Benedict Cumberbatch spielt den arroganten Neurochirurgen Dr. Stephen Strange, eine echte Koryphäe auf seinem Gebiet, die es zu Ruhm und Reichtum gebracht hat. Nach einem schweren Autounfall verliert er jedoch seine zuvor so herausragenden manuellen Fertigkeiten, seine Finger sind nun unbeweglich, seine Hände zittern. Da ihn die Medizin nicht vollständig wiederherstellen kann, greift er nach dem letzten Strohhalm, fliegt nach Nepal und begibt sich in die Hände einer Heilerin, gespielt von Tilda Swinton. Die erschüttert sein Weltbild nachhaltig, entführt ihn in andere Dimensionen, zeigt ihm, dass Magie wirklich existiert. Seine neu erworbenen Fertigkeiten wird Strange bald schneller benötigen, als er ahnt, weil ein der Dunkelheit verfallener Ex-Schüler seiner Lehrerin, gespielt von Mads Mikkelsen, die Erde in eine dunkle Dimension stürzen will.
Ähnlich wie die Penrose-Treppe, die - je nach Blickwinkel - unendlich weit nach oben oder unten führt, stellte auch Christopher Nolan mit „Inception“ das räumliche Empfinden seiner Zuschauer auf den Kopf, indem er eine ganze Großstadt regelrecht zusammenfaltete. Doch verglichen mit der Optik des neuen Beitrags aus dem Hause Marvel, „Doctor Strange“, sieht selbst der Film des großen Kino-Visionärs Nolan (rein visuell jedenfalls) blass aus, wenngleich sich Scott Derrickson, Regisseur von „Sinister“ und „Der Tag, an dem die Erde stillstand“, sicherlich am Film seines britischen Kollegen orientiert.
In „Doctor Strange“ werden die Gesetze von Raum und Zeit in ebenso faszinierenden wie gewaltigen Szenen in bestem 3D auf den Kopf gestellt. Schmale Gänge werden in die Unendlichkeit verlängert, ganze Straßenzüge kippen, als würde die Gravitation mal eben ihre Richtung ändern, New York wird im dreidimensionalen Raum in seine Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt. Da die Bilder bis ins Detail perfekt gestaltet sind, kann man sich an diesen psychedelischen Sequenzen, die vorwiegend in einer Spiegel-Dimension verortet werden, kaum satt sehen. Doch damit stößt Derricksons Vision noch nicht an ihre Grenzen. In einer anderen Szene bekämpfen sich die außerkörperlichen Ichs von Strange und einem Gegner in einem Krankenhaus, während die physische Gestalt des Neurochirurgen blutend auf dem OP-Tisch liegt. Besonders eindrücklich ist auch das Finale, das der augenzwinkernden Zerstörungsorgie im Mini-Format aus „Ant-Man“, was den Einfallsreichtum angeht, in Nichts nachsteht. Während sich Gut und Böse bekämpfen, läuft die Zeit rückwärts, sodass die obligatorische Zerstörungsorgie in Hongkong zu einer nicht minder eindrucksvollen Rekonstruktion einer zerstörten Stadt wird. Wurde der Overkill an CGI zuletzt bei zahlreichen Comic-Verfilmungen, allen voran bei „Batman v Superman“, bemängelt, passt das von Derrickson entfesselte Effekt-Gewitter hier gut zu Story, Rahmen und Figuren, sodass es sich organisch in den Film einfügt.
Die eindrucksvolle Optik lässt über die hanebüchenen Prämissen des Films weitgehend hinwegblicken, verstellt mitunter sogar den Blick auf die eher unübersichtliche Story, die sich zwischen all den Schauplätzen (New York, London, Hongkong, Nepal) und den Dimensionen zeitweise etwas verliert und so auch mal ein wenig Leerlauf erzeugt. Das führt in der Konsequenz auch zu einer eher holprigen Narration. Darüber tröstet aber auch der typische Marvel-Humor hinweg, der das mystische Geschehen ein wenig auflockert, wenn sich etwa der Zettel mit dem vermeintlichen Mantra als banales WLAN-Passwort entpuppt. Außerdem steht dem abstrusen Spektakel und seinem arroganten Protagonisten die Eigenironie ganz gut, als besonders witzig wäre etwa der lebendige Mantel, die Reliquie des Chirurgen, zu nennen.
Benedict Cumberbatch, der in „Sherlock“ bereits als eingebildeter Detektiv überzeugte, als hochbegabtes aber sozial unterentwickeltes Genie in „Imitation Game“ brillierte und den nicht minder von sich eingenommenen Khan in „Star Trek Into Darkness“ verkörperte, war als arroganter Neuro-Chirurg nicht nur eine nachvollziehbare, sondern die perfekte Besetzung, die wohl beste Personalentscheidung, die seit Robert Downey jr. bei Marvel getroffen wurde. Cumberbatch, der mit seinem einnehmenden Charisma von Anfang an besticht, stellt den leider allzu vorhersehbaren Wandel seiner Figur vom herablassenden Narziss zum selbstlosen Weltenretter so glaubhaft dar, dass diese Drehbuchschwäche kaum ins Gewicht fällt. Daneben zeigt die nicht minder charismatische Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton als Älteste, dass auch kleine Gesten auf der Leinwand großen Eindruck hinterlassen können. Chiwetel Ejiofor und Rachel McAdams, die sich seit „12 Years a Slave“ bzw. „Spotlight“ durchaus Charakterdarsteller nennen dürfen, sind daneben nur schmückendes Beiwerk. Das Hauptproblem von „Dr. Strange“ ist jedoch ein anderes:
So erfrischend anders diese Comic-Verfilmung auch ist, sie krankt am gleichen Problem wie zuletzt „X-Men: Apocalypse“, „Batman v Superman“ oder „Suicide Squad“: dem Bösewicht. Statt sich nicht nur visuell ein Vorbild an Nolan zu nehmen und einen einnehmenden Antagonisten wie den Joker einzuführen, verschwendet auch Scott Derrickson kaum Laufzeit darauf, einen echten Gegenspieler aufzubauen. Dementsprechend wird Mads Mikkelsen, dessen Figur sich beim Kampf gegen Strange zudem nicht allzu geschickt anstellt, weitgehend verheizt. Auch das ebenso einfallslose wie austauschbare, von einem der dunklen Seite verfallenen Finsterling forcierte Weltzerstörungsszenario, das vom Helden verhindert werden soll, könnte aus dutzenden anderen Genrefilmen stammen. Bei Marvel scheint schon wieder in Vergessenheit geraten zu sein, dass „Captain America: Zivil War“ vor allem auch dank seines cleveren Bösewichts zum Hit avancierte.
Fazit:
„Doctor Strange“ hat in Person von Cumberbatch und Swinton einige darstellerische Höhepunkte zu bieten und dazu noch viele mehr auf visueller Ebene. Dank der einzigartigen Optik und eines Schusses Humor bietet der neueste MCU-Film so gute Unterhaltung. Die schwache Geschichte, die hanebüchenen Prämissen und der austauschbare Bösewicht trüben das Vergnügen jedoch ein wenig.
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