kurz angerissen*
"Die Erfindung der Wahrheit" wird mancherorts schon als Meisterstück des Politthrillers gehandelt; ihn im Ganzen allerdings derart mit Lorbeeren zu beschmeißen, wäre bei weitem zu viel der Ehre.
Zugegebenermaßen hat er einen unwiderstehlichen Joker im Repertoire, der jegliche Urteilsfähigkeit zeitweise vernebeln kann: Jessica Chastain. Dass der Originaltitel klipp und klar mit dem Nachnamen ihrer Rolle wirbt, rechtfertigt sie mit einer Bombenleistung, vermutlich der besten, die sie je gezeigt hat. Miss Sloane ist einerseits ein typischer Hollywood-Karrierehai, sie basiert auf einer Karikatur, die in unzähligen Anwalttsserien in allen Formen bereits als Abziehbild verarbeitet wurde. Doch gerade weil es Chastain gelingt, Klischee um Klischee wegzuwischen, ohne sich dazu auch nur einmal umdrehen zu müssen, erschafft sie ein ungemein reizvolles Portrait einer Frau, deren wahre Gestalt man eigentlich so gut wie nie zu sehen bekommt. Ihr dabei zuzusehen, wie sie unzählige soziale Rollenbilder strategisch als Maske auflegt, um aus der jeweiligen Situation den größtmöglichen Profit zu schlagen, das ist der spektakulärste Spezialeffekt des Films.
Kommt man hingegen auf die anderen Qualitäten zu sprechen, so trifft man auf viel Schein und wenig Sein. Das extrem hohe Erzähltempo erhöht die Dynamik, wirkt zielstrebig, selbstbewusst und aussagekräftig. Allerdings verbirgt es relativ simple Interessenkonflikte, die mit Hilfe von Stereotypen effekthascherisch an den Mann gebracht werden. Dazu gehören die aus "House Of Cards" sattsam bekannten Kausalketten aus Medienmanipulation und Stärkung der eigenen Position, ebenso wie die emotionale Ungebundenheit gegenüber bestimmten Positionen innerhalb einer Debatte, selbst wenn es sich dabei um jene über die amerikanischen Waffengesetze handelt. So läuft die Protagonistin in einer Schlüsselszene scheinbar mühelos von einem Lager ins andere über, ohne dass man ihr deswegen einen Persönlichkeitswandel beziehungsweise ein Umdenken unterstellen könnte: Ihre Loyalität gehört ganz alleine ihrer Karriere.
Dann wiederum ist es aber auch einer jener Filme, die sich gegen Ende mit Wendungen regelrecht überschlagen. Man ist sich nicht einmal zu schade, Rückblenden zu aktivieren, um das Geschehene in neuem Licht erscheinen zu lassen. Derartige Mittel zeugen im Jahr 2017 nicht mehr unbedingt von einem ausgewählten Stil; das Aha-und-Oho-Publikum wird es aber freuen, dass ihnen ein Ventil zum Luftdruckausgleich geboten wird.
Trotz allem ist "Die Erfindung der Wahrheit" natürlich für einen Thriller direkt aus der Hölle unsympathischer Karrieremenschen und verachtenswerter Lobbyisten ein schwer unterhaltsames Stück Abendunterhaltung, sofern man mit dem vorgegebenen Tempo mithalten kann (manch einer wird sich zum Abspann vielleicht immer noch mit der Palmöl-Mafia beschäftigen, die zur Einführung diskutiert wird). Im besten Fall trägt es vielleicht sogar seinen Teil zu einem Umdenken bezüglich der US-Waffengesetze bei, deren Absurdität immerhin noch einmal deutlich zur Geltung kommt. Vergleicht man allerdings mit einem echten Genre-Klassiker wie "The Insider", so werden die Qualitätsunterschiede doch schnell deutlich.
(6.5/10)
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