„Moonlight“ erzählt in drei Kapiteln die Geschichte von Chiron, einem jungen Afroamerikaner aus schwierigen sozialen Verhältnissen, der als Neunjähriger Little genannt und in seiner Pubertät wegen seiner Homosexualität in der Schule gemobbt wird. Von seiner drogenabhängigen Mutter, gespielt von Naomie Harris, häufig vernachlässigt, findet er in einem Drogendealer, gespielt von Mahershala Ali, einen engagierten Ersatzvater und in dessen Lebensgefährtin, gespielt von Janelle Monáe, eine Mutter, die sich wirklich um ihn kümmert. Als erwachsener Mann ist der schlaksige Junge von einst, der nun als Drogendealer arbeitet, kaum wiederzuerkennen. Der nun muskelbepackte Chiron, der sein altes Leben hinter sich gelassen hat, trifft noch einmal seinen einzigen Jugendfreund wieder, mit dem er seine ersten sexuellen Kontakte hatte.
Es gab kaum einen Kritiker, kaum eine Fachzeitschrift, keinen Feuilletonisten, der „Moonlight“ nicht überschwänglich gefeiert hätte, für Darstellerleistungen und Kamera, für die Geschichte, das Drehbuch, einfach alles. Dass der Film bei einem geschätzten Budget von 1,5 Millionen Dollar (dafür dreht die ARD einen „Tatort“) über 50 Millionen einspielte, kann zudem durchaus als finanzieller Erfolg gewertet werden, wenngleich von einem breiten Publikum nicht wirklich die Rede sein kann. Und so galt die größte Aufmerksamkeit um „Moonlight“ dann doch weder dem Film selbst, noch dem Oscar-Gewinn in der Kategorie „Bester Film“, womit die Academy nach dem Vorjahr womöglich auf die „OscarSoWhite““-Proteste reagierte. Die größte Aufmerksamkeit erregte „Moonlight“ wohl, als in die Dankesreden der „La La Land“-Produzenten die Nachricht platzte, dass nicht das favorisierte Musical gewonnen hatte, dass es ausgerechnet in der wichtigsten Kategorie zu einer Verwechslung gekommen war, dass „Moonlight“ der wahre Sieger war. Worum es bei diesem kleinen Independentfilm, in dem kein einziger weißer Darsteller mitspielt, eigentlich geht, fiel nach den Wirren der Oscar-Nacht etwas unter den Tisch.
„Moonlight“ ist eine Coming-of-Age-Story eines schwarzen Kindes aus sozial schwachen Verhältnissen, kein Vater, die Mutter drogenabhängig. Die Geschichte eines schwulen, schmächtigen Jugendlichen, der in einem sozialen Milieu groß wird, in dem Männlichkeit und Stärke alles bedeuten, der mit sich und seiner Sexualität ringt, der auf der Suche nach seinem Platz in der Welt, nach seiner Identität ist. Das Portrait eines Mannes, der die Traumata seiner Kindheit hinter einem Muskelberg, einer dieser dicken Zuhälter-Karren und einer Goldkette versteckt, der sich hart gibt, um nunmehr die anderen einzuschüchtern. „Moonlight“ besteht aus drei Episoden aus dem Leben von Chiron, die sich letztlich zu einem komplexen Gesamtbild zusammenfügen, das tief in die Seele des Protagonisten eintaucht und gleichzeitig das Milieu der jungen schwarzen Unterschicht in den USA gelungen portraitiert. Der Dreiklang aus den an die (Spitz)Namen des Protagonisten angelehnten Episoden „Little“, „Chiron“ und „Black“ ist somit inhaltlich stimmig, obwohl die abrupten Übergänge für einige dramaturgische Hänger sorgen.
Was bei „Moonlight“ durchweg auffällt, das ist die (vor allem in Anbetracht des Budgets) selbstbewusste wie experimentierfreudige Inszenierung, mit der sich Regisseur Barry Jenkins und sein Kameramann James Laxton bereits jetzt einen Namen gemacht haben dürften. Bereits in der Eingangssequenz kreist die Kamera förmlich um zwei Männer, die dabei wirken, als wären sie Teil eines Standbildes. In einer anderen, sehr pathetischen Szene, werden die ersten Schwimmversuche des jungen Chiron mit seinem Ersatzvater zur biblischen Taufe stilisiert. Im Hintergrund gibt es mal laute Streichmusik zu hören, an anderer Stelle nichts, weil der ausgestoßene Schrei stumm bleibt. So beeindruckend manche Szenen damit in inszenatorischer Hinsicht auch sind, die Optik verkommt mitunter zum Selbstzweck und überstrahlt den Inhalt, die imposante Inszenierung stellt aufgrund ihrer Künstlichkeit eine gewisse Distanz zum Geschehen her. Der Oscar-Konkurrent „Manchester by the Sea“ war da inszenatorisch zurückhaltender, dafür aber deutlich intimer.
Dennoch entfaltet „Moonlight“ eine gewaltige emotionale Wucht in seinen Schlüsselszenen. Etwa dann, wenn der Drogendealer, der sich um Chiron wie um seinen eigenen Sohn kümmert, am Küchentisch gesteht, dass er dessen abhängiger Mutter Drogen verkauft. Oder das Gespräch zwischen den beiden Jugendfreunden im letzten Drittel des Films, in dem dann doch eine gewisse Intimität erzeugt wird. Dazwischen gibt es aber auch verzichtbare oder klischeehafte Abschnitte. Vor allem der zweite Teil des Films, in dem der schmächtige Junge aufgrund seiner Andersartigkeit gemobbt wird, während seine Mutter im Drogenrausch versinkt, plätschert ein wenig vor sich hin, zumal man das alles so oder so ähnlich schon mehrfach gesehen hat.
Darstellerisch überzeugt „Moonlight“ dagegen auf ganzer Linie. Ashton Sanders, Trevante Rhodes und der Kinderdarsteller Alex R. Hibbert schaffen es, Chiron im jeweiligen Abschnitt seines Lebens ein eigenständiges Profil zu verleihen. Naomie Harris gelingt es derweil mit ihrer eindringlichen Darbietung aus der etwas klischeebehafteten Figur der alleinerziehenden und drogenabhängigen Mutter mehr als das zu machen. Der für seine Darstellung mit dem Oscar prämierte Mahershala Ali, der die interessanteste und widersprüchlichste Figur im Film verkörpert, wird dieser mit einer facettenreichen Vorstellung voll und ganz gerecht. Darüber hinaus ist auch der restliche Cast, vor allem auch die sehr herzliche Janelle Monáe, exzellent besetzt.
Fazit:
Die experimentierfreudige Inszenierung von Barry Jenkins hat durchaus etwas Elektrisierendes, aber auch etwas Künstliches, was eine gewisse Distanz zum Geschehen erzeugt. In seinen besten Szenen entfaltet „Moonlight“, die Coming-of-Age-Geschichte eines schwarzen, jugendlichen Außenseiters, eine gewaltige emotionale Wucht. Allerdings gerät der Erzählfluss wegen der Aufteilung der Geschichte in drei Episoden bisweilen etwas ins Stocken. Ein sehenswertes Drama, nicht mehr und nicht weniger.
68 %