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„Ein Pazifist auf dem Schlachtfeld - Mel Gibsons blutige Erlösermesse"

Mel Gibson gibt gern den brodelnden Vulkan. Er kann von einer Minute auf die andere Feuer speien und explodieren. Unter seiner charmant-gefälligen Oberfläche lauert etwas Rohes, Gewalttätiges, Eruptives. Das gilt nicht nur für seine bekanntesten Filmrollen - den Endzeiträcher „Mad Max" und den LAPD-Cop Martin Riggs, eine wahrhaftige „Lethal Weapon" -, sondern auch und vor allem für seine Regiearbeiten. Seine Figuren bewegen sich dabei im Sperrfeuer aus strikten bis fundamentalistischen Glaubensgrundsätzen und Überzeugungen bis hin zu einer moralischen Überhöhung, die nicht selten in märtyrerhafter Selbstaufopferung gipfelt. Gibson gießt dabei ein Füllhorn an Blut, Schweiß und Tränen aus und zwingt dem Zuschauer seine betont drastische Bildsprache förmlich auf. Das ist nicht jedermanns Sache, aber davon unberührt zu bleiben, ist nahezu unmöglich.

Gibsons erste Regiearbeit nach über 10 Jahren schmiedet all diese Attribute zu einem brachialen Gesamtkunstwerk, ein vor Kraft strotzendes und vor Pathos triefendes Stück Überwältigungskino, das in Vielem an sein ähnlich gestricktes Meisterstück „Braveheart" erinnert. „Hacksaw Ridge" kann es in Sachen Epik, Drastik und missionarischem Eifer problemlos mit der mittelalterlichen Schlachtplatte aufnehmen. Die unbarmherzige Fratze des Krieges ist hier genauso Thema, wie eine fast schon entrückende, sich aus tiefsten inneren Überzeugungen speisende Tapferkeit und Opferbereitschaft.

Dabei haben der rauhbeinige schottische Freiheitskämpfer William Wallace und der bescheidene Weltkriegssanitäter  Desmond Doss auf den ersten Blick so gar nichts gemeinsam. Fest zum blutigen Widerstand entschlossen der eine, Gewissensverweigerer und überzeugter Pazifist der andere. Dennoch sind die beiden so etwas wie Seelenverwandte. Was sie eint, ist ein geradezu religiös aufgeladener Patriotismus, der sie schließlich in den Krieg führt. Wallace wächst dabei im Töten über sich hinaus, Doss im Retten von Leben, heiligengleiche Erlöserfiguren sind beide. Die Auffahrt in den Olymp mythisch verklärter Kriegshelden die logische Folge.

Gibson inszeniert diese Heilsbringer-Geschichten mit epischer Wucht und erkennbarer Verbeugung vor dem Monumentalkino der 1950er Jahre. „Hacksaw Ridge" ist dabei - weit mehr noch wie „Braveheart" - mit allerlei christlicher Metaphorik und zahlreichen biblischen Allegorien aufgeladen. Die Idylle im ländlichen Virginia der frühen 1940er Jahre gleicht einem friedlichen Garten Eden, in dem der Krieg wie ein verbotene Frucht über den Köpfen der idealistischen Jugend hängt. Einzig Desmonds Vater, ein traumatisierter, von Selbsthass und Trunksucht heimgesuchter Veteran des ersten Weltkriegs, warnt vor den drohenden Vergiftungen von Körper und Seele und bleibt natürlich ungehört. Beide Söhne melden sich freiwillig.
Im Ausbildungslager wird Desmond einer extrem harten Prüfung seiner pazifistischen Überzeugungen ausgesetzt. Als er sich weigert eine Waffe auch nur zu berühren, machen sich Vorgesetzte und Kameraden über ihn lustig und wollen den schrägen Vogel los werden. Als das nicht funktioniert, schikanieren und erniedrigen sie ihn. Doch er bleibt standhaft und friedfertig. Sein unerschütterlicher Glaube nötigt nun einigen sogar Respekt ab. Auch in diesem zweiten Akt des Films bleibt Gibson seiner Linie treu und arbeitet mit deutlichen biblischen Querverweisen.
Als die Einheit schließlich an die Pazifik-Front versetzt wird, entfesselt Gibson eine apokalyptische Hölle, die alles und jeden zu verschlingen droht. Spätestens jetzt lässt er sämtliche Zurückhaltung fallen und inszeniert Desmond Doss als messianische Lichtgestalt.  Und genau damit schadet er dem bis zu diesem Zeitpunkt mindestens äußerst geschickt inszeniertem Film.  

