Das als komödiantische Alternative zu herkömmlichen „Tatort“-Episoden angesetzte Konzept des Münsteraner „Tatorts“ um Ermittler Frank Thiel (Axel Prahl), dessen Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) und Gerichtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ging am 25.09.2016 in seine 30. Runde und feierte nach einem Drehbuch Elke Schuchs unter der Regie Lars Jessens („Dorfpunks“) somit ein Jubiläum. Für dieses hatte man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Verstärkt in Richtung eines harten Thrillers sollte es gehen. Ob dieser Ausbruch aus dem konzeptionellen Korsett funktionierte?
Boerne wurden drei Millionen Euro Fördergeld für seine Forschungsarbeiten an Mumien bewilligt, sehr zum Leidwesen von Juniorprofessor Harald Götz (Peter Jordan, „Die Schimmelreiter“), der dadurch für seine Forschung an einem ALS-Medikament leer ausging. Seine persönliche Betroffenheit – seine Frau leidet unter dieser heimtückischen Krankheit – lässt ihn einen derart starken Groll gegen Boerne hegen, dass er seiner Psychotherapeutin Dr. Corinna Adam (Oda Thormeyer, „Homevideo“) ein ums andere Mal Vernichtungsfantasien offenbart. Als dann auch noch seine Frau tot aufgefunden wird – sie hatte sich mit einer Pumpgun, die Waffennarr Götz im Darknet erstanden hatte, ins Gesicht geschossen –, brennen bei ihm endgültig die Sicherungen durch: Er verschafft sich gewaltsam Zutritt zu Boernes Feierstunde in einem Restaurant, lässt Boerne ein vergiftetes Häppchen verspeisen und nimmt die gesamte Gesellschaft unter Waffengewalt als Geiseln: Alle sollen Zeuge werden, wie Boerne dieselben Höllenqualen durchleidet wie seine Frau…
Die berechtigte Frage nach der gerechten Verteilung von Fördergeldern und der Finger in der Wunde von der Forschung stiefmütterlich behandelter Krankheiten müssen alsbald einer Handlung weichen, in der Götz als psychopathischer Racheengel nicht nur dem arroganten Boerne übel mitspielt, sondern auch eine Geisel kaltblütig erschießt und sich mit den anderen, die er mittels perfider Psychospielchen aufruft, Boerne zu töten, um ihr eigenes Leben zu retten, auch dann noch verschanzt, als das SEK und seine Therapeutin vor der Tür stehen. Dass sich Thiel ausgerechnet von dieser zuvor wegen seiner Rückenschmerzen behandeln ließ und sie schließlich als manipulativ und damit mitschuldig an Götz‘ Gewaltausbrüchen überführt wird, ist nur eine von vielen arg bemüht konstruiert erscheinenden Entwicklungen dieses unglaubwürdigen „Tatorts“: Da wird zunächst von einem ansteckenden Virus ausgegangen, was die Stürmung des Gebäudes verhindert, dann irrsinnigerweise angenommen, die verlogene und manipulative Therapeutin könne etwas ausrichten, indem sie zu Götz geschleust wird und Boerne samt seiner Assistentin, der kleinwüchsigen Silke „Alberich“ Haller (Christine Urspruch), und schließlich sogar mit Kommissar Thiel von Götz immer wieder alleingelassen, sodass sie sich beinahe in aller Seelenruhe absprechen können, obwohl ihm doch eigentlich das Hauptinteresse Götz‘ gilt.
Nein, aus der vielversprechenden Grundidee, die Stoff für einen starken medizinischen Thriller inkl. provokanten Fragen und kritischen Aussagen geboten hätte, wird nicht viel mehr als ein auf die Frage nach Boernes Überleben reduzierter TV-Krimi, der es sich, den Gesetzen der Prime-Time-Unterhaltung folgend, letztlich viel zu einfach macht: Aufgrund einer vorhersehbaren Entwicklung stirbt mit dem Antagonisten auch sein Anliegen, das mit dem Thema überhaupt nicht gerecht werdenden, kurzen Kommentaren im Epilog beiseite gewischt wird. Mit Götz wurde auch sein verständliches Anliegen regelrecht dämonisiert, während der Zuschauer mit Ekelpaket (der, wie mehrfach angedeutet wird, dann ja doch kein so übler Kerl sei) Boerne mitzufiebern angehalten ist.
Der den Münsteraner „Tatorten“ zugeschriebene Humor bleibt hier ebenfalls vollkommen auf der Strecke, nicht zuletzt, da Thiel und Boerne diesmal gar nicht zusammen ermitteln können, was das totale Aus für jeglichen Dialogwitz bedeutet. In den Momenten, in denen Liefers seine Figur profiliert, wirkt diese wie eine klischeehaft viel zu überzeichnete Karikatur ohne jede Pointe. Eine Handlung wie diese zur Komödie umzufunktionieren, hätte indes noch weniger geklappt; insofern darf bezweifelt werden, dass dieses Drehbuch in diesen Rahmen jemals hätte passen können.
Im allgemeinen Wirrwarr inkl. seiner nach US-Serienvorbildern entwickelten schrulligen, skurrilen Dauerprotagonisten und flachen Nebenfiguren versucht Regisseur Lars Jessen redlich, allem gerecht zu werden, kaschiert Logiklöcher, vermeidet Längen und zieht sich allen Widerständen zum Trotz am roten Faden bis zum Abspann. Unter Jessen ist die Kamera nah dran an den Gesichtern und suggeriert damit eine Intensität, die dieser „Tatort“ mit Sicherheit angestrebt hat, jedoch außer in vereinzelten Momenten nicht erreicht. Dass aus diesem Jubiläums-Experiment nicht mehr als überforderte, unfokussierte, durchschnittliche TV-Kost wurde, lässt den Umgang mit dem eigentlichen Thema fast exploitativ erscheinen, und zwar auf eine unangenehme Weise.