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"Ein Besuch in der Champagnerfabrik E. Mercier u. Cie. zu Luxemburg, sowie in deren großartigen Etablissements und Weiden-Anlagen in Kopstal" ist ein etwa neunminütiger Kurzfilm der Familie Marzen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vornehmlich in Trier am Filmgeschäft teilgenommen hatte. Wendel, Apollonia, Peter, Hubert und August Marzen hatten um die Jahrhundertwende - je nach Quelle 1897 oder 1902! - damit begonnen, sogenannte Lokalfilme für den Eigengebrauch im eigenen Wanderkino (und später auch in eigenen Kinosälen in Trier und Luxemburg) herzustellen, und noch bis in die späten 20er Jahre - wenn auch getrennte Wege gehend - als Kinobesitzer gewirkt. Bei diesen vor allem für Lokalhistoriker interessanten Lokalfilmen handelt es sich gewissermaßen um Porträtfilme einer Gegend und der jeweiligen Bevölkerung.
Der im Juni 1907 in Kopstal entstandene "Ein Besuch in der Champagnerfabrik E. Mercier u. Cie. zu Luxemburg, sowie in deren großartigen Etablissements und Weiden-Anlagen in Kopstal" strebt hingegen viel stärker in die Richtung des Dokumentarfilms und des Werbefilms: Der Titel ist Programm und der kurze Film präsentiert die Anreise zur Fabrik, das Verkorken, das Degorgiren, die Arbeit auf den Weidenplantagen, die Herstellung von Weidenkörben, das Etikettieren, das Abpacken und Verschicken der Ware und einen gemeinsamen Jagdausflug am Ende des Arbeitstages. Natürlich liefert dieser kurze Stummfilm ohne Untertitel - der jedoch seinerzeit und auch auf der DVD der edition filmmuseum[1] mit erläuternden Kommentaren ausgestattet wurde - keine tiefergehenden Informationen über die Champagnerherstellung: vielmehr klebt er an oberflächlichen Vorgängen & Abläufen und bewirbt ganz nebenbei noch eine angebliche oder tatsächliche Harmonie innerhalb des Betriebs.
Für filmhistorisch Interessierte ist dieses - dem Titel nach so unscheinbare - Werk jedoch ein wahres Füllhorn an erstaunlichen Momenten. Man muss sich bei der Betrachtung vergegenwärtigen, dass ein D. W. Griffith erst in exakt einem Jahr seinen ersten Film drehen sollte; und dass mit Ausnahme der so beliebten, kurzen Panoramen und phantom rides der Großteil der damaligen Filme höchst statisch war und die Montage bloß für Trickeffekte ober für das Ablösen einer Kulisse durch eine andere Kulisse einzusetzen verstand. Auch bei Größen wie Georges Méliès oder Alice Guy war das so: man muss sich bloß einmal die zeitgenössischen Hits der Jahre 1906 bis 1908 anschauen: "La vie du Christ" (1906), "Les quatre cents farces du diable" (1906), "20000 lieues sous les mers" (1907), "L'assassinat du duc de Guise" (1908)... Kameraschwenks wurden nur selten und verhalten eingesetzt, wie etwa in "Le fils du garde-chasse" (1906) oder dem frühen Langfilm "The Story of the Kelly Gang" (1906); und die schon bei Edwin S. Porter ("The Gay Shoe Clerk" (1903)) und George Albert Smith ("Sick Kitten" (1903)) anzutreffende Großaufnahme setzte sich erst in den 10er Jahren richtig durch und blieb lange eine Art Gimmick, eine Art Pointe für ein-, zweiminütige Kürzestfilme, während die systematische Einbindung in längere Werke noch auf sich warten ließ. Und der 1908 aufkommende film d'art klebt noch für Jahre am Theater und setzt auf statische Kameras und eine simple Montage (wenngleich er immerhin eine bisweilen ausgeklügelte Mise en image erkennen lässt), um vor allem vom literarischen Gehalt zu profitieren. Filmästhetisch spannender war damals nicht selten der Dokumentarfilm, der schon in Mitchells & Kenyons Fußball-Aufzeichnungen "Dewsbury v Manningham" (1902) oder "Burnley v Manchester United" (1902) mit raschen Schwenks an der Grenze zum Reißschwenk arbeitete und insgesamt den Trickeffekten à la Méliès und dem Bühnencharakter André Calmettes & Charles Le Bargys eine Fülle an Schwenks und Fahrten, eine weniger berechenbare Montage und ein lebhafteres, abwechslungsreicheres Agieren der Personen gegenüberstellte: Das ist etwa in Robert W. Pauls wundervollem "Whaling Afloat and Ashore" (1908) so - und auch in "Ein Besuch in der Champagnerfabrik E. Mercier u. Cie. zu Luxemburg, sowie in deren großartigen Etablissements und Weiden-Anlagen in Kopstal", der sicherlich zu den erstaunlicheren Filmen seines Jahrgangs gezählt werden kann.

