Dieser Woody Allen ist schon ein Fuchs. Soll dem Auftraggeber Amazon Studios eine Serie als Prestigeobjekt fürs Prime-Portfolio zimmern, doch Allen ist die ganze Sache nicht geheuer. Als man ihm auf sein Zögern hin immer mehr Geld anbietet, absolute Narrenfreiheit in Sachen Kreativität ohnehin inklusive, knickt er ein, streicht sämtliche Vorteile ein und nimmt insbesondere die Narrenfreiheit wörtlich. Anstatt einer Serie liefert er also einen ganz normalen Woody-Allen-Film - in sechs Akten. Und als wäre das noch nicht genug, beschwert er sich höchstpersönlich in der Hauptrolle fortwährend über das TV-Serien-Format. Im übertragenen Sinne natürlich, lässt er doch seine Filmrolle die Meckerei übernehmen.
Es mag ein interessantes Experiment sein, einen Autorenfilmer und erklärten Mann des Kinos mit dem Serienformat zusammenzubringen, das in der letzten Dekade sein volles Potenzial für das Geschichtenerzählen endlich entfaltet hat. Nur ist Kreativität bekanntlich nicht zu erzwingen. Allen scheitert hier nicht etwa, weil es ihm nicht gelänge, das TV-Format zu bändigen, sondern weil er es nicht einmal versucht. Wenn man denn in diesem Zusammenhang überhaupt vom Scheitern sprechen kann.
Es ist trotzdem schön, Allen erstmals seit "To Rome With Love" wieder in einer eigenen Regiearbeit vor der Kamera zu sehen. Die Eröffnungssequenz beim Friseur fungiert als Prolog in Sketch-Format und streut zwei Running Gags aus, die während der gesamten sechs Folgen immer wieder aufgegriffen werden: Einmal an der Oberfläche ein Witz über den Haarschnitt, der an einen berühmten Schauspieler erinnern soll. Und dann auch schon der erste selbstreferentielle Seitenhieb mit Blick auf die Produktionsumstände. Ins Seriengeschäft wolle er einsteigen, verrät der kauzige alte Mann dem Barbier. Dort lasse sich jetzt das Geld verdienen.
Stimmt diese erste Szene noch auf eine amüsante Sketch-Reihe ein, wird bald deutlich, dass dem Regisseur weder zum TV-Format noch zur gewählten Epoche, der Zeit der Revolutionen (zumindest diese konnte er ja frei wählen), etwas Geistreiches einfallen mag. Die witzigsten Momente liefern tatsächlich noch die ersten beiden Episoden, in denen Allen sein altbekanntes Ego einmal mehr aufleben lässt und in ein kongeniales Zusammenspiel mit seiner Partnerin Elaine May einbettet. Teilen sich die Beiden eine Szene, ist das Zusehen die investierte Zeit wert. Obwohl auch hier nur wieder alte Neurosen aufgewärmt werden, funktionieren diese Momente im Sinne einer Sitcom (ohne lachendes Publikum, über weite Strecken sogar ganz ohne Musik) durchaus, so wie sich überhaupt sämtliche Schauplätze für eine Sitcom eignen würden.
Die Probleme beginnen, als Miley Cyrus auf den Plan tritt. In trampeliger, blökender Art und Weise lärmt sie durch jede ihrer Szenen und lässt das bei Allen so notwendige komödiantische Feingefühl völlig vermissen. Schlimmer noch: Das typische Allen-Moment, als eine dramatische Wendung die selbstgenügsame Romantik seiner Filme durchbricht, legt sich hier in Form einer Revolutionslehre völlig ziellos im Plot nieder. Allen ist bestens mit den 60er Jahren vertraut, scheint aber keinen Plan in petto gehabt zu haben, den Status Quo mit ihnen aufzubrechen. Mehr als das Gewusel einer Bücherclubrunde bestehend aus alten Frauen, die mit afroamerikanischen Aktivisten und zwei Handwerkern plötzlich im Hausflur stehen, mehr also als diese allzu offensichtliche Versammlung zur finalen Pointe, die nie kommt, weiß "Crisis In Six Scenes" enttäuschenderweise nicht zu aufzubereiten.
Letztlich stellt sich die Frage, worin der Sinn liegt, einem Woody Allen nur eine einzige Vorgabe zu machen (TV-Serie), wenn er ausgerechnet diese Vorgabe trickreich umgeht. Das Ergebnis war durchaus abzusehen, wenn man die zugegebenermaßen etwas generisch wirkenden, immer aber nach den Regeln eines Films oder zumindest eines Theaterstücks ausgerichteten Allen-Outputs der letzten Jahre betrachtet. Auch als 130-Minuten-Film ist "Crisis In Six Scenes" deutlich im unteren Teil des Gesamtwerks anzusiedeln. Vorwürfe möchte man am Ende jedoch niemandem machen, weder Allen für die Annahme des Gehaltsschecks noch Amazon für das Experiment. Wieso auch; eine kleine Chance besteht schließlich immer, dass etwas Fruchtbares entsteht. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.