Review

Blutüberströmter Pazifik-Pazifist

Lang genug (10 Jahre!) & zu recht hat Hollywood und die Welt Mel Gibson nach seinen antisemitischen & bescheuerten Aussagen schmoren lassen. Jetzt ist er mit "Hacksaw Ridge" als Regisseur zurück mit einem Knall, Blutfontänen & einem der heftigsten Kriegsfilme aller Zeiten. In seiner Gewaltdarstellungen fast an Splatterfilme erinnernd, dazu wunderbar geradeaus & oldschool. Intensiv & schockierend wäre hier noch weit untertrieben. Andrew Garfield spielt in einem Karriere-Best den Pazifisten Desmond Doss, der ohne Waffe als Sanitäter an die Pazifikfront des zweiten Weltkriegs zieht. Nachdem er sich heftiger Gegenwehr im (sehr unterhaltsamen) Boot Camp, zu seiner antimilitärischen Haltung entgegengestellt hat...

"Hacksaw Ridge" liegt irgendwo zwischen "Wir waren Helden", "Soldat James Ryan" & "Forrest Gump" - nur mit Gibsons extremer Attitüde & seiner All-In-Einstellung. Gewalt wird bei ihm groß geschrieben & er macht keine halbe Sachen. Sein Kriegsepos erreicht in vielen Momenten die Intensität seiner Meilensteine "Apocalypto" & "Die Passion Christi", was einem Anti-Kriegsfilm natürlich zu Gute kommt. Selbst wenn einem dazu oft etwas das "anti" im Hals stecken bleiben könnte. Entweder einem stößt diese Gewalt & sein Extremismus so übel auf, dass man den Film ätzend findet - oder er entfaltet seine bedrückende & krasse Atmosphäre voll. Dann kann man ihn fast nur lieben. Meine Wertung zeigt, auf welcher Seite ich mich befinde. Mitteldinge wird man bei "Hacksaw Ridge" wohl kaum finden. Schock-Love Or Kotz-Hate. Die Entscheidung - passt der deutsche Untertitel ja doch noch...

Der Film ist ähnlich wie "Full Metal Jacket" in zwei Hälften geteilt. Eine mit der Jugend & der militärischen Ausbildung unseres Nichtschiessers, die andere eine große Schlacht in Japan auf dem Hacksaw Ridge-Hügel vor Okinawa. Ob er an Kubricks Meisterwerk herankommt, muss die Zeit zeigen. Das Zeug dazu hat er meiner Meinung nach. Technisch ist der Film kompakt & kompetent, der Soundtrack ist episch & geht öfters unter die Haut. Außerdem sind die Darsteller durch die Bank ganz ganz groß - von Überraschungen wie Vince Vaughn als Drill-Sergeant oder Garfield so glaubhaft wie nie, bis zu festen Größen ala Hugo Weaving als verzweifelter Trinker-Vater. Ein Ensemble in Topform, oder besser gesagt von Gibson zu Topleistungen getrieben. Dafür kann man schonmal gut & gerne für den Regieoscar nominiert werden. Wird ihm gut tun - hoffe nur, er fällt dann nicht wieder in alte Muster & Gedanken & Interviews zurück. Seine streng christliche Einstellung scheint in "Hacksaw Ridge" zwar immer wieder durch, für mich jedoch genauso wenig störend oder platt wie der Patriotismus. Da sind die zwei neuen Peter Berg-Filme über den Boston-Marathon-Anschlag & die Deepwater Horizon-Katastrophe wesentlich US-gefärbter & für mich unangenehmer. Unangenehm ist "Hacksaw Ridge" auch, jedoch aus den völlig richtigen & gern gesehenen Gründen. 

Was von "Hacksaw Ridge" am allermeisten in Erinnerung bleibt, mit Abstand & dicker Gänsehaut, sind seine Schlachtszenen in der zweiten Hälfte. So roh, so blutig, so brutal & abstoßend war Krieg lange nicht mehr. Angsteinflössend & eine innere Unruhe weckend, so etwas wie das Gegenstück zu den sensiblen & ruhigen zwei Iwo Jima-Filmen von Clint Eastwood. Nicht selten ist Gibsons Stil etwas sehr krass, auf die Nase & ungeschickt, doch es funktioniert im Kontrast zum pazifistischen Thema/Helden. Man hat zwar immer das Gefühl, dass der Berg zu hoch ist, die Einschusswunden zu groß & die Gedärme zu weit fliegen, einfach alles larger & harder than life dargestellt wird, doch das ist Gibsons Art. Keine Kompromisse, keine Gefangenen. Passt gut zu diesem Genre finde ich. "Hacksaw Ridge" ist ein beängstigender Kriegsfilm, Mel Gibsons bester Film seit "Braveheart". Es gibt eine Szene, wo unser Regiment durch den Nebel des Hacksaw Ridge schleicht, noch bevor die ersten Schüsse gefallen sind... da besteht schon genug Gänsehaut & Anspannung. Doch wenn dann die ersten Einschläge kommen & Kameraden erbarmungslos & unheldenhaft fallen, zerfetzt werden & zerspringen wie Ballons, dann zeigt die Hölle ihre hässliche Fratze. Nur echter Krieg ist wohl noch verstörender...

Fazit: Mel Gibson zurück im Hollywood-Olymp & voll in seinem brutalen Element. Seine Art Gewalt meterdick aufzutragen & gefühlt phasenweise zu zelebrieren, beißt sich so stark mit der pazifistischen Einstellung des Protagonisten, dass sie sich fast schon wieder ergänzen. Schon jetzt ein intensiver Kriegsklassiker. Zu gerne hätte ich gewusst, was Desmond Doss selbst von diesem zähnefletschenden Werk gehalten hätte...

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