„Lost in Love in Space"
Manche Stoffe sind einfach zeitlos. Daniel Defoes Abenteuergeschichte um den auf einer einsamen Insel Gestrandeten Robinson Crusoe ist ein solcher. Das Motiv des Eingeschlossenseins in einer abgeschotteten räumlichen Umgebung und die daraus resultierende Einsamkeit hat aufgrund seiner universellen Bedeutung zahlreiche Genres und Gattungen geprägt, vor allem aber die phantastische respektive die Science-Fiction-Literatur und später natürlich deren filmische Pendants.
Mit „Passengers" kommt nun binnen eines Jahres bereits die zweite Robinsonade im Gewand einer Stargespickten und hoch budgetierten Hollywood-Produktion. Und wie Ridley Scott in „Der Marsianer", lässt auch der Norweger Morten Tyldum seinen Helden in einer futuristischen Hightech-Umgebung stranden. Diesmal allerdings nicht auf einem unwirtlichen Planeten nahe der Erde, sondern an Bord eines hoch entwickelten Raumschiffs auf dem Weg zu einer neuen Welt in einer weit entfernten Galaxie. Die Reisedauer ist mit 120 Jahren angesetzt, so dass die Crew und 5000 Kolonisten in Stasiskammern gewissermaßen überwintern. Durch einen Defekt wird allerdings der Handwerker Jim Preston bereits nach 30 Jahren geweckt, was ihn zu lebenslanger Einsamkeit auf der „Avalon" verdammt, sofern es ihm nicht gelingt seine Kälteschlafkammer zu reaktivieren.
Die erste halbe Stunde ist schlicht atemberaubend. Preston erkundet zunächst fasziniert seine neue Umgebung und schafft es nach dem ersten Schock, sich mit seiner Situation zu arrangieren. Das Schiff bietet allerlei Möglichkeiten zur Zerstreuung, schließlich sollten sämtliche Passagiere vier Monate vor Ankunft geweckt werden um sich kennen zu lernen und auf ihre Aufgaben auf der neu zu besiedelnden Kolonie vorzubereiten. Und er hat sogar einen Ansprechpartner. Barkeeper Arthur (Michael Sheen) ist zwar ein Android, aber durch sein menschliches Äußeres und seine Konversations-Programmierung eine beliebte Anlaufstelle für Preston. Der optische und erlebnisorientierte Wow-Faktor, gepaart mit humoristischer Auflockerung nährt die Hoffnung auf Großes.
Das Team um Artdirector und Production Designer Guy Hedndrix Dyas schuf dafür über 40 phantastische Sets (u.a. ein Pool mit Weltraumblick und ein mehrstöckiges Atrium), deren Ideenreichtum und technische Raffinessen einem futuristischen Abenteuerspielplatz gleichen, auf dem man als Zuschauer sofort am liebsten gemeinsam mit Preston herum tollen würde. Das Großzügige, Ausladende, Luxuriöse der Interieurs ist vor allem aufgrund der allgegenwärtige Leere von betörender Schönheit. Aber auch von außen macht die Avalon mehr den Eindruck eines Luxusliners denn eines schnöden interstellaren Fortbewegungsmittels. Insbesondere die permanente Rotation der kreisförmigen, riesigen Besatzungsbereiche um einen speerförmigen Schiffskern verleiht der Raumfähre etwas Majestätisches.
Zumindest für Jim Preston ist dieser Sinnesrausch natürlich endlich. Nach der ersten Entdeckereuphorie folgt unweigerlich die depressive Katerstimmung ob der trostlosen Zukunftsperspektive. Die zunächst verdrängte Erkenntnis den Rest seines Lebens in völliger Einsamkeit und Eintönigkeit verbringen zu müssen, eingesperrt in einem goldenen Käfig inmitten den unendlichen Weiten des Weltalls, holt Preston mit voller Wucht wieder ein und führt in eine gefährliche Abwärtsspirale aus resignativer Gleichgültigkeit und körperlicher Verwahrlosung.
Hier zeigen sich erste Risse in der glänzenden Fassade des Films, denn der stets sympathisch und gut gelaunt wirkende Chris Pratt schafft es nicht, die sich auftuenden seelischen Abgründe seiner Figur glaubhaft zu vermitteln. So bleibt es lediglich bei Accessoires wie einem wild wuchernden Bart und einem vordringlich durch Schminke hervor gerufenen Trübsinnsblick. Allzu lange währt der Zustand auch nicht, denn Preston hatte auf seinen Streifzügen die schlafende Schriftstellerin Aurora Lane entdeckt und sich in sie verliebt. Und plötzlich steht sie vor ihm ...
Mit dem Auftreten Auroras ändert sich die Grundstimmung des Films und die tragische Science-Fiction-Robinsonade weicht immer mehr einer genretypischen Romanze. Die üblichen Stationen des Kennenlernens, der gemeinsamen Aktionen und des schlussendlichen Brautwerbens werden allerdings ein wenig zu routiniert abgehandelt. Hauptproblem ist aber die fehlende Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern. Dabei liest sich die Besetzung auf dem Papier wie ein gewiefter Coup mit Volltreffergarantie. Hier Chris Pratt, der neue, kernige Abenteurer mit eingebautem Charmemodul („Guardians of the Galaxy", „Jurassic World"), dort Jennifer Lawrence, die ebenso hübsche wie actionerprobte Everybody´s Darling-Allzweckwaffe („Die Tribute von Panem"). Vor allem Lawrence nimmt man das Anhimmeln ihres Co-Stars so gar nicht ab und bei der einzigen, dazu vorhersehbaren, dramatischen Beziehungskrise verfällt sie in ebenfalls deutlich gespielt wirkende Hysterie.
Überhaupt ist die Dramaturgie nicht gerade ein Aushängeschild von „Passengers". Neben der nicht allzu berührenden Liebesgeschichte, werden auch die emotionalen und psychischen Abgründe einer solchen Extremerfahrung lediglich gestreift und enttäuschend oberflächlich behandelt. Und als die Handlung dringend ein neues Moment zur technischen Problemlösung benötigt, zaubert das Skript flugs Lawrence Fishburne als Deux ex Machina aus dem Hut und lässt ihn nach getaner Arbeit ebenso urplötzllich wieder darin verschwinden.
Wieder einmal also eine unnötige Ansammlung verpasster bzw. nur halbherzig genutzter Chancen bei einem mit besten Vorraussetzungen ausgestatteten Blockbuster aus der kalifornischen Traumfabrik. Skript und Darstellerchemie können mit dem audiovisuellen Hochgenuss nicht Schritt halten, sogen aber immerhin noch für ein nettes Science-Fiction-Abenteuer. Hätte man der Liebesgeschichte mehr Tiefe, oder dem Havarie-Ansatz mehr Dramatik verpasst, „Passengers" hätte durchaus das Zeug zu einem Genre-Highlight wie jüngst „Der Marsianer" gehabt. So reicht es nur zu einer familienfreundlichen Robinsonade im All, wunderbar ausgestattet und attraktiv ausstaffiert, also mehr schöner Schein als substantielles Sein. Es bleibt einsam auf der Insel der Science-Fiction-Klassiker.