Review

Mysteriös, kunstvoll, ambitioniert – das alles will „Intacto“ sein. Ein ungewöhnlicher Film unter vielen gewöhnlichen.
Er erreicht dieses Ziel schon allein über sein Thema, dem Spiel mit dem Glück, doch am Ende muß man eingestehen, daß der Film noch etwas besser hätte sein können.

Bleiben wir aber beim Positiven: der Film hat seinen speziellen Reiz.
Allein erzählerisch: eine Gruppe von Leuten, denen das Glück anscheinend sehr zugetan ist, spielt riskante Spielchen mit hohem Einsatz, um herauszufinden, wer der Glücklichste unter ihnen ist. Gleichzeitig können sie jedoch durch Berührung anderen Menschen ihr Glück abziehen und für sich verwenden. Das finale Ziel ist das Antreten gegen den einen unter ihnen, der wie ein Gott ist, einen Juden, der KZ überlebte. Das finale Ziel ist die höchste Ehre – oder der Tod.

Kunstvoll verwoben wird diese Geschichte erzählt : vom Glücksgesellen Federico, der selbständig arbeiten will und von dem Juden seiner Kräfte beraubt wird. Der sich stattdessen selbst einen Lehrling holt, Tomas, den einzigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes. Der wiederum von einer Polizistin, Sara, verfolgt wird, die selbst ein Glückskind ist, weil sie einen Unfall überlebte, jedoch deswegen von Schuldgefühlen übermannt wird.

Langsam entfaltet sich der mysteriöse Plot sich vor den Augen der Zuschauer, nach und nach sickern Informationen durch, was hier eigentlich vorgeht. Die Berührungsängste der Protagonisten sind da zunächst ebenso verwirrend, wie die seltsamen und beängstigenden Spiele. Da versucht jemand, mit verbundenen Augen die Autobahn zu überqueren; werden Wetten ein riesiges Insekt platziert, daß sich auf verschiedene Spieler niederlassen kann; da wird mit verbundenen Augen durch den Wald gerannt, bis man gegen einen Baum rennt.

Die Einsätze für die Spiele kommen in Form von Fotos: Kunstwerke, Autos, Häuser, genau wie Fotos von Personen Macht über deren Glück für den Besitzer innewohnt. Existenzen ggf. zu zerstören ist dabei genauso drin, wie diese Personen wieder freizugeben, wobei der einzige Sinn der Existenz zu sein scheint, mit seinem Glück zu spielen und zu gewinnen. Oder zu verlieren.

Der Jude Samuel wiederum, hervorragend gespielt von Max von Sydow, scheint in den Kellern unter einem Spielkasino auf den Meister zu warten, der ihn endlich besiegen kann. Das Duell läuft dabei immer gleich ab: ein Revolver mit fünf Kugeln und einer leeren Kammer, der Herausforderer schießt zuerst, danach ist der Jude dran. Und bisher hatte niemand so viel Glück wie er.
Doch seine Macht scheint zugleich seine Last, wenn er die Fotos von Leuten, über deren Glück er Macht hat, bereits in Karteischränken verwahrt.

Der bedächtige Aufbau macht das Mysteriöse erst wirklich faßbar und trotz daß der Plot langsam aber sicher entwickelt wird, bleibt vieles im Unklaren, wie z.B. die Macht, die Tomas versehentlich über das Glück seiner Exfreundin hat und wie stark Tomas Beweggründe den finalen Showdown schließlich beeinflußen.
Der wiederum wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet, denn wessen Glück schließlich wen und wie beeinflußt hat, geht in einem Schußwechsel in einem abgedunkelten Raum unter.
Schüsse im Dunkeln, ein letztes Glücksspiel.

Es ist eine fragile Konstruktion, getragen von einer ruhigen Kamera und einem einfallsreichen Setdesign, die die Ereignisse und ihre Unwirklichkeit in verstörenden Bildern festhalten. Der Lauf durch den Wald, die Leere der Kellerräume, dagegen die Weite der Natur, als sich Samuel und Tomas gegenseitig erstmals begegnen und sich ihre Geschichten erzählen, wobei sie in ihren weißen Kleidern selbst wie Fremdkörper wirken.
Ja, die Bilder können einen wirklich süchtig machen.
Jedoch das Tempo der Inszenierung leidet unter dem Willen zur Kunst. Es ist schlichtweg keine Geschwindigkeit im Plot, wenn die Poesie der Visualisierung aus jedem Meter Film trieft.
Darum soll sich auch niemand wundern, wenn der hervorragend geschnittene Trailer mehr Dramatik verspricht, als der Film halten kann.
Es sind alle Szenen im Film enthalten, doch die Komposition, die Montage ist eine völlig andere.

Die Darsteller an sich spielen wunderbar sachlich und den Bildern angemessen forciert. Von Sydow ist ein stilles Zentrum, die Spanier bieten durch die Bank weg solide Leistungen. Wirkliche Charakterköpfe fehlen Nicht-Spaniern aber ein wenig dabei, denn niemand spielt sich hier in den Vordergrund, alles Individuelle wird dem Gesamtwerk untergeordnet.

So gestaltet sich „Intacto“ als visuell stimminger und ungewöhnlicher Film, dessen düsteres Thema einen geheimnisvollen Reiz auf die Zuschauer ausübt, von denen einige allerdings zu schnell die Geduld verlieren werden und die anderen ihren üblichen Sehgewohnheiten die Zügel schießen lassen werden.
Ein Film, der würdig gewesen wäre, auf der großen Leinwand zu erscheinen.
Remakes natürlich nicht ausgeschlossen. (8/10)

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