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Was unternimmt ein in die Jahre gekommener Actionstar, um schwungvoll, doch ohne Schlingern, die Kurve zum Altenteil zu nehmen? Er geht in die Politik! Zum Beispiel. Doch das ist selten befriedigend und wird auch nicht angemessen gewürdigt. Er dreht Billig- und Billigstfilmchen! Wie am Fließband. Selbst wenn die Plauze den Weg versperrt und die letzten Reste ramponierter Selbstachtung mit der Abrissbirne eingestampft werden. Er macht so weiter wie bisher und schart gleich eine ganze Gang abgehalfterter B-Stars um sich! Nur ändern sich die Zeiten und mit ihnen das Publikum. Wir haben nicht mehr die Achtziger und leider wird das ohne den Fluxkompensator auch so bleiben. Oder aber - Oder aber er macht etwas völlig anderes!!! Etwas völlig neues. Etwas zu neuen Ufern Paddelndes. Er bringt sein angestaubtes Lebenswerk zu Ende, indem er es lustvoll persifliert und so ein wenig entstaubt.

Jean-Claude Van Damme ist gar nicht Jean-Claude Van Damme. Er ist in Wirklichkeit Jean-Claude Van Johnson. Ein Agent. Und eigentlich nur aus dem Grund seit Jahrzehnten Actionstar, weil er auf diese Weise unauffällig (?!) an seine global verteilten Einsatzorte gelangt. Und da gilt es, wie bei der schwergewichtigeren Konkurrenz um Ethan Hunt und James Bond, allerweil allerlei Strolche zur Strecke zu bringen. Das heißt, genau genommen nicht mehr. Denn Jean-Claude ist als Spion in Rente gegangen. War ja auch ein fordernder Beruf. Zumal die Doppelbelastung als Schnüffler und Kino-Held zu Buche schlägt. Doch einer Flamme aus früheren Tagen zuliebe präsentiert er sich erneut inkognito aller Welt - und nichts weniger als die steht hier wieder mal auf dem Spiel. Oder so.

Jean-Claude Van Damme gelingt es dank den finanzkräftigen Amazon Studios mit dieser Webserie ein weiteres Mal (nach „JCVD", 2008), auf beeindruckend gewiefte Weise, aus seinem Œuvre Kapital zu schlagen, ohne es kapital zu beschädigen. Dutzende Reminiszenzen und spaßige Rückblicke auf das eigentlich wenig Substanzielle, das ihn einst ausmachte, aneinandergereiht zu einer hanebüchenen Geschichte, entfalten einen beachtlichen Unterhaltungswert. Und zwar einen, der vor der ebenfalls in die Jahre gekommenen Konkurrenz nicht einschlägig, sondern schlagend ist. Während Arnold Schwarzenegger wahrscheinlich längst insgeheim seinen Trip in die Politik bereut, Steven Seagal seine Selbstmästung mit einem absonderlichen Bärtchen kaschiert, war Sylvester Stallone der einzige der alten Krachfilm-Helden, der noch im Stande zu sein schien, filmische Qualität abzuliefern. Zumal wiederholt als Mann auf dem Regiestuhl. Bis jetzt jedenfalls. Denn der Belgier, die ehemaligen „Muscles from Brussels", zieht gleichauf.

Zugegeben, was Jean-Claude Van Damme hier abliefert ist Spartenhumor. Und das nicht, weil der Spaß so sperrig wäre, sondern weil ein wenig Hintergrund zu seinem Lebenswerk eigentlich Voraussetzung ist, dieses unkonventionelle Filmprojekt vollends würdigen zu können. Obwohl - weshalb lässt sich wohl sein Boss (Phylicia Rashad [„The Cosby Show"]) zum Mittagessen ein halbtotes Gürteltier servieren? Vielleicht aus demselben Grund, aus dem Jean-Claude Van Damme hier den Inspektor Clouseau in seinen irrwitzigen Verkleidungen gibt. Weil alles andere schon mal da war. Weil es ohnehin bizarr ist, einen frustrierten Action-Großpapa die Großtaten seiner Glanzzeit wieder und wieder uninspiriert wiederkäuen zu sehen. Also macht das in die Jahre gekommene Karate-Ass aus der Not eine Tugend und nutzt die Weisheit des Alters, die verzweifelte Suche nach dem Elan der Jugend abzubrechen. Dass Van Damme obendrein im Laufe der Jahrzehnte zu einem wirklich überzeugenden Schauspieler geworden ist, der sich nicht vor der Leistung eines Sylvester Stallone aus „Copland" (1997) verstecken braucht und auch einen vielfach gelobten Schwarzenegger aus „Maggie" (2015) an die Wand spielt - das hätte so auch nicht jeder gedacht. Jedenfalls nicht jeder, der den Belgier seit dessen Anfängen kennt und weiß, wie mimisch gehandicapt und emotional unbeholfen er früher in den Ring stieg. Eine veritable Entwicklung, die Möglichkeiten bietet. Wenn auch nur innerhalb eines sich schließenden Zeitfensters.

Doch es wäre zu schön gewesen. Wenn nicht, wie so oft, einer auf die Idee gekommen wäre, die tolle Rezeptur mit einem Wermutstropfen zu würzen. Teil fünf der bisher nur sechsteiligen und überdies pro Folge nur eine halbe Stunde dauernden Serie ergeht sich zu sehr in melancholischem Diskurs übers Älterwerden und dem Sinnieren über ins Land gezogene Zeit. Das mag emotional nachvollziehbar und menschlich authentisch sein, ist aber in einem auf leicht verdauliche Unterhaltung ausgelegten Fernsehformat keine Bereicherung. Jedenfalls nicht in dieser zähen Länge. Erst die (vorerst) finale Folge findet wieder ihren Kurs und bringt Jean-Claude Van Dammes originelles Konzept zu einem fulminanten Abschluss. Es bleibt zu hoffen, dass der Sechsteiler seine Fans finden wird und so eine Fortsetzung spendiert bekommt. Und da sowas dauern kann, ist hoffentlich auch die späte Lebensmittekrise bis dahin überwunden.

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