Der Film beginnt mit einem Auto, das sich aus der Ferne nähert und dann ganz dicht im Vordergrund links abbiegt und das Bild somit nach rechts verlässt: eine dynamische Einstellung, die schon damals keinesfalls neu war, aber einen effektvollen Einstieg darstellt. In der zweiten Einstellung fährt das Gefährt dann von rechts nach links durchs Bild: eine heutzutage als unzulänglich wahrgenommene Eigenart des frühen Kinos, welches sich noch nicht darauf festgelegt hatte, dass nach rechts aus dem Bild verschwindene Objekte in der nächsten Einstellung von links wieder ins Bild hereinzukommen haben (solange es keinen augenfälligen Achsensprung gibt). (In dieser Hinsicht ging Méliès dann immerhin doch etwas systematischer vor als einige Kollegen.) Dass die Insassen kurz vor dem ersten Schnitt in die Kamera grüßen und dass die Kamera in der zweiten Einstellung einen Schwenk vollführt, um dem Automobil zu folgen, hebt den Kurzfilm der Marzens bereits über den Durchschnitt der damaligen Filmlandschaft.
Aber was folgt noch alles: Arbeiter, welche die Fabrik verlassen - wie in "La Sortie de l'Usine Lumière à Lyon" (1895) - und in einer langen Prozession an der Kamera vorbeiwandern. Dieses Motiv findet sich mehrfach in diesem Film und variiert dabei so oft, dass man "Ein Besuch in der Champagnerfabrik E. Mercier u. Cie. zu Luxemburg, sowie in deren großartigen Etablissements und Weiden-Anlagen in Kopstal" glatt als eine Art best of von damaligen Straßenzugs- & Prozessionsfilmen sehen kann: Alte Greise und junge Kinder, Frauen auf Feldwegen und Männer in städtischen Straßen, Menschen und Autos und Züge; Leute, die sich unbeobachtet wähnen, und Leute, die die neugierig in die Kamera blicken, und teilweise sogar stehenbleiben, um sich stolz positionieren, um später ihr filmisches Abbild beäugen zu können. Eine alte Frau hält vor der Kamera einen Monolog, während sich hinter und neben ihr unzählige arbeitende Kolleginnen bis in den Hintergrund erstrecken, wo ein Arbeiter die Frau und die Kamera beobachtet. Und manchmal beobachtet die Kamera herannahende Karren, während eine junge Korbflechterin am rechten Bildrand im Vordergrund einen spannenden Kontrapunkt zu dieser Bewegung abgibt. Sogar der Filmemacher Wendel Marzen winkt dabei gelegentlich in die Kamera, während die Kinder des Fabrikbesitzers am Bildrand entlanggehen und gar nicht zu ahnen scheinen, dass sie gerade für die Nachwelt festgehalten werden. (Noch selbstreflexiver fielen solche Szenen bloß dann noch aus, wenn inmitten solche Straßenszenen andere Filmemacher beim Drehen zu sehen waren wie etwa in "Concours d'automobiles fleuries (retour)" (1899).)
Zwischendrin gibt es Landschaftspanoramen: Schwenks über die Fabrik und die Wälder drumherum; oder einen Schwenk über einen kleinen Flussverlauf, während Frauen am Ufer flechten und zwei Arbeiter im Wasser an ihrem Kahn streiten, bis einer von ihnen zur Erheiterung aller Anwesenden ins kühle Nass gestoßen wird: eine kleine Mini-Handlung, die fünf bis zehn Jahre zuvor eine eigene, kleine Komödie abgegeben hätte und nun eine Art Spielfilm-Einschub im dokumentarischen Werbefilm darstellt (bevor gleich darauf der ebenfalls inszenierte Monolog der alten Bäuerin erfolgt).
