Review

Und da sind sie nun endlich, langerwartet: „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“!
Die Fortschreibung des HarryPotterschen Universums, nur eben 60-70 Jahre vor den Ereignissen rund um den „Jungen, der überlebte“, zu einer Zeit, als Voldemort noch das Schimmern im Augenwinkel auf einem schlangenblutverseuchten Hexensabbat war.
Während Potter in seiner erwachsenen Existenz auf der Bühne neue Triumphe feiert (Erwarten Sie die Adaption in spätestens 10 Jahren, wenn das Stück ausläuft und Daniel Radcliffe im richtigen Alter für die Rolle angekommen ist!), hat J.K. Rowling klein beigeben und ihren nettes, kleines Geek-Fibelchen über Wesen ihres Fantasy-Universums als Vorlage für eine ganz neu zu konzipierende Saga freigegeben.
Sie ließ es sich – wie üblich – nicht nehmen, wieder selbst die Story zu entwerfen und diesmal auch das Drehbuch zu schreiben. Und ich kann schon mal ganz leise flüstern: wenn sie vieles kann, DAS kann sie nicht so gut. Aber immerhin müssen wir so nicht auf einem unschuldigen Lohnschreiber rumkloppen.

Liest man eine generelle Plotzusammenfassung, so erscheint die Idee eigentlich ganz reizvoll: ein von Hogwarts gefeuerter Schüler, der gern exotische Tiere sucht und findet (und sammelt), die ihm durch einen dummen Zufall entkommen und Chaos in New York (der 20er Jahre des 20.Jahrhunderts) anrichten.
Das wäre dann der Teil, der kompatibel mit den vielen Harry-Potter-Fans ist, die noch jungen Alters sind oder sich ein ebensolches Herz bewahrt haben.
Leider genügt das nicht, also wird auf die Story noch etwas drauf gepfropft: eine Bedrohung durch einen mysteriösen und sich dauerhaft der Justiz entziehenden Finsterzauberer namens Gellert Grindelwald (der einzige Bezug zur Potter-Saga, denn aufmerksame Leser wissen, dass Onkel Dumbledore den fiesen Möpp zum WW2-Kriegsende irgendwie irgendwo mal so richtig platt gemacht hat)! Auch gehen unheimliche Dinge in der Stadt vor, denn finstere Energien sorgen für Chaos und Zerstörung. Sind es die entkommenen Tierwesen? Oder etwas Anderes? Parallel dazu sucht auch ein zwielichtiger Auror nach einem geheimnisvollen Kind, dass ein Obskurus sein soll oder besitzen könnte, allein die Identität des Kindes ist ungeklärt. Und es gibt eine Familie von „Salemern“ (Nachfahren der Hexenprozesse), die auch noch irgendwelche Interessen verfolgen.

Klar hängt das im Verlauf des Films alles zusammen, bis die Connections endlich alle stehen, fordert Rowling vom Zuschauer so einiges an Geduld und Ruhe, denn weil keiner sofort „Aha!“ schreien soll und man die ganzen Figuren noch nicht aus einer literarischen Vorlage kennt, besteht der halbe Film aus langsamer, ruhiger, zähflüssiger Exposition.
Das funktioniert so halbwegs, weil die Optik stimmt, denn Hausregisseur Yates fängt die „wilden Zwanziger“ visuell beeindruckend ein und auch die Tricks rollen wieder wie aus einem Guss, wenn man auch den Chaostierchen (die alle recht harmlos sind) die Computerherkunft deutlich ansehen kann.

Doch alles steht und fällt mit den neuen Figuren und hier beginnt es ganz gewaltig zu knirschen im Gefüge des Films, denn obwohl ein namhafter Cast versammelt wurde (sogar zwei Oscarpreisträger dabei), fehlt jeglicher zündende Funke.
Das fängt schon bei Newt Scamanger an, dem tapferen, etwas unglücklichen Zoologen, der von Eddie Redmayne als so eine Art autistischer Dr.Who angelegt wird. Die meiste Zeit legt er den Kopf schief und betrachtet das Geschehen mit sorgenvollem Blick, ignoriert die meisten Fragen und ahmt eine wachsene Mohrrübe nach. Ganz ehrlich: hätte auch prima von einem Regenschirm, einem Pinguin oder einer einer Flasche Nasenspray gespielt werden können.
Scamanger hat keine Backstory und keine nähere Charakterisierung. Warum er macht was er macht, bleibt ungeklärt, nur seine Liebe zu den abstrusen Geschöpfen wird hier und da mal betont. Seine Bio wird irgendwann mal verlesen, mehr wird nicht dazu gesagt, weder in Dialogen (die im ganzen Film fast nie stattfinden, sofern jemand redet, schweigt meistens der Andere) noch in seinen Handlungen (er erwacht eigentlich nur zum Leben, wenn er ein Tier retten muss).

