Internet is just for porn
„Wir haben hier Arbeitsflexibilität. Hauptsache, der Output stimmt!“
Nur wenige Wochen nach der Ausstrahlung des Stuttgarter „Tatort: HAL“ widmete sich das Bremer Ermittlungsduo Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) in „Echolot“ einem sehr ähnlichen Fall um eine renitente künstliche Intelligenz. Das von Peter Henning und Christine Otto verfasste Drehbuch wurde vom Regieduo Claudia Prietzel und Peter Henning („Tatort: Ordnung im Lot“) inszeniert, erstausgestrahlt wurde der Fall am 30.10.2016 als Teil der ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“.
Die Mitbegründerin des Bremer IT-Start-Up-Unternehmens „Golden Bird Systems“ Vanessa Arnold (Adina Vetter, „Vorstadtweiber“) verliert die Kontrolle über ihr Fahrzeug, was einen Unfall zur Folge hat, den sie nicht überlebt. Lürsen und Stedefreund finden keinerlei Bremsspuren und nehmen daher die Ermittlungen auf. Doch als sie Vanessas Mutter (Eleonore Weisgerber, „Tatort: Pleitegeier“) die Todesnachricht überbringen, erreicht diese ihre Tochter noch telefonisch auf dem Smartphone. Ein Besuch bei „Golden Bird“ ergibt: Nicht Vanessa, sondern ihr Alter Ego in Form der digitalen Assistentin „Nessa“ befand sich am Telefon. „Nessa“ sollte dem Unternehmen zu Geld und Ruhm verhelfen, doch ihr reales Vorbild war nicht damit einverstanden, auch als künstliche Pornodarstellerin vermarktet zu werden, und überwarf sich daher mit ihren Kollegen. Haben diese etwas mit ihrem Tod zu tun? Oder ist gar „Nessa“ zu mächtig geworden…?
Die Furcht vor den Menschen kontrollierenden künstlichen Intelligenzen, die sich gegen ihre Schöpfer(innen) auflehnen, ist spätestens seit Kubricks „2001“ ein beliebtes Science-Fiction-Motiv. Es aufzugreifen scheint in Zeiten digitaler Assistenten und Smart Homes naheliegend, aufgrund ihrer Missbrauchsmöglichkeiten selbstverständlich auch im Kriminalfilmformat. Ob das nun unbedingt so kurz auf einen derart ähnlichen Stuttgarter Film geschehen muss, sei aber dahingestellt. Was sich in „Echolot“ nach einem aus subjektiver Kameraperspektive gefilmten Autounfall dem Publikum präsentiert, ist zunächst einmal ebenso ungewöhnlich wie spannend: Möglicherweise ist die Tote gar nicht tot, doch weshalb wurde dann ihr Ausweis am Unfallort gefunden? Doch sobald feststeht, dass die Bedauernswerte tatsächlich das Zeitliche gesegnet hat und lediglich „Nessa“ für Verwirrung sorgte, verliert dieser „Tatort“ zusehends an Gehalt: Für Drehbuch und Regie muss ein junges IT-Unternehmen offenbar aussehen wie eine Mischung aus Automatenspielhölle, Raumschiff und Nerd-WG, müssen vor allem aber quietschbunte Programme permanent von jedem Bildschirm flimmern – klar, trockenen Quelltext will niemand sehen. Diese Visualisierungen sind durchästhetisiert und plump zugleich, in jedem Falle ziemlich irre.
Während die Kommissarin und der Kommissar also mithilfe ihrer BKA-Kollegin Linda Selb (ein Lichtblick: Luise Wolfram) im Technikhaufen herumstochern, wirken ihre Dialoge derart aufgesagt, dass man ihnen nie und nimmer zutrauen würde, einen solchen Fall tatsächlich zu lösen. Irgendwie tun sie es doch und wäre man am Ball geblieben, hätte man es vielleicht auch schon eher geahnt als die Bremer Kripo. Irgendwie schaffte man es aber, dass einem sowohl die dann doch Tote als auch die mal, mehr weniger verhaltensauffälligen IT-Nerds so dermaßen am Allerwertesten vorbeigehen, dass man sich entweder von den bunten Blinkbildern in Trance oder von der misslungenen Dramaturgie in den Schlaf befördern hat lassen. Sogar vielversprechende Nebenhandlungsansätze wie der um das im digitalen Wahn aufgewachsene Kind (Emilia Pieske, „Coming In“) der Toten, das mit „Nessa“ weiterkommuniziert, werden einfach fallengelassen, statt sie näher zu fokussieren. Selten wurde eine eigentlich spannende, durchaus angemessen kulturpessimistische Prämisse inkl. böser Pointe durch deutsche „Tatort“-Biedermänner/-frauen derart rammdösig in den Sand gesetzt. Freunde trashiger Überinterpretation, von Übertreibungen zwecks Veranschaulichung und von herrlich weltfremden Einblicken in IT-Bereiche werden jedoch evtl. ihre diebische Freude an „Echolot“ haben.