Noch erstaunlicher als diese Spielfilmhandlung ist jedoch die Kulisse, die einmal inmitten der Originaldrehorte dargeboten wird: Zwischen all den naturalistischen Aufnahmen befindet sich das Verkorken und Degorgiren, welches eigentlich im Fabrikinneren stattfindet, hier allerdings aufgrund der Lichtverhältnisse im Hof erfolgt, in welchem bemalte Leinwände den Eindruck eines Innenraums hervorrufen sollen. Es sind simpel bemalte, im Wind wehende und letztlich nicht überzeugen wollende Kulissen wie man sie auch aus weniger aufwendigen, frühen Literaturverfilmungen wie "The Death of Poor Joe" (1901) kennt: Insbesondere der gegen die wogenden Leinwände spritzende Champagner, der auf den gemalten Hintergründen satte, dunkle Flecken hinterlässt, kehrt die Künstlichkeit nochmals überdeutlich hervor. Und diese Künstlichkeit, die der Film zu keiner Sekunde verschleiern will, ist inmitten eines Rahmens, welcher keinen Zweifel daran lässt, dass die echten Vorbilder dieser Kulissen nur wenige Meter weit entfernt liegen, eine erstaunliche Erfahrung: Es ist nicht diese Art von kostengünstiger Künstlichkeit, die man heutzutage wohl als dreist bezeichnen würde, sondern eine selbstbewusste, Täuschung & Entlarvung in sich bergende Künstlichkeit, wie sie später etwa bei Mario Bava oder Federico Fellini wieder auftauchte.
Beim Degorgiren setzt der Film dann auch erstmals auf Wechsel von Perspektive und Einstellungsgröße. Inmitten zweier Schwenks - von rechts nach links und von links nach rechts - findet eine weitere Einstellungen ihren Platz, welche die Szene ein wenig aufdröselt, um andere Details ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Das wird sich später noch wiederholen: nicht immer so geschickt und sauber wie beim ersten Mal, aber doch mit einer Häufigkeit & Selbstverständlichkeit, die erstaunlich ist. Erstaunlich ist auch die Vielzahl der (überwiegend sauberen, nur einmal arg ruckartigen) Schwenks, die dem Film jeden Eindruck der 1907 dominierenden Statik austreiben - und die nicht bloß reine Panoramaschwenks darstellen, sondern auch Bewegungen der Figuren fortsetzen bzw. ihnen folgen, wobei am Ende des Schwenks, der Einstellung nicht selten ein pointiert platziertes Motiv steht... Und mit der Präsentation der erlegten Beute nach dem gemeinsamen Jagdausflug durch zwei junge Burschen endet der Film dann so stilsicher, wie er begonnen hatte. (Und auch zwischendurch sticht diese Stilsicherheit immer wieder ins Auge: einmal etwa blickt die Kamera zwischen zwei Reihen von Arbeitern hindurch und bietet einen Gang dar, welcher in einen völlig verdunkelten Hintergrund führt, aus welchem dann plötzlich ein Kollege tritt; auch die Dramaturgie & Dynamik innerhalb statischer Einstellungen beherrscht dieser Film perfekt.)
Es wäre sicherlich übertrieben, "Ein Besuch in der Champagnerfabrik E. Mercier u. Cie. zu Luxemburg, sowie in deren großartigen Etablissements und Weiden-Anlagen in Kopstal" einen durchkomponierten Film zu nennen: In der inhaltlichen Aneinanderreihung seiner Etappen & Stationen mutet er etwas willkürlich an, Montage & Kamera sind nach heutigen Sehgewohnheiten nicht durchweg sauber - und vor allem verfügt er über keine wirklich beherrschte Systematik. In Sachen der Systematik hat Alice Guy in einigen ihrer kürzeren Arbeiten wie "Effets de mer" (1906) reinere, klarere Werke geschaffen und auch D. W. Griffith sollte in den kommenden drei, vier Jahren erhebliche Fortschritte in die Wege leiten. Aber "Ein Besuch in der Champagnerfabrik E. Mercier u. Cie. zu Luxemburg, sowie in deren großartigen Etablissements und Weiden-Anlagen in Kopstal" ist als Potpourri interessanter Mittel so exorbitant wie sein Titel: Die Fülle an Schwenks und Schnitten innerhalb einer Szene, der Wechsel zwischen streng dokumentarischen Aufnahmen und inszenierten Spielszenen, der Wechsel zwischen Originalschauplätzen und betont künstlichen Kulissen, die Mise en image innerhalb statischer Einstellungen verleihen dem Film eine Frische, die ihn moderner aussehen lässt als viele andere Filme seiner Zeit...

8,5/10


1.) Die Rede ist von
edition filmmuseum 18: Crazy Cinématographe. Europäisches Jahrmarktkino 1896-1916, die auf der zweiten DVD "Lokalfilme aus der Großregion Luxemburg/Trier/Saarbrücken" anbietet, zu denen auch "Ein Besuch in der Champagnerfabrik E. Mercier u. Cie. zu Luxemburg, sowie in deren großartigen Etablissements und Weiden-Anlagen in Kopstal" zählt...

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