Down with the Sickness
Trailer machen Filme. Nicht. Aber zumindest lockt ein fantastischer Trailer viele Zuschauer an. Auch nicht. Für beides ist Gore Verbinskis neues Horror-Großprojekt "A Cure For Wellness" ein Beispiel. Denn weder lockt er gerade Massen an Horrorfans an, noch ist er so perfekt wie sein Trailer. Und trotzdem ist er eine absolute Schönheit, die sich kein Anhänger des gepflegten Grusels entgehen lassen sollte. Massiv in seiner Breite, stylisch bis zum geht nicht mehr & ein extrem mutiger Film. Vom Regisseur keine Kompromisse einzugehen, vom Studio keine Kosten & Mühen zu scheuen, von den Darstellern bis an die Grenzen zu gehen - niemand scheute hier Risiko. Mehr davon!
Der Film ist eine bitterböse Abwärtsspirale in eine kranke Welt der Schatten, die man so lange nicht mehr gesehen hat. Der Mix aus "Shutter Island", "The Ring" & David Lynch kann begeistern - man braucht jedoch enormes Sitzfleisch, ein paar Energydrinks & ausreichend Geduld. Dann werden vor allem visuelle Gemüter mit einer paar alptraumreifen Bildern & stilvollen Schocks belohnt. Ohne Frage etwas zu lang & selbstverliebt, doch als Gegenentwurf zum heutigen JumpScare- & Fortsetzungs-Einerlei feiere ich diese etwas andere Wellness-Kur hart.
Erzählt wird die Geschichte eines jungen Karrieremannes, dessen Firma eine wichtige Fusion zu verpassen droht, da sein Chef in einer mysteriösen Klinik am Fuß der Schweizer Alpen abgetaucht ist. Nun bekommt der junge Karrierist den Auftrag seinen Boss zurückzuholen & dabei gerät er in seinen schlimmsten Alptraum in einem der schicksten Settings seit etlichen Jahren Horrorfilm. 146 Minuten sind eine Ansage, da hätte gut an einigen Stellen Fett getrimmt werden können. Doch andererseits machen gerade seine Opulenz & Uferlosigkeit diesen Abstieg in die Reha-Hölle aus. Ein Mammutwerk, das alles will, manchmal stolpert, doch immer fasziniert & mächtig Respekt erwirbt. Verbinski hat schon oft gezeigt, dass er Style & Ton kann - hier schießt er jeden Vogel ab. Da kann höchstens noch Del Toros "Crimson Peak" aus dem letzten Jahr mithalten. Keine unähnlichen Filme.
Ein visueller Overkill & mit ein paar Kameraeinstellungen zum Zungeschnalzen. Keine billigen Schocks, extrem viele Fragen, wenig Erklärungen, viele Geheimnisse - als ob man selbst ein wenig gebrainwashed wird. Kultfilme sind schwer vorauszusehen - dieser hier hat viel, was dafür spricht. Momentan sicher etwas too much für manch einen Zuschauer, gerade für den ungeduldigen Mainstream, seine Fans wird er hoffentlich trotzdem finden & diese werden sich in Zukunft mehren.
Kleinere Abzüge in der B-Note gibt es für eine am Ende gar nicht mehr so überraschende Auflösung, ein paar schwache, unnötige Computereffekte & etwas Redundanz & Abnutzungserscheinungen im Mittelteil. Die opulente, wunderbar klassische Kulisse & ein Gänsehaut-Score, den man noch tagelang pfeifen & säuseln wird, entschädigen jedoch für jede Länge. Wer sich in dieser optischen Fantasmagorie verliert, findet kaum noch heraus. Das Drehen an kleineren Stellschrauben & etwas mehr Substanz hinter all der Pracht, hätten aus "A Cure For Wellness" wohl ein Meisterwerk & Klassiker gemacht. So bleibt ein starkes Stück Mysterykino, dessen pure Bilder sich unangenehm einbrennen können. In die Iris, in die Seele, in das Grundwasser.
Fazit: Kur der Alpträume, Elixier der Angst - überlang, betörend hübsch, faszinierend verstörend. Ein Brocken für Gruselgourmets, den sich keiner entgehen lassen sollte, der es klassisch atmosphärisch & gotisch schaurig mag. Etwas Trimmen & Konzentration hätten jedoch nicht geschadet! Bonuspunkte an Verbinski in Sachen Style, Mut & Größe seiner Vision.