Review

"Verstaubte Fremde"

Was wurde über „Allied" nicht alles geschrieben. „Eine zu Herzen gehende, epische Liebesgeschichte." „Eine Wiedergeburt des großen alten Hollywood der 1940er und 50er Jahre." „Eine Verbeugung vor einem der größten Filme der Geschichte: Casablanca." Inzwischen hat sich der (Weih-)Rauch etwas gelegt. Das Kinoeinspiel hat sich schlicht geweigert, den hochtrabenden Ankündigungen zu entsprechen und die angeblich heiße Affäre zwischen den Stars Brad Pitt und Marion Cotillard ist längst aus den Klatschspalten verschwunden. Zeit also für eine nüchterne Betrachtung des Spionagethrillers von 80er-Jahre Goldesel Robert Zemeckis („Back to the Future").

Eines gleich mal vorweg. Wenn man den vermeintlich aktuell attraktivsten Superstar mit der französischen Christopher Nolan-Muse Marion Cotillard ins vom Nazifreundlichen Vichy-Regime besetzte Casablanca schickt, um dort eine gefährliche Liebschaft und noch gefährliche Spionage-Tätigkeiten zu beginnen, dann marschiert man schnurstracks ins Vergleichs-Sperrfeuer mit Michael Curtiz sakral überhöhtem Filmklassiker. Ein Angriff aus einer exponiert defensiven Position also, man könnte auch schlicht sagen: ein Himmelfahrtskommando. Gut, man hat mit einem weltweiten Presse- und Publikumsliebling (Pitt), einer der ganz wenigen nicht-englischsprachigen Oscar-Gewinnerinnen (Cotillard) und einem Regie-Dauerbrenner („Back to the Future", „Forrest Gump", „Flight") gleich drei zentnerschwere Geschütze an Bord. Alles (wunder)schön und (sehr) gut, nur sollte man auch mal was vom „Gefecht der verbundenen Waffen" gehört haben, zumal bei einem Film, der so stark von Krieg und Militär handelt.

In „Allied" feuert ein jeder einfach drauf los, ohne groß auf den Nebenmann zu achten. Also gibt Pitt bevorzugt den entrückten Schönling, der mehr auf seine perfekt sitzende Garderobe und v.a. das vorteilhaft einfallende Licht der Wüsten- oder Abendsonne achtet, als auf seine angeblich unsterbliche Filmliebe. Diese wiederum versucht den blassen Pitt durch Koketterie, geheimnisvolle Blicke und bevorzugt verführerische Gesten in den Schatten zu stellen. Ein Miteinander sieht anders aus, dementsprechend abstrakt wirkt die lediglich behauptete, heiße Liaison. Zemeckis wiederum lässt die beiden gewähren und konzentriert sich voll und ganz auf elegische Bilder der marokkanischen Wüste, des staubigen Casablancas und des Blitz-geplagten Londons.
Der Film wird damit zum sepiahaften Photoalbum, das v.a. den optischen Geist seiner Vorbilder einfangen will. Das gelingt auch, die Bilder sind edel, der Schnitt angenehm rhythmisch, die Kameraführung angenehm fließend. Nur für einen Filmgenuss essentielle Dinge wie Emotionen, Dramatik, eine interessante Geschichte und ebensolche Figuren rücken dabei zusehends in den staubigen und nebligen Hintergrund.

Dabei hat der Grundplot durchaus Potential für einen spannenden Spionagethriller: 1942. Der kanadische Geheimdienstoffizier Max Vatan (Pitt) und die französische Widerstandskämpferin Marianne Beausejour (Cotillard) sollen im Auftrag der Briten in Casablanca den deutschen Botschafter ermorden. Getarnt als Ehepaar bereiten sie den gefährlichen Anschlag vor. Wenig später heiraten die inzwischen auch real Verliebten in London. Als auch noch ihr erstes Kind geboren wird, scheint das Glück trotz der Kriegswirren vollkommen. Bis Marianne in den Verdacht gerät, eine Doppelagentin zu sein ...

Und tatsächlich ist die zweite Filmhälfte noch die deutlich spannendere. Die ganze Casablanca-Episode plätschert relativ ereignislos vor sich hin, was nicht nur an der gespielten Chemie zwischen Pitt und Cotillard liegt, sondern auch an dem vergleichsweise einfachen Gelingen ihres Vorhabens. Kurzzeitig keimt etwas Hoffnung auf, als August Diehl zu einer Wiederholung seines superben Auftritts in „Inglourious Basterds" ansetzt und als süffisant-durchtriebener Nazi-Offizier das französische Paar auf Herz und Nieren prüft. Leider werden Diehl und seine Figur vom lauen Drehbuch schnöde verschenkt und unnötig schnell wieder fallen gelassen.
Erst mit Mariannes Verdächtigung als deutsche Spionin kommt ein wenig Thriller-Stimmung auf. Das wenig fokussierte und v.a. kaum raffinierte Skript verhindert allerdings auch hier Größeres. Weder Maxs Ermittlungen, noch sein Gefühlschaos vermögen so richtig zu packen oder empathisch zu wirken. Es bleibt bei ein paar Spannungstupfern, von einem Sog ist weit und breit nichts zu spüren. Vor diesem Hintergrund kann dann auch das hoch emotionale Ende die erhoffte Wirkung nur bedingt entfalten.
Das liegt auch daran, dass Zemeckis bei seinen zwei zentralen Gefühls-Offensiven übers Ziel hinaus schießt. So findet die erste sexuelle Annäherung zwischen den beiden Spionen in einem Auto inmitten der marokkanischen Wüste statt, um das er - im Gleichklang mit der steigender Leidenschaft im innern - draußen einen tornadoartigen Sandsturm toben lässt. Ähnlich plakativ inszeniert Zemeckis dann auch das zweite Liebesglück. So wird das Baby der Vatans auf den Straßen vor einem evakuiertem Londoner Krankenhaus geboren, während am Nachthimmel deutsche Bomber und englische Luftabwehrgeschütze um die Wette donnern.

Casablanca ist da nicht nur geographisch, sondern v.a. filmisch ganz weit weg. Schade um einen visuellen Künstler und begnadeten Erzähler wie Zemeckis, der hier v.a. von Stars und Autor nur Standardware geboten bekommt. Pitt und Cotillard verfügen durchaus über Ausstrahlung und Präsenz, die an klassisches Hollywood erinnern. Aber sie spielen mehr neben- als miteinander. Letztlich sind ihre Figuren aber auch zu oberflächlich gezeichnet und ihr Schicksal zu stromlinienförmig erzählt. So bleibt nur erlesen bebildertes Starkino von der Stange. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sieht anders aus.

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