Noch weitgehend unerforscht sind die Gedankengänge des menschlichen Gehirns, das uns - namentlich bei Erinnerungen - oftmals einen Streich spielt, uns aber auch vor allzu unangenehmen Wahrnehmungen schützt. So geht es auch der Fotografin Jane (Abbie Cornish), die gerade den Geburtstag ihrer kleinen Tochter Alice (Lola Flanery) feiert, als sie einen schweren Autounfall erleidet, infolge dessen sie kurzzeitig ihr Gedächtnis verliert. Als die Erinnerungen nach und nach zurückkommen, vermischen sich diese mit Wahrnehmungen aus ihrer Kindheit, denn Jane hat ein schweres Trauma erlitten, als sie im Alter von etwa 10 Jahren ihre gesamte Familie verlor. Das Massaker an ihren Eltern und ihrer Schwester im Jahre 1985, das sie als einzige überlebte, galt seither als unaufgeklärt - nun aber erscheinen der Mittdreißigerin plötzlich Bruchstücke von damals, die sie nicht einordnen kann. Vor allem der Umstand, daß nur sie selbst diese Fingerkreisel, Schmetterlingsfeen und Kinderlieder zu sehen und hören scheint, bereiten ihr Sorge.
Als ein Brief vom Amt kommt, daß die einstige elterliche Farm - seit den Vorfällen von ihrem Onkel bewirtschaftet - nun ihr übertragen wird, scheint sich der Kreis zu schließen: Gemeinsam mit Ehemann und Tochter verbringt Jane eine Nacht in dem ländlichen Anwesen, wodurch sich ihre merkwürdigen Sinneseindrücke immer mehr auf die Vorkommnisse in jener Todesnacht fokussieren: was war damals, vor 25 Jahren, wirklich geschehen, was bis in die heutige Gegenwart reicht?
Ganz auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten präsentiert Regisseur Ed Gass-Donnelly mit Lavender einen Mystery-Streifen, der dem Zuseher dank seines langsamen Erzähltempos einiges abverlangt - sind die vielen merkwürdigen Begebenheiten wie seltsame Geschenkkästchen vor der Türe, Ärzte, die im Maisfeld-Labyrinth verschwinden oder kindliche Abzählreime ("Eckstein, alles muß versteckt sein") nur Halluzinationen einer traumatisierten Unfallfahrerin oder treibt da jemand ein böses Spiel mit der attraktiven Blondine, die sich von verlassenen alten Häusern angezogen fühlt und diese mit aufwendiger Planfilm-Fototechnik ablichtet?
Nichts von alledem, was da vor sich geht, scheint einen Sinn zu ergeben, nur die kurze Eingangsszene des Films, die die Folgen der Mordnacht (nicht aber dessen Hergang) beleuchtet, dient als Ankerpunkt eines vorweggenommenen Finales, auf das der nach einem Kinderlied benannte Streifen hinzusteuern scheint. Doch der Weg dorthin ist lang, und da sich die Regie lieber in breit ausgewalzten Traumsequenzen bildgewaltiger Einstellungen wie beispielweise vom satten Grün amerikanischer Maisfelder ergeht, dabei auch gerne Zeitlupen oder gar eingefrorene Szenen verwendet, gleichzeitig aber auf Actionsequenzen und Gore fast komplett verzichtet (selbst das wenige Blut, das fließt, darf sich schön langsam ausbreiten) ist jener vorerwähnte Ankerpunkt für so manchen Zuschauer wohl der einzige Grund, nicht vorzeitig abzudrehen: irgendwann muß es doch mal zur Sache gehen?!
Aber selbst jenes das ganze Rätsel immerhin auflösende Finale wird durch Slow Motion-Einstellungen abgedämpft und überläßt es darüberhinaus weitgehend dem Kopfkino des Publikums, was der eigentliche Grund des Massakers war.
Somit vermag Lavender nur mit seinen Schauwerten zu überzeugen, in Sachen Spannung ist dagegen nichts zu holen, auch wenn die Atmosphäre, wirkungsvoll durch einen dezenten Score (vom Streicherensemble bis zu tiefen Basstönen) unterstützt, zwischendurch auch kurz für Gänsehautfeeling sorgt.
Abbie Cornish nimmt man die in ihren Erinnerungen gefangene Fotografin durchaus ab, ein paar kleinere Schlampereien (wie ein angestochener platter Reifen, der dann doch aufgepumpt rollt oder ein falsches Todesdatum auf einem Grabstein, 1986 statt 1985) fallen nicht weiter ins Gewicht, doch insgesamt bietet das sich einschläfernd langsam entfaltende Drama um ein düsteres Kindheitserlebnis storytechnisch absolut nichts Neues. Kann man sich anschauen, muß man aber nicht gesehen haben: 5 Punkte.