Insofern passt die Ex-Aurorin Tina, gespielt von Katherine Waterston ganz prima zu ihm, die ihn und das ganze Geschehen permanent nur so betrachten muss, als wäre alles ein hoffnungslos krankes Tier, das man leider gleich einschläfern müsste. Keine Energie, kein Nachdruck und wieder: keine wahrnehmbare Persönlichkeit. Wie so jemand Auror werden konnte, bleibt rätselhaft, ihr Engagement in diesem Fall beruht dann auch nur auf Zufall.

Das ganze restliche Leben, dass der Film ausstrahlt, kommt dann auch nur von zwei Nebenfiguren, die locker jede Szene mit sich darin klauen: Dan Foglers Fish-out-of-water-Muggel Kowalski, einen Konditor, der aus Versehen Scamangers Koffer öffnet und fortan seinen recht talentierten Beinahe-Sidekick gibt und Tinas leicht naive Schwester Queenie (Alison Sudol), die durch fortwährendes Gedankenlesen, wenigstens etwas Background ungewollt erklärt.

Die Chemie innerhalb dieses Quartetts stimmt überhaupt nicht und wird nur durch die recht niedlichen Viecher zusammengehalten, wenn die „Helden“ nicht gerade mal wieder den Zauberbehörden in die Hände fallen und dann (man ist schließlich in den USA) sofort exekutiert werden sollen.

Der Rest des Plots ist düster und bleischwer. Colin Farrell müht sich da als Auror Graves in einer mysteriösen Jägerrolle sichtlich ab, seine Mimik erklärt aber deutlich, dass es ihn kaum anstrengen dürfte. Gemma Chan als Anführerin guckt meistens böse, Samantha Morton als Salemer Mary Lou ist hinter ihrer Maske böse und Ezra Miller als gequälter Sucher des Obskurus nervt praktisch bei jeder Gelegenheit, dient er in seiner Verzweiflung doch nur für einen Drehbuchtwist, den man schon von weitem brüllen hört.
Zwischendurch hält auch noch mal Jon Voight sein Gesicht in die Kamera (wozu, erfahren wir vielleicht im Plot von Teil 2); Zoe Kravitz ist schon mal auf einem Bild zu sehen und Ron Perlman erfährt eine animierte Inkarnation seiner selbst als Gnom in bester SoA-Manier. Den Vogel schießt dann aber ein anderer alter Bekannter ab, der als Grindelwald für 30 Sekunden sein Gesicht in die Kamera halten darf und so schon Probleme mit dem Overacting hat (wen es interessiert, er ist an letzter Stelle der Besetzungsliste zu lesen).

Aber all das wirkt nur wie eine bemühte Ouvertüre für Dinge, die noch in der Zukunft liegen (die Vergangenheitshandlung lässt natürlich die Möglichkeit von größeren Zeitsprüngen zu) und ist bemüht abgeschlossen, so dass bei Nichtgefallen der Film auch für sich allein stehen könnte.
So entsteht ein Film wie ein Wachsfigurenkabinett, erlesen, aber größtenteils leblos; schön anzusehen, aber nie ganz auf den Punkt. Für kleine Kinder zu düster, für große zu zäh , für Erwachsene ggf. zu schwergängig.

Natürlich reichen allein die Verheißung des Potterverse und die Schauwerte, um so einen Film als Weihnachtsüberraschung durchzuwinken, wenn man so möchte, aber es kann durchaus sein, dass man sich nach ein bis drei Nächten Schlaf nicht dazu durchringen kann, diesen Film in seiner nächsten Inkarnation besitzen zu müssen.
Gut aber: es kann nur noch besser werden, vielleicht sollte man für die Fortsetzung nur Rowling die Skriptpflichten aus der Hand nehmen (sie kann ja bei der Story helfen) und jemand Redmayne sagen, dass er für den Scheck ruhig auch schauspielern darf. Exzentrische Charaktere sind ja sonst auch sein Ding. (5,5/10)

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