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Nervenheilanstalten, man riecht das schon, haben im Film nicht selten einen dem eigentlichen Zweck entgegengerichteten Effekt. Mit ihren endlosen Korridoren, ihren Kellergewölben zur Sonderbehandlung oder den in teilnahmslosen Lächeln eingefrorenen Gesichtern des Pflegepersonals, muten sie an wie Zuchthäuser vergangener Zeiten. Relikte des Grauens. Schauplätze viktorianischer Gothic-Literatur. Erst vor wenigen Jahren verbuchte Martin Scorsese mit „Shutter Island" (2010) einen Kinoerfolg, der sich rund ums Thema Sanatorium und „Bin ich hier, weil ich irre bin oder bin ich irre, weil ich hier bin" drehte. Und der dient nun als Blaupause für ein inhaltlich ähnlich gelagertes Projekt, das zwar (zu Recht) als Horrorfilm gehandelt wird und doch über weite Strecken Thriller sein möchte. Dazu verlegt man die Handlung dieser deutsch-amerikanischen Koproduktion von der Küste Neuenglands in die Schweiz. Doch wie schon bei Eli Roths „Hostel" (2005) bemerkt, scheint es, als ob die pittoreske Szenerie mitteleuropäischer Länder bei einigen Amerikanern Urängste freilegt. Und es stellt sich so dar, als seien die unheilbar.

Inmitten der malerischen Kulisse der Schweizer Alpen sucht der Angestellte (Dane DeHaan) eines New Yorker Finanzdienstleisters nach dem Verantwortlichen eines ausgehandelten Geschäfts, das dringend noch einer Unterschrift bedarf. Doch der ältere federführende Herr, der auf Reha auf einem umgebauten Bergschloss weilt, wirkt sonderbar umnachtet und macht keinerlei Anstalten, dem unter Zeitdruck stehenden jungen Mann zurück an die Ostküste zu folgen. Also heißt es für den Yuppie, den Patienten mühevoll zu überreden und sich auf einen längeren Aufenthalt einzustellen. Die Zeit vertreibt er sich nebenher mit einer jungen Einheimischen in einem Dorf unten im Tal. Doch auch dort sind manche nicht mehr ganz schappi, denn einige Bewohner des Örtchens mit deplatziertem Ostblock-Charme geben dem Amerikaner deutlich zu verstehen, dass er unerwünscht ist. Mit von der Partie ist der leitende Arzt der Einrichtung, der nicht nur oben auf dem Berg, sondern auch in der Nachbarschaft die Fäden zu ziehen scheint. Es ist dieser im Dunklen munkelnde Doktor, den der nassforsche Gernegroß lieber im Auge behalten sollte. Denn da stimmt bestimmt was nicht im Staate Dänemark.

Es sind einmal mehr die Bizarrerien US-amerikanischer Vorstellungen von Europa, die uns, je nach Schmerzgrenze, schmunzeln oder heulen lassen. Die gestörten osteuropäischen Hillbillys im Bergdörfchen zum Beispiel hören wahlweise Kraftclub oder Wiener Walzer. Solche Musik eben, die echte junge Schweizer mit ziemlicher Sicherheit ziemlich verstörend fänden. Der amtierende Bürgermeister hat dafür im Schrank hinter sich eine Sammlung preußischer Pickelhauben drapiert, was hoffentlich allein der Tatsache geschuldet ist, dass Teile des Films auf der Burg der Hohenzollern im Württembergischen Bisingen gedreht wurden. Ja konnte denn keiner der sich ums Set drängelnden deutschen Zuarbeiter Gore Verbinski, dem nicht ganz unbekannten Regisseur des Films, den nicht ganz wertlosen Tipp geben, dass wenigstens jeder Europäer bemerken müsste, dass hier nicht die Schweiz, sondern Sachsen, Potsdam oder vielleicht die Ukraine im Bild zu sehen sind? Aber sei's drum. Es gibt Wichtigeres an Unwichtigem, was „A Cure for Wellness" so zu bieten hat.