Jetzt ist es natürlich nicht so, dass man ihm ein Zurechtbiegen historischer Fakten vorwerfen könnte. Desmond Doss hatte die Grundausbildung absolviert, ohne je einen Schuss abzugeben. Sein fester Glaube verbot ihm jegliche Gewaltanwendung, er meldete sich freiwillig um seinen Land auf andere Weise zu dienen. Er hatte dann in den barbarischen Kämpfen am Hacksaw Ridge binnen eines Tages tatsächlich 75 Kameraden unter massivem feindlichen Beschuss vor dem sichern Tod gerettet. Er hatte dabei sowohl körperlich wie seelisch schier Unvorstellbares geleistet und dieses Inferno auch noch überlebt. So weit, so korrekt.
Das Problem ist also nicht was Gibson erzählt, sondern wie er es tut. Und auch das nur im Schlussdrittel. Die Idee, Desmond Doss Geschichte allegorisch zu erzählen, ist ein kluger Ansatz. Die tiefe Religiosität inmitten der Hölle eines barbarisch geführten Krieges birgt eine verstörende Widersprüchlichkeit. Gewissermaßen eine Sinnsuche im Sinnlosen. Leider fällt Gibson dazu keine adäquate Auflösung ein, die es vielleicht auch gar nicht gibt, oder geben muss. Stattdessen zerschlägt er den gordischen Knoten der aufwühlenden Gegensätze mit einer monströsen Pathoskeule und religiöser Holzhammersymbolik.

Dieses pathetische Crescendo deutet sich schon etwas früher an. Zwar inszeniert Gibson die Erstürmung des Hochplateaus handwerklich perfekt als ultrabrutale Schlachtplatte aus zerfetzten Körpern, klaffenden Wunden und bestialischer Raserei. Dennoch stellt sich nicht dieselbe abstoßende Wirkung ein, die Steven Spielberg zu Beginn von „Saving Private Ryan" erzielte. Gibson berauscht sich zunehmend an tödlichen Einschüssen, verheerenden Einschlägen und sich krümmenden Körpern. Vor allem den Tod durch Flammenwerfer zeigt er immer wieder in Zeitlupensequenzen unterlegt mit elegischer Musik. Diese Ästhetisierung der Gewalt bremst immer wieder den ebenfalls vorhandenen Realismus in Form einer willkürlichen, schockierenden Brutalität aus. Gibson wirkt hier unentschlossen zwischen Faszination und Abscheu, zwischen Heroisierung und Sinnlosigkeit.
Der totale Realismus wäre ein spannender Kontrast zum Rest des Films gewesen und hätte schön die thematische Widersprüchlichkeit visualisieren können. Doss Kindheit und Jugend liefert ein stark idealisiertes Bild der scheinbar unbeschwerten, reinen 30er und 40er Jahre. Kräftige Farben und eine beinahe klinische Sauberkeit stehen für die metaphorische Anlage des Films. Selbiges gilt für das Ausbildungslager, das direkt dem heimeligen Kino der 1950er Jahre entsprungen scheint.  

Dennoch ist „Hacksaw Ridge" ein packender, leidenschaftlicher Film geworden, der Gibsons Regie-Qualitäten eindrucksvoll herausstellt. Er ist ein Spiegelbild seiner kontroversen Persönlichkeit und schon allein deswegen interessant. Dazu hat er mit Doss Vater Tom und seinem Ausbildungssergeant Howell zwei starke und komplexe Charaktere geschaffen, die von Hugo Weaving und Vince Vaughn geradezu mitreißend verkörpert werden. Andrew Garfield hat es dagegen deutlich schwerer, seiner eindimensionalen Erlöserrolle irgendwelche Facetten abzuringen, wirkt aber zumindest nie abgehoben oder entrückt.
 
Der Vulkan Gibson brodelt also immer noch in bewährter Manier. Das Subtile ist seine Sache nicht, aber darin liegt auch seine Stärke. Zumal Wucht hier nicht mit Flachheit zu verwechseln ist. „Hacksaw Ridge" ist keine simple Heldeneloge, keine simple Patriotismusstudie und keine tumbe Bibellektion. Dafür ist Gibson zu schlau. Er macht Überwältigungskino gepaart mit religiösem Eifer und das mit überwältigender Wirkung. Das ist nicht zwingend befriedigend, das kann sogar irritieren, aber es wird auch niemals langweilig, oder gar belanglos. Welcher Regisseur kann sich das schon auf die Fahnen schreiben.

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