Review

Die Jugend verabschiedet sich mit einem Knall


In "Nocturama" brennt viel. Paris durch Bomben, Leidenschaft in den Jugendlichen. Statuen, Autos, humorloses Feuer aus staatlichen Waffen. Eigentlich die komplette Gesellschaft. Der politische Thriller wirkt wie ein hypnotischer Mix aus "Battle of Algier", "Dawn of the Dead" und "Breakfast Club", mit einem Schuss "Baader Meinhof Komplex". Zu heikel für Cannes, zu zäh für Gelegenheitsgucker, zu künstlerisch und metaphorisch für Genreköpfe. Und trotzdem einer der wichtigsten Filme des Jahres. Vielleicht des Jahrzehnts. Thematisch, stilistisch, aussagetechnisch. An einem vom Terror mal wieder angeschlagenen Tag wie heute zwar noch schwerer zu verdauen als ohnehin, aber jedem geduldigen Fan sozialkritischer Studien muss man dieses präzise Kunstwerk einfach ans Herz legen. Ohne zu viel zu verraten geht es um einige Pariser Jugendliche, die die komplette, mäandernde erste Hälfte des Films durch Paris fahren. Mit Bus, Bahn, Rad, zu Fuß. Kinetisch, hübsch, immer im Fluss. Sprachlos, zäh, redundant. Mysteriös, ratlos, vielleicht ziellos? Hier mal eine unsicherer Blick, da mal ein hoffnungsvolles Aufflackern. Und dann wird langsam klar, dass die bunt gemischte Truppe quer durch die Stadt Bomben legt und Frankreichs Hauptstadt damit brutal wachrüttelt. Danach verschanzt sich die Clique in einem riesigen Kaufhaus und glaubt scheinbar ernsthaft, dass das alles eine gute Idee war... wo könnte man seine Sorgen, frische wie alte, besser ersaufen als im Konsumtempel?


Eine Zeit lang war ich mir sicher, dass der Film zu lang, zu zahm, zu planlos sein. Doch man soll immer warten, wie das komplette Paket auf einen wirkt. Und das hat Eindruck hinterlassen. Ein Spiegel für Europa, der schon berstet vor Schmerzen. Die verlorenen Jugendlichen in "Nocturama" will ich zwar nicht mit IS-Unmenschen vergleichen, ganz im Gegenteil, doch dass diese krebsartige Terrormiliz hunderte europäische Halbstarke in seinen Reihen hat, spricht denke ich schon genug traurige und unfassbare Bände. "Nocturama" setzt aber eigentlich ganz andere Schwerpunkte. Die zum Großteil schauspielerisch unbefleckten Jungdarsteller machen ihre Sache eindringlich und der Soundtrack dröhnt noch immer in meinem Kopf, inklusive Bildern, von Schönheit und Ratlosigkeit gleichermaßen. Das KaDeWe-artige Kaufhaus versprüht als Konsumparadies Trauer, Leere und Klaustrophobie, die Protagonisten sind weder Monster noch Rebellen oder Geisteskranke. Fast schon eine sympathisch verträumte und verplante Truppe, die dumme Entscheidungen trifft, die Tragweite dieser nicht ansatzweise kapiert und die sich hilflos von der Außenwelt abgeschottet hat. Als das Sondereinsatzkommando am Ende erbarmungslos und anonym in das faulige & seelenlose Herz unserer Gesellschaft stößt, ruft eines der Kinder, "Helft mir!". War sicher nicht sein erster Ausruf an uns alle. Aber leider sein letzter... Betrand Bonellos kühner Alptraum unmittelbar am Zeitgeist, ist nicht nur für Frankreich ein blutiges Ausrufezeichen, sondern für uns alle. Ein schöner Film, kein angenehmer. 

Fazit: brisant, aktuell, ins Herz der Gesellschaft - "Nocturama" verfolgt einen noch lange nach dem Abspann und ist ein Kommentar zur Lage unserer Nachbarrepublik bzw. des kompletten Westens, der weh tut, aber leider sein muss. Ehrlich, schmerzhaft, poetisch. 

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