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Es ist ein heißer Sommertag in Madrid 2011; die Stadt bereitet sich auf einen Papst-Besuch vor und ist voll mit Pilgern und Gläubigen. Doch dieses Ereignis stellt keine Abwechslung dar im Dienstalltag der beiden Ermittler Velarde (Antonio de la Torre) und Alfaro (Roberto Álamo): Als Mitglieder der Mordkommission sind sie gerade mit dem Fall einer alleinstehenden Pensionistin befasst, die in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden wurde. Bei der Obduktion stellt sich heraus, daß die alte Dame vor ihrem Tod vergewaltigt wurde - ein von der Pathologin festgestelltes Detail, das die beiden ungleichen Inspektoren vor ein besonderes Rätsel stellt. Während der ruhige, stets korrekt gekleidete Velarde, der fast kein Wort spricht, da er seit Kindesbeinen stottert und sich nicht blamieren will, diverse Theorien bezüglich des Täters durchspielt, scheint jener Fall den aufbrausenden, aggressiven Glatzkopf Alfaro eher weniger zu berühren - der nämlich muß sich disziplinarisch bewähren, nachdem er bei einer von ihm selbst angezettelten Schlägerei einen Kollegen(!) schwer verletzt hat.
Kurze Zeit später wird erneut eine Greisin ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden. Einer Eingebung folgend wird die Tote in der Pathologie genauer untersucht, und tatsächlich: auch diese Pensionistin wurde vergewaltigt. Ein Serientäter? Um keine Panik zu verbreiten, werden keine Details an die Presse weitergegeben - jetzt ist Fingerspitzengefühl und Intuition gefragt, um den Killer so schnell wie möglich dingfest zu machen...

Die spanische Produktion Que Dios nos perdone fängt zunächst wie ein TV-Krimi an: mit Ermittlungsarbeit am Tatort, Befragung der Nachbarn, einem Gespräch in der Pathologie etc. und fokussiert sich dann immer mehr auf seine beiden Protagonisten Velarde und Alfaro, die ein weißgott konträres Paar abgeben. Während der alleinstehende Velarde seine Abende mit dem Anhören von Schallplatten aus seiner riesigen Sammlung verbringt, scheint er sich doch heimlich nach weiblicher Gesellschaft zu sehnen. Doch bei der einzig möglichen erreichbaren Dame (der Putzfrau, die im Treppenhaus seines Mietshauses den Boden wischt) stellt er sich so ungeschickt an, daß die Dame beim ersten Besuch stürzt und das Weite sucht.  Ganz andere Probleme hat dagegen der jähzornige Alfaro, der nur der jungen Tochter wegen noch nach Hause kommt, obwohl er sich mit seiner Frau längst auseinandergelebt hat. Als er eines Tages jedoch deren Hausfreund überrascht, zieht er sich kommentarlos in ihr Ferienappartement am Stadtrand zurück, wo er sich volllaufen läßt. Daß sein Hund dort tot im Wohnzimmer liegt, bringt ihn auf die Idee, diesen nachts ebendort zu beerdigen. Die von Nachbarn alarmierte Polizei nimmt den aggressiven Betrunkenen daraufhin fest, und nachdem die beiden Ermittler wenige Tage zuvor schon eine ganze U-Bahn-Station abriegeln und über 100 Pilger festnehmen hatten lassen, weil sie den Killer unter ihnen wähnten (natürlich erfolglos), hat Alfaros Chef endgültig die Faxen dicke und suspendiert den Choleriker.

In dieser Situation, in der die beiden Ermittler vollkommen im Dunklen tappen und die privaten Geschichten den Fall mehr und mehr überlagern, sodaß sich der Zuschauer fragt, ob das noch ein Thriller ist oder schon mehr ein Sozialdrama wird, bedient sich Regisseur Rodrigo Sorogoyen, der auch am Drehbuch mitschrieb, eines besonderen Kniffs: Er dreht die Perspektive um und folgt jetzt kameratechnisch dem Täter und dessen Tagesablauf - die beiden Ermittler kommen erst später wieder ins Spiel...

Ein ungewöhnlich aufgebauter Thriller mit zwei vollkommen aus jedem Schema fallenden Kriminalbeamten machen Que Dios nos perdone zu einem spannenden Krimi mit leichtem Film-noir-Einschlag: Denn nichts ist hier glattpoliert oder einer gewohnten Routine folgend, im Gegenteil, die Realität schlägt (buchstäblich) eisenhart zu und die Dinge sind wie sie sind. Nichts für ein zart besaitetes Publikum, das sich durch die eine oder andere Einstellung aus der Pathologie verstört abwenden mag, aber auch nichts für absolute Logik-Freaks, denn bei der einen oder anderen Begebenheit (besonders beim Finale) muß sich der geneigte Zuschauer einiges an (vermuteter) Vorgeschichte selbst zusammenreimen, was aus meiner Sicht für einen kleinen Punktabzug sorgt. Nichts auszusetzen gibt es dagegen an den hervorragend gespielten Charaktären: besonders Antonio de la Torre als stumme graue Maus mit indifferentem Blick hinter seinen Aktenbergen verdient sich hier ein Sonderlob, aber auch die Rolle des aufbrausenden Alfaro ist von Roberto Álamo keineswegs unsympathisch angelegt. Ungewöhnlich und streckenweise hintergründig: 7,8 Punkte für die Morde von Madrid.

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