Gore Verbinski, der Macher der US-Version von „The Ring", hat leider einige Altlasten auf seinem Trip in die Alpen im Gepäck. Zwar war sein Geister-Remake von 2002 ein veritables Stück Horror, doch lassen weder die Regiearbeiten von „The Lone Ranger" noch von „Pirates of the Carribean" die Herzen des potentiellen Zielpublikums dieser quasi bei H.P. Lovecraft geklauten Geschichte höher schlagen. Denn sicherlich weiß zwar der hier Verantwortliche, wie man das zugewiesene Budget visuell ansprechend in Zelluloid umsetzt - so wie übrigens hier vorgeführt -, doch ist es beim Massenkino mit der Psychologie der Fiktion eben nicht weit her. Zu glattgebügelt und profan sind dort in aller Regel die Ansprüche, zu kanten- und zahnlos meist die Ambitionen. Zwar gibt sich Verbinski alle Mühe, inhaltlich mehr zu bieten, als er das bei seinen vorangegangenen Arbeiten tat (oder tun durfte), doch stolpert er dabei über die durchwegs unausgereiften Ideen des Drehbuchs von Justin Haythe. Der nämlich schreibt und stöpselt, wie einer, der bei „Lovecraft" an ein Traumschiff denkt.

Dabei lässt sich das Stück gut an. Das ungewohnte Setting der Alpen (bzw. Sachsen-Anhalts), der verdächtige Mediziner (Jason Isaacs, „The Patriot"), die noch zweifelhafteren Patienten, die anregende Ungewissheit, was da als Zuschauer auf einen zukommt - viel stimmt hier so richtig ein auf einen empfehlenswerten Thriller. Doch bei diesem Mundwässrigmachen bleibt es überraschenderweise. Bald sieht der junge New Yorker, der so aussieht wie eine unattraktive Version von Leonardo CiCaprio, nur noch Fische überall, und binnen Kurzem entpuppt sich die junge Einheimische, die aussieht wie eine noch blassere Variante von Christina Ricci, zu ihrem wahren Selbst. Leider führt beides über eine viel zu lange Spielzeit zu nichts wirklich Verwertbarem. Außer den unzähligen geklauten Versatzstücken aus einem ganzen Wust anderer Filme kommt einem hier zwar alles spanisch, aber nichts verständlich vor. Das Shutter-Island-Exploitation Element gewinnt immer mehr an Fahrt und führt über weite Strecken und leider überhaupt nicht schnurstracks in die Katakomben des Gebäudes. In denen gilt es nämlich ein Geheimnis zu lüften. Weil da viel zum Himmel stinkt. Und daran sind nicht die Fische schuld.

„A Cure for Wellness" ist einer dieser Filme, die dem Zuschauer so einiges abverlangen. Zum Beispiel Geduld. Und Verständnis. Und Nachsicht. Hat man die nicht, darf ruhig bekrittelt werden, dass Gore Verbinski beziehungsweise sein Storyschreiber mit ihrer Horror-Thriller-Ideenschau viel zu viel auf einmal wollten, ohne dass sie allerdings bereit gewesen wären, außer einem nicht geringen Budget, viel darin zu investieren. Hier wird zusammengeschraubt und postuliert, nicht erwähnt und fabuliert, frech geklaut und frech fingiert. Und zwar zu sehr, als dass man seinen zunächst wohlwollenden Gefühlen nachgeben könnte. Es ist schon richtig, in dieser Geschichte steckt Potential. Auch wenn es niemand findet. Und, ja, ihr Look ist ansprechend. Aber das laue Wallstreet-Lüftchen, das da eingangs durch ein Büro im Big Apple eine Zugfahrt lang weht, macht allein noch keinen Frühling. Auch wenn den manche schon wieder schnuppern.

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