Review

Der Flugzeugkollision bei Überlingen/Bodensee im Jahre 2002 lieferte die Vorlage für diesen vor allem dem deutschen Titel Vendetta – Alles was ihm blieb war Rache nach vermeintlichen Action-Streifen mit Arnold Schwarzenegger. Tatsächlich aber geht es um eine Art Charakterstudie zweier von dem tragischen Unglück Betroffener - auf der einen Seite ein russischer Bauarbeiter (Schwarzenegger), der seine Familie (Frau und Tochter) verlor, auf der anderen Seite ein Fluglotse, dessen Unachtsamkeit zumindest mit-ursächlich für den Absturz der beiden Maschinen war.

Inwieweit sich Vendetta – Alles was ihm blieb war Rache an die Wirklichkeit hält, ist schwer zu beurteilen - grundsätzlich wurde der Ort des Unglücks für das amerikanische Publikum in die Staaten verlegt und die Anzahl der Toten fast vervierfacht, die eigentliche Story um die beiden Hauptbeteiligten jedoch scheint(!) einigermaßen authentisch wiedergegeben.

Das Besondere an diesem Unglück ist nicht so sehr der Umstand, daß 71 Menschen, darunter sehr viele Junge, den Tod fanden, sondern daß knapp eineinhalb Jahre später ein an jenem Unglückstag diensthabender Fluglotse von einem Hinterbliebenen ermordet wurde. Genau hier setzt der Film an, er porträtiert den späteren Mörder sowie den Fluglotsen. Abwechselnd werden deren Situation und Folgeverhalten nach dem Unglück geschildert, bis zu jenem Tag des fatalen Zusammentreffens. Die durchaus diskussionswürdige Frage, ob es ein Recht (und sei es nur ein moralisches Recht) auf Selbstjustiz gibt (sie muß ja nicht tödlich enden) in einem Fall, in dem jemand vom einen auf den anderen Augenblick seine ganze Familie verliert wäre ein zumindest publikumsträchtiges Sujet - leider windet sich der Film um genau diese Diskussion herum, spart sämtliche Details (z.B. einer Gerichtsverhandlung) aus und beschränkt sich ausschließlich auf die Darstellung der beiden Hauptbeteiligten.

Schwarzenegger also spielt den bei den Kollegen beliebten Bauarbeiter Roman, der seine Wohnung weihnachtlich dekoriert und dann zum Flughafen fährt, um seine Lieben abzuholen. Als er den Flieger nicht auf dem Monitor finden kann, fragt er nach und wird nach hinten gebeten - professionell wird ihm mitgeteilt, daß es einen Unfall gab. Roman nimmt es versteinert zur Kenntnis. Auf der anderen Seite haben wir Jacob, den Fluglotsen (Scoot McNairy), einen unauffälligen Bürohengst, der gar nicht recht verstehen kann, was er da verbockt hat. Seine Suspendierung und die vorläufigen Beistandserklärungen seiner Vorgesetzten prallen an ihm ab - nachdem sein Haus mit "Mörder"-Graffiti beschmiert wurde, kann er seinem Sohn nicht einmal mehr Frühstückseier zubereiten. Seine Frau hält diesen Zustand nicht lange aus und zieht - vorerst - einmal aus, was er erst recht nicht fassen kann.
Der Film macht dann immer wieder nicht näher bezeichnete Zeitsprünge, und während Roman/Schwarzenegger vor einer Kommission sitzt, da er als Einziger Hinterbliebener die Fluggesellschaft klagen will, und feststellen muß, daß ihm nicht zugehört wird (er möchte offenbar eine Entschuldigung ausgesprochen haben), ihm aber dafür einige tausend Dollar angeboten werden, erhält Jacob das Angebot, unter neuem Namen an einem anderen Ort als Reisebüromitarbeiter eine Art Neuanfang zu wagen.

