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Ein seltsamer Gast kommt eines Tages im Herbst auf der polnischen Halbinsel Hel an: Jack heißt der Amerikaner, der sich hier in einem der im Sommer gut gefüllten, jetzt im Herbst jedoch verwaisten Wohnwagen-Parks einmietet. Doch was hat der etwa 60-jährige, etwas zerzaust wirkende Gast hier zu suchen? Auf einer älteren Schreibmaschine arbeitet er offensichtlich an einem Manuskript, dessen Seiten er in einer einfachen Schublade im Wohnwagen verwahrt.
Der junge Kail, der den seltsamen Gast vom Boot aufgenommen und in seinem Pick-up hergebracht hatte, versucht derweil, mit seinem Lügendetektor Geld zu verdienen: gerade hat er ein junges Mädchen zu einem Test überreden können, doch scheint das Gerät nicht richtig zu funktionieren. Dass diese Probandin kurz danach ermordet und mit herausgeschnittener Zunge aufgefunden wird, beschäftigt Kail und seine Freundin Mila - ist dafür etwa der merkwürdige amerikanische Gast verantwortlich? Kail beschließt, der Sache nachzugehen und schnüffelt in Jacks Wohnwagen herum.
Doch der Schriftsteller scheint zunächst nichts damit zu tun zu haben und sitzt abends lieber in der örtlichen Bar Gogo, wo dessen Besitzerin Esma, eine stark gebotoxte Endvierzigerin, höchstpersönlich für ihre wenigen Gäste an der Stange turnt. Ihre Tochter Mila und deren Freund Kail äußern währenddessen ihren Verdacht auf der örtlichen Wachstube, werden aber nur ausgelacht. Doch die beiden geben nicht auf und Kail bittet den Amerikaner zum Lügendetektor-Test...

Eine etwas krause Grundidee liegt der polnischen LowBudget-Produktion Hel, benannt nach der Ostsee-Halbinsel, zugrunde: ein seltsamer Fremder und ein Mord, der niemanden besonders zu berühren scheint. Die wenigen Charaktäre vor Ort sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um darüber nachzudenken. Doch was hat es mit dem Fremden auf sich, der ab und zu mit der Außenwelt telefoniert und ganz offensichtlich auch gerne dem Alkohol zuspricht?

Während die Story recht unbeholfen abgedreht scheint, auf jegliche Einführung oder gar weitergehende Charakterisierungen verzichtet und dem Zuschauer dadurch ein gewisses Mitraten erschwert, verdient die Kameraarbeit besondere Beachtung: zwar wird wie so häufig viel zu sehr in Gesichter gezoomt, die ganz wenigen blutigen Szenen per Schnellschnitt abgehandelt, dafür einige Brüste öfters gezeigt, doch scheinen vor allem die Accessoires mit Bedacht gewählt: eine alte Reise-Schreibmaschine, eine ähnliche auf dem zugigen Polizeirevier, ein mechanischer Lügendetektor, eine uralte Orion-Kamera, ein gelangweilter Polizist in einer viel zu großen Uniform, ein öffentliches Wählscheiben-Telefon bei gleichzeitiger Absenz jeglicher Handies oder eine Ansammlung ausrangierter Wohnwagen, das alles gerne auch in verspielt erscheinenden Nahaufnahmen, lassen darauf schließen, daß die Geschichte in den frühen 1990er Jahren (oder davor) spielt. Lediglich die später in einer Szene gezeigten menschenleeren Fahrgeschäfte eines örtlichen Jahrmarkts scheinen zu modern für diese Epoche.

Leider bietet Hel keine Auflösung im eigentlichen Sinne, sondern schließt mit einem Kinderlied, das dem bis dato geduldigen Publikum reichlich Raum zum Interpretieren läßt. Absolut nichts für den Mainstream hinterläßt der Streifen, der es nie in die Kinos geschafft hat und nur dank Netflix einem erweiterten Kreis zur Sichtung zur Verfügung steht, trotz seines holprigen Drehbuchs und wenig ergiebigen Plots einen eigentümlich-zwiespältigen Eindruck zwischen Verwirrung und Faszination: 4 Punkte.

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