Review

Lady Macbeth


Es gibt noch Hoffnung in der Filmwelt. Nach unzähligen desillusionierenden,
langweiligen, prätentiösen, eintönigen DVD-Sichtungen konnte ich endlich aufatmen. Lag es daran, dass Filmemacher Oldroyd vom Theater kommt?

Jedenfalls gab es hier was zu sehen und zu beobachten, endlich mal ohne Rums, Gefuchtel, Gewitzel, ohne Unlogik, ohne dass Schnittgewitter, überlaute Musik, unlogisches Drehbuch oder überflüssige Kamerabewegungen störten; man konnte, musste auf kleinste Details lauern, das Klappen von Fensterläden, das Quietschen von Korsettschnüren, die Andeutung eines feinen Lächelns, die Bewegung eines Daumens auf der Hand (Gespräch mit dem Kind), ein Luftholen, ein Innehalten, ein Aufblicken, die Art, wie ein Satz in der Wiederholung variiert wird (Gespräch mit dem Pfarrer), das zaghafte Durchbrechen der Sonne durch ewige Wolken, was sich im plötzlich offenen Haar bemerkbar macht…

Und das, obwohl ich Kostümfilme oder Kammerspiele alles andere als schätze.

„Lady Macbeth“ Katherine Lester (großartig, einschüchternd, eine Urgewalt: Florence Pugh!) ist, anders als bei Shakespeare, keine machthungrige Geschäftsfrau, sondern ein junges Mädchen, das – eine Seltenheit im Film – gewaltige Gewalttaten aus bescheidenen Motiven entfesselt. Sie sucht keine Rache, keinen materiellen Gewinn, kein Vergnügen, keine Ehre oder Moral – all diese konstruierten öden Begründungen, um im Kino mit Gewaltfantasien und Exzessen zu nerven.

Sie muss nur überleben. Sie reagiert als Kreatur auf die Gewalt, die sie erstickt.
Im Jahr 1865 in England ist das die Gewalt im patriarchalischen Industriekapitalismus. Ihr Schwiegervater kaufte sie, zusammen „mit einem Stück
wertlosen Landes“ als Ehefrau für seinen impotenten Sohn, autoritärer Geschäftsmann wie der Vater. Außer ihr werden auch Dienstboten gehalten, z.B. ist Katherines Zofe Anna (bewegend: Naomi Ackie) eine etwa gleichaltrige Schwarze, die einerseits, im Auftrag der „Herren“, Katherine zu überwachen und zu quälen hat, gleichzeitig, als Untergebene noch tiefer in der Hackordnung, von ihr mal gerettet, mal drangsaliert und schließlich (psychisch) „stumm gemacht“ wird.

Katherine blüht auf in der Natur, wird lebendig im Regen, ihre Mutter hat ihr dort die Namen von Tieren und Bäumen beigebracht - sie sei „dickhäutig“ dort draußen, versucht sie am Anfang einen Scherz zu machen, als ihr Mann ihr eröffnet, dass sie im Haus bleiben müsse. Beim Einsperren ist er ist nicht der Einzige: Vater, Pfarrer, Zofe, alle fürchten die ungebändigte Natur und wollen sie dem Mädchen verweigern: sowohl die physische Natur vor der Tür, als auch die innere Natur der jungen Frau.

In dieser Umgebung von nicht nur sexueller Unterdrückung, Ausbeutung, Menschenhandel, Materialismus, psychischem Mißbrauch etc. entwickelt die
scheinbar machtlose Katherine so konsequent, konzentriert, zynisch und instinktiv eine Strategie zur Verteidigung, sie greift dermaßen entschlossen zum Selbstschutz, ermächtigt sich, ergreift ihre Rechte (Befreiung und selbstbestimmte Sexualität), emanzipiert sich so zielstrebig, gnadenlos, gewaltig, dass ich sie nur bewundern kann – gebannt auch noch bei der vierten Sichtung. Und manchmal lacht sie dabei, wie ein Kind, und ist glücklich.

WARNUNG!
SPOILER!

Selbst der letzte Mord, der Kindsmord, erscheint da gerechtfertigt: für den Ehemann war Fremdgehen (wofür Katherine natürlich beschimpft, bestraft und gedemütigt wurde) eine Selbstverständlichkeit: das entstandene Kind konnte er seiner Frau mit einem überraschenden Federstrich überordnen (Kinder und Frauen sind ganz selbstverständlich die Vertragsobjekte eines korrupten Rechtssystems) – natürlich blieb sie dann auch konsequent in ihrer Gegenwehr.

Ihr willenschwacher „Geliebter“, ein untergebener Stallbursche, der sich anfangs
noch als arrogant-animalischer Angeber geriert, wird von ihr als eine Art Sexspielzeug genutzt, wie eine Puppe angekleidet, aber doch auch zärtlich „geliebt“ – aber er bricht nach diesem grauenhaften Tabubruch endgültig zusammen. Auch seiner muss sie sich nun entledigen, ohne ein Wimpernzucken, mit gewiefter Rhetorik nutzt sie ihren Status im hierarchischen System und bringt ihn und die stumme Anna als Mörderpaar in Ketten.

Doch dieser Sündenfall: dass sie das System übernimmt, und damit der Verrat an
ihresgleichen (am Kind, am Stallburschen, an der schwarzen Dienerin) lässt sie am Schluss allein zurückbleiben, ihr Haus ist jetzt entvölkert, entkernt, entseelt
– wie vielleicht auch sie selbst. Wie zuvor, damals noch unter der Herrschaft
der anderen, sitzt sie jetzt wieder, in der gleichen starren Einstellung, inmitten ihrer Kleiderberge auf dem Sofa - erstarrt. Doch schwanger, von dem illegitimen Geliebten. Was wird ihr als Nächstes widerfahren? Wartet noch ein Leben auf sie, oder ist es schon vorbei? Noch hoffe ich für sie.

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