Review

Staffel 1

Als die 14-jährige Lara erhängt im Theater aufgefunden wird, deutet zunächst alles auf einen Suizid hin. Aber die stämmige Kommissarin Gabríela (Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir) hat von Anfang an Zweifel an dieser These, war das junge Mädchen doch eine ambitionierte Ballettschülerin und gewissermaßen der Star ihrer Tanzgruppe. In jungen Jahren ihren leiblichen Eltern wegen deren Drogensucht entzogen, hatte sie eine behütete Kindheit bei einem Arzt und dessen Frau, die nun völlig verzweifelt sind, als ihnen die Todesnachricht überbracht wird. Weitere Befragungen der Mitschüler und der Tanzgruppe fördern dann zwar äußerst unschöne Dinge zutage, doch ein konkreter Tatverdacht auf einen fingierten Suizid findet sich nicht darunter - Gabríelas Chefin läßt die Ermittlungen einstellen.
Doch die resolute Polizistin ermittelt einfach auf eigene Faust weiter und kann dazu einen zwielichtigen Anwalt für ihre Sache gewinnen: der Endfünfziger Logi (Magnús Jónsson), durch frühere spektakuläre Prozesse bekannt, dann aber dem Alkohol verfallen, nimmt sich der Geschichte an. Mit einigen faulen Tricks und mit Hilfe seiner jüngeren Freundin Ilmur (Elma Stefania Agustsdottir), einer versierten Hackerin, hat er schon bald eine heiße Spur: es geht um Nacktaufnahmen der jungen Mädchen, die sich auf einschlägigen Seiten im Internet finden. Ein älterer Mitschüler setzt sie bei Parties unter Drogen, mißbraucht sie und filmt alles wohlweislich mit seiner versteckten Kamera. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs - denn da gibt es noch den polizeibekannten Drogenfreak Þór (Björn Stefánsson) und seine Gang, die einige Mädchen ganz gezielt mit Drogen versorgen, um sie dann zur Prostitution zu zwingen...

Mit Island bringt man gemeinhin eher Vulkane und spektakuläre Landschaften in Zusammenhang, doch daß das kleine Land mit einer Gesamteinwohnerzahl, die gerademal einer mittleren deutschen Großstadt entspricht, auch üble Schattenseiten hat, wird einem in dieser Netflix-Produktion mit dem wenig aussagekräftigen Titel Case von Anfang an unter die Nase gerieben: denn neben Kinderpornographie und Drogen- und Alkoholmißbrauch sind es auch die keineswegs sympathischen Filmcharaktäre, von denen fast jeder irgendwie Dreck am Stecken hat, die ein wenig einladendes Bild der isländischen Gesellschaft zeichnen.

Während der äußerst ambivalente Logi, der in seinen klaren Momenten einen eisenharten Ermittler mit den richtigen Fragen spielt, in besoffenem Zustand aber mit einer Minderjährigen im Bett landet (und dabei fleißig gefilmt wird) allein schon deswegen kaum als Identifikationsfigur taugt, wird die rundliche Ermittlerin im weiteren Verlauf der Serie immer mehr zur moralischen Instanz, leistet sie sich doch zumindest keine Schwächen - von der Verpflichtung von Logi, dem sie vertrauliche Informationen zuspielt, einmal abgesehen.
Daneben haben wir Gabríelas Kollegen Högni, ermittlungstechnisch ein Totalausfall, Laras Pflegevater, einen Arzt mit einem düsteren Geheimnis, der für die Tatzeit kein bzw. nur ein erlogenes Alibi hat, weiters Jogis Schwester Brynhildur, eine gut situierte Anwältin einer größeren Kanzlei, die sich eigentlich für ihren Bruder schämt und doch mit ihm zusammenarbeiten muß, da sie seinerzeit den leiblichen Eltern von Lara das Sorgerecht entzog und somit in die ganze Sache involviert ist, ferner den Tanzlehrer, einen überambitionierten Pädagogen, der seine Schützlinge durch Mobbing und Tabletten zu Höchstleistungen anspornt, schließlich die leiblichen Eltern von Lara, die etwas gut machen wollen und per Crowdfunding Geld sammeln für eine Stiftung, was wiederum den Pflegeeltern überhaupt nicht passt.

Dazu gesellen sich der Dealer Þór und seine Clique, vom ersten Augenblick ihres Auftretens an widerliche Kotzbrocken und schließlich die Opfer des Cybermobbings, einige junge Mädchen. Hierbei wird besonders die Rolle von Hanna (Birna Rún Eiríksdóttir) in den Vordergrund gestellt: die etwa 17-jährige ist die Stiefschwester von Lara, schwer drogenabhängig (gemacht), was sie ihren derzeitigen Job im Gemüseladen kostet und sie um jeden neuen Schuß bei Þór betteln läßt, der sie dafür mit älteren Männern verkuppelt. Ihre Darstellung dieses Leidens, das neben Prostitution auch quälende Entzugserscheinungen umfasst, verdient eine besonders lobende Erwähnung - eine tolle Performance der 22-jährigen, die in diesem allgemeinen Sumpf aus Abhängigkeit, Lügen, Mißtrauen und Hoffnungslosigkeit immerhin die Kraft findet, ein anderes Mädchen, das gerade denselben Weg wie sie gehen soll, davon abzuhalten. In Case, das keine/n Darsteller/in besonders hervorhebt, keinerlei pointierte Szenen aufweist, dafür jedoch einige ebenso erstaunliche wie beiläufig eingeflochtene Nacktszenen/Bilder enthält, ist diese Hanna die eigentliche Heldin der Serie.

Bei mäßigem Erzähltempo ziehen sich die insgesamt 9 Episoden zu je etwa 45 Minuten manchmal etwas dahin, dennoch bleibt die eigentümliche Spannung bis zum Schluß erhalten, denn als der Hauptverantwortliche dann auch für den Zuschauer ersichtlich ermittelt ist (der Weg dorthin verläuft übrigens alles andere als gerade und ist für den geneigten Krimifreund nicht immer nachvollziehbar), erhält dieser auch noch die Gelegenheit, sein widerliches Treiben zu rechtfertigen: ein moralisch äußerst fragwürdiges Unterfangen, nur wenig abgemildert durch den heftigen Widerspruch seines "Interview-Partners".

Case, thematisch grundsätzlich in der Tradition der bekannten Nordic-Noir-Filme und -Serien beheimatet, weiß durch einen beklemmenden Plot und hierzulande unbekannte, dafür durchweg ob ihrer Ambivalenz oder schlicht Verkommenheit überzeugende Protagonisten zu überzeugen: eine Art Geheimtip, von mir jedenfalls 8 Punkte nach Island.

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