Review

„Sie sollten mal eine Weile ausspannen!“

Wenngleich sie bereits Ende des vorausgegangenen Jahrzehnts als neue Ludwigshafener „Tatort“-Kommissarin eingeführt wurde, zählt auch die von Ulrike Folkerts verkörperte Figur der Lena Odenthal als eine, die sich in den 1990ern als Konstante innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe etablierte. Ihr dritter Fall, „Tod im Häcksler“, wurde von Nico Hofmann („Quarantäne“) nach einem Drehbuch, das er zusammen mit Stefan Dähnert verfasste, inszeniert und am 13. Oktober 1991 erstausgestrahlt. Es blieb Hofmanns einzige „Tatort“-Regiearbeit.

„Dann ist das hier so was wie 'ne Strafkolonie...“

Als eine Gruppe Kinder im Wald die Kleidung des vor zwei Jahren spurlos verschwundenen rumänischen Aussiedlers Höreth findet, wird aus dem Vermissten- ein Mordverdachtsfall, der bei der Ludwigshafener Kommissarin Lena Odenthal landet. Sie macht sich auf den Weg ins pfälzische Dorf Zarten, wo der Fund stattfand, vor zwei Jahren ein Staudammbau im Gespräch war und Höreths Frau Dana (Monica Bleibtreu, „Der Joker“) lebt. Die Mordkommission glaubt, dass Lena die Ermittlungen guttun und sie dort etwas zur Ruhe kommen würde, und tatsächlich lässt es sich zunächst ganz gut an. Der sympathische junge Dorfpolizist Stefan Tries (Ben Becker, „Eine Liebe in Deutschland“) arbeitet ausgesprochen gern mit ihr zusammen und hat ein Auge auf sie geworfen. Die Ermittlungen jedoch geraten rasch ins Stocken, denn die Dorfgemeinschaft schweigt derart auffällig, als habe sie etwas zu verbergen, und ein Leichnam wird auch nicht gefunden. Als Lena schließlich selbst in Gefahr gerät, ist’s mit der Dorfidylle dahin…

„Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Passen Sie auf sich auf!“

Nicht nur der Auftakt ist wie in einem Horrorfilm inszeniert: Ein paar Jungs trinken Bier und lesen Playboys am Lagerfeuer im Wald. Beim Pinkeln findet einer eine Tüte mit den Klamotten des Vermissten, dessen Frau gerade singend Wäsche aufgehängt hat und vorm Fernseher eingeschlafen ist. Die Rotzlöffel wecken sie, indem einer von ihnen ihren Mann in dessen Klamotten spielend ans Fenster klopft. Lena wiederum hat Ärger auf der Wache. Als der Fall bei ihr landet, muss sie das (fiktionale) pfälzische Kaff erst einmal auf der Landkarte suchen. Sie fährt schließlich mit ihrem Polizei-VW-Käfer hin, der prima ins Dorf passt, in dem die Zeit schon vor Langem stehengeblieben zu sein scheint. Auf der Fahrt gerät sie in eine Schafherde, vom alten Oberbullen des Dorfs muss sie sich markige Sprüche anhören und als sie mit Stefan zu Dana Höreth fährt, fahren sie versehentlich ein Huhn halbtot, das daraufhin im titelgebenden Häcksler landet.

Die Dorfbewohnerinnen und -bewohner glotzen doof ins Polizeiauto und begleiten Lenas Aufenthalt mit permanenten kritischen Blicken. Regisseur Hofmann inszeniert vermehrt skurrile Dorfszenen, die das Landvolk wie exotische Eingeborene wirken lassen. Lena macht seltsame Beobachtungen, stößt auf besagte Mauer des Schweigens und wird bald unsanft abzuhauen aufgefordert. Stefan hingegen ist von Lena und ihrer Arbeit fasziniert und will das Dorf mittelfristig verlassen. Mit seinen Abwanderungswünschen ist er, wie sich herausstellen wird, im Dorf nicht allein… Zunächst aber landet er mit Lena im Bett, denn der Kommissarin wird hier ein Sexualleben mit unverbindlichem Sex zugestanden, was 1991 im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen sicherlich noch keine Selbstverständlichkeit war. Weniger schön für die beiden ist ein Brandanschlag auf sie, mit dem die offen konfrontative Gewaltspirale, seitdem die Polizei den Fall neu aufrollt und aus anderer Perspektive betrachtet, ihren Anfang nimmt. Jener Fall erweist sich als recht undurchsichtig und die Narration präsentiert verschiedene Motive und Verdächtige: Hat es etwas mit dem einst geplanten Staudamm zu tun, für den das Dorf hätte plattgemacht werden müssen? Oder hängt der 45-jährige Sprengler (Rudolf Kowalski, „Tatort: Kopflos“) mit drin, der ein Verhältnis mit Mechthild Höreth (Patrizia Schwöbel, „Löwengrube“), der minderjährigen Tochter, hat? Und was ist eigentlich mit Dana, die ihrerseits mit dem Bauern Hunzinger (Hans-Joachim Grubel, „Der Schnüffler“) klüngelt und das Bett teilt?

Am Ende zieht die zuvor nicht sonderlich ausgeprägte Spannung kräftig an und es geht, so viel sei verraten, in Richtung Lynchjustiz inklusive an Backwood-Terror gemahnender Szenen. Eine der Besonderheiten dieses „Tatorts“ ist der überraschend konsequente Abgesang auf eine etwaige Dorfidylle. Hier hat man es zwar wie gewohnt mit einer verschworenen Gemeinschaft zu tun, die jedoch nicht ihr Dorf schützen, erhalten und gegen äußere Einflüsse verteidigen will, sondern die Schnauze vom Dorfleben gestrichen voll hat. Dies hinderte Hofmann und sein Team indes nicht daran, Zurückgeblieben- und moralische Verkommenheit der Provinzlerinnen und Provinzler derart zu überzeichnen, dass sich trotz der Fiktionalität Zartens (gedreht wurde anscheinend hauptsächlich in Rathskirchen) regionaler Protest regte und gar zum „Gegenstand einer Debatte im Landtag Rheinland-Pfalz wegen diskriminierender Darstellung der Region als ,Zerrbild eines pfälzisch Sibiriens‘“ (Wikipedia) wurde.

Dieses unvergessene Kuriosum zog im Jahre 2019 die Dokumentation „Die Geschichte des Häckslers – Ein Tatort und seine Folgen“ nach sich, im selben Jahr erhielt der Fall mit „Die Pfalz von oben“ gar eine Fortsetzung. Davon unabhängig ist „Tod im Häcksler“ ein manch amüsanten Momenten zum Trotz beunruhigend und bedrohlich wirkender Provinzkrimi, der über weite Strecken mit seiner von Nikolaus Glownas Musik befeuerten Atmosphäre besticht. Aus den verschiedenen Verdachtsverästelungen hätte man aber mehr machen können, sie wirken lange vernachlässigt und dann etwas überhastet abgespult.

Details
Ähnliche Filme