Man kann weder McNairy noch Schwarzenegger vorwerfen, ihre Rolle nicht ernsthaft ausfüllen zu wollen, gegen das lückenhafte Drehbuch kommen beide jedoch nicht an. Speziell McNairy versteht es, seine Gewissensbisse und sein langsames Durchdrehen glaubhaft zu vermitteln, Schwarzenegger dagegen kann zu keiner Zeit glaubhaft einen gekränkten und verbitterten Kaukasier darstellen, dazu ist er einerseits physisch zu sehr noch der Terminator-Typ, zum anderen ist seine Mimik einfach zu begrenzt. Beide Antagonisten haben Selbstmordgedanken: Während jedoch der Fluglotse dies überzeugend umsetzt, indem er mit sich ringt da er sich mit Tabletten vergiften will und diese dann doch wieder mühsam und unter Tränen auskotzt, steigt Schwarzenegger nachts auf einen Rohbau auf seiner früheren Arbeitsstelle. Breitbeinig steht er da an der Kante und breitet die Arme aus - das sieht nach "Mir gehört die Welt" aus, nicht jedoch nach Suizid. Auch scheint der schweigsame Riese überhaupt keine weiteren sozialen Kontakte zu haben außer einem Arbeitskollegen und seinem Nachbarn, dem er den Zaun repariert. Nein, diese Rolle steht Arnold überhaupt nicht, er ist hier glatt fehlbesetzt. Für keinen der beiden Akteure kann man irgendeine Sympathie entwickeln, für die ganz wenigen Nebendarsteller mit ihrer kurzen Screentime erst recht nicht.

Für das Zielpublikum besonders interessant wäre natürlich der Absturz selbst, eventuell technische Details, in jedem Fall aber eine gerichtliche Hauptverhandlung - nichts davon wird gezeigt oder thematisiert, eine mehrfach gezeigte wackelnde Tragfläche mal ausgenommen. Stattdessen plätschert die Geschichte vor sich hin, Jacob scheint sich in seinem neuen Job wieder zu fangen und Roman, der dies von einer sensationsgeilen Journalistin erfährt, bittet dieselbe um dessen neue Adresse. Die bekommt er von ihr aufgeschrieben, wenngleich sich die Journalistin danach sofort feige zurückzieht (eine seltsame Berufsauffassung) - und das Unglück nimmt seinen Lauf. Als Roman bei Jacob klingelt, hat der gerade zum ersten Mal seine Familie zu Gast im neuen Heim und keinerlei Zeit, den ungebetenen Gast anzuhören. Als er mit der Polizei droht und Roman dabei das zerknickte Foto von dessen verstorbener Familie aus der Hand auf den Boden fällt, sticht Letzterer zu - eine Affekthandlung? Dies könnte der Höhepunkt des Films sein, leider behandelt ihn das Drehbuch genauso beiläufig wie all die anderen vorhergegangenen Szenen. Schwarzenegger setzt sich, das Messer noch in der Hand, still auf Jacobs Sofa, und die schreiend herbeigelaufene Ehefrau und der Sohn (die übrigens nichts unternehmen, keine Wiederbelebungsversuche, nicht mal den Notarzt rufen sie - wtf??) sitzen gleich daneben. Und Schnitt.

Während im Film eine Haftstrafe von über 10 Jahren kurz angesprochen wird, hatte in der Wirklichkeit ein Schweizer Gericht auf 8 Jahre entschieden - ein anderes Schweizer Gericht ermäßigte dann den Mord an dem Fluglotsen auf etwas über 5 Jahre und schlußendlich durfte der Kaukasier dann nach 3,5 Jahren Haft als freier Mann das Gefängnis verlassen. Zurück in seiner Heimat Nord-Ossetien wurde ihm für diesen Mord ein hohes Amt sowie die höchste staatliche Auszeichnung verliehen, aber davon hört und sieht man in diesem Film nichts. Stattdessen kommt noch einmal der Sohn des Fluglotsen ins Spiel, der halbherzig auf Rache sinnt, auf diese dann aber verzichtet.

Insgesamt ist Vendetta – Alles was ihm blieb war Rache ein halbgarer Streifen, der so ziemlich jeden interessanten Punkt dieser Thematik ausspart und stattdessen ein lückenhaftes Bild zweier unterschiedlicher Charaktäre bietet, das am Ende niemanden zufriedenstellen kann. Neben dem Fehlen sämtlicher technischer und gerichtlicher Aspekte verabsäumt es der Film auch, klar Position zu beziehen. Ein - durchaus streitbares - Plädoyer für Selbstjustiz ist es ebensowenig wie ein Plädoyer gegen Rache auf eigene Faust - am Ende herrschen nur Bitterkeit und Düsternis, geklärt ist gar nichts, stattdessen bleibt beim Zuseher ein flaues Gefühl: nämlich daß dieser nichtssagende Film Zeitverschwendung ist. 3 Punkte für die Darsteller, 0 Punkte fürs Drehbuch.

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