller, der für ein Debüt beachtlichen Tiefgang aufweist.
6,